Interview

Neue Tischler-Innung-Obermeisterin Nicole Rohlfs wirbt für das Handwerk

Nicole Rohlfs ist neue Obermeisterin der Tischler-Innung.
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Nicole Rohlfs ist neue Obermeisterin der Tischler-Innung.

Das Tischlerhandwerk hat eine lange Tradition. In der Kreishandwerkerschaft Diepholz/Nienburg steht in dieser Innung erstmals eine Frau an der Spitze. Nicole Rohlfs ist neue Obermeisterin – mit klaren Ziele, die sie verwirklichen will. Im Interview erklärt sie, was die Preisspirale bei Holz und eine starke Konkurrenz für ihre Innung bedeuten. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Frau Rohlfs, was ist das Schönste an Ihrer neuen Funktion als Obermeisterin?
Ich mag den regionalen und überregionalen Austausch. Das finde ich super! Mir ist wichtig, dass wir gemeinsam das Image des Handwerks voranbringen. Ich freue mich auf die Aufgaben und die neuen Erfahrungen.      Mir ist wichtig, das Handwerk interessant zu machen – und gerade Schülerinnen und Schülern zu vermitteln: Hey, ihr könnt das auch machen. Ihr müsst nicht ins Büro gehen oder euch für einen Modeberuf entscheiden.
Wo sehen Sie große Herausforderungen in Ihrer Branche?
Eine wirklich große Herausforderung ist, mit der Industrie mitzuhalten – weil ja auch die Industrie immer individueller wird. Heutzutage kann man als Kunde schon einzelne Bauteile im Internet anklicken und sich so sein eigenes Möbelstück anfertigen lassen. Das war sonst immer ein Bereich, den die Tischlerbetriebe allein abgedeckt haben.
Die Preissteigerungen für Holz sind extrem, um bis zu 70 Prozent mehr waren plötzlich zu zahlen. Welche Auswirkungen hat das auf die Betriebe?
Preissteigerungen von 70 Prozent treffen eher auf den Bereich der Zimmerer für zum Beispiel Dachlatten zu – aber nicht auf alle Waren in holzverarbeitenden Bereichen. Doch es stimmt schon, die Preissteigerungen sind extrem. Im Tischlerbereich haben wir solche von bis zu 50 Prozent in einem halben Jahr, also in einer kurzen Spanne, erleben müssen. Das Schwierigste an diesen extremen Preissteigerungen sind die Auswirkungen auf langfristig vereinbarte Aufträge – wie bei öffentlichen Ausschreibungen zum Beispiel. Da hat man enorme Preissteigerungen für Material und kann den Auftrag zu diesen Konditionen wirtschaftlich eigentlich nicht ausführen. Aber man muss es ja, weil es vertraglich so vereinbart ist. Für einige Betriebe ist das wirklich hart.
Was ist zurzeit das größte Problem?
Das ist schwer zu sagen, die Branche ist groß und vielseitig. Für die Firmen, die sich auf Messebau spezialisiert haben, ist wahrscheinlich Corona das größte Problem – die letzte Zeit, es fanden ja keine Messen statt. Für andere Bereiche sind es die immer aufwendiger werdenden Verwaltungstätigkeiten auch im Handwerk, die Dokumentation und Nachweisführung. Für die Firmen, die ihre Hauptaufträge aus Ausschreibungen bekommen, sind es voraussichtlich die Preisentwicklungen. Bei mir denke ich, ist das größte Problem, die Materialien rechtzeitig genug zu bestellen, damit ich immer lieferfähig bin – und die Preise immer gerecht den kurzfristigen Preissteigerungen anzupassen.
Einerseits hat das Handwerk goldenen Boden, wie aktuell die Auftragslage auf dem Bausektor zeigt. Andererseits gibt es auch sinkende Betriebszahlen, zum Beispiel bei den Bäckern. Wie ist die Entwicklung bei den Tischlern?
Es gibt auch immer weniger Tischlerbetriebe. Da ist die Nachfolge das Problem. Einige Betriebe haben bereits aufgegeben, weil sie keinen Nachfolger gefunden haben. Manche aber auch, weil es schwierig ist im Wettbewerb mit der Industrie. Und wer will denn noch diese Verantwortung übernehmen und selbstständig sein? Man arbeitet selbst und ständig – dieser Spruch kommt ja nicht von ungefähr! (lacht)
Handgefertigte Möbel oder Türen aus der Tischlerei – das gibt es noch, gerade bei besonderen Stilrichtungen. Bleibt das ein Nischenmarkt, oder gibt es reelle Wachstumschancen?
Im Prinzip ist es so: Es wird wohl ein Nischenmarkt bleiben. Die Tischlereien, die nach dem Strukturwandel übrig bleiben, werden größer werden und sich spezialisieren. Dann stellt sich ja auch die Frage: Was ist eigentlich noch handgemacht? Eigentlich sind es doch Einzelstücke.
Hat das Tischlerhandwerk ausreichend Nachwuchs?
Ich würde sagen: Nein. Das Tischlerhandwerk hatte schon immer damit zu kämpfen, dass sich gute Auszubildende im Anschluss für ein Studium entscheiden oder abwandern – manche gehen gleich in die Industrie. Das Tischlerhandwerk ist ein vielseitiger Beruf und hat eine sehr umfangreiche Ausbildung, weil es ein Holz, Kunststoff und Aluminium verarbeitendes Handwerk ist. Deshalb sind die ausgelernten Kräfte in anderen Branchen sehr gefragt.
Wo besteht dringend Handlungsbedarf?
Beim Image des Handwerks. Es macht mich traurig, dass das Handwerk im Vergleich mit dem Studium nicht als gleichwertig gilt – und dass manche, die sich für eine handwerkliche Ausbildung entscheiden, sich die Frage gefallen lassen müssen: Warum machst du nichts Besseres? Dabei kann das Handwerk eine wirklich erfüllende Perspektive sein. Man erschafft Dinge, über die sich andere Menschen freuen. Und man hat am Ende des Tages etwas erschaffen.         Das moderne Handwerk hat nichts mehr mit der körperzehrenden Tätigkeit unserer Vorfahren zu tun. Man könnte sagen: Man spart das Fitnessstudio. Ich sehe das jedenfalls so! (lacht)
Was ist Ihr nächstes Ziel, Frau Rohlfs?
Alle Mitglieder meiner Innung kennenzulernen. Und zu erfahren, was ihnen wichtig ist, wofür ich mich in ihrem Sinne einsetzen kann.

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