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Siard Schulz stand über mehrere Jahre an der Spitze der Jungsozialisten in Weyhe

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Von: Sigi Schritt

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Siard Schulz.
Siard Schulz hat als Juso-Vorsitzender nicht mehr kandidiert. © Sigi Schritt

Mit 14 hat Siard Schulz an die Tür des SPD-Büros in Weyhe geklopft. Über mehrere Jahre hinweg war er an der Spitze der Jusos in der Gemeinde. Nun übergibt der 25 Jährige den Staffelstab an Lara Meyer, damit auch die jüngere Generation ihre Anliegen einbringen könne.

Weyhe – Die Jusos in Weyhe blicken in diesem Jahr auf ihr 50-jähriges Bestehen. Im Jubiläumsjahr hat Siard Schulz kürzlich den Führungsstab an Lara Meyer abgegeben. Der 25-Jährige hat nicht mehr kandidiert. Die Kreiszeitung hat mit Siard Schulz über seine Zeit als Juso-Vorsitzender in Weyhe gesprochen. Die Fragen stellte Sigi Schritt.

Siard Schulz, wie haben Sie persönlich den Weg zu den Jusos gefunden?

Das ist mittlerweile fast elf Jahre her. Ich war damals 14 Jahre alt. Das ist übrigens die Untergrenze, ab der man überhaupt Mitglied in der SPD und bei den Jusos werden kann. Die SPD hat damals Bürgersprechstunden in ihrem Bürgerbüro an der Hauptstraße angeboten, und ich bin dann allein zur Tür rein, wo mich Frank Seidel und Astrid Schlegel etwas ungläubig begrüßt haben. Ich sagte, dass ich gern Mitglied werden wolle. Ich glaube, den beiden war das alles nicht ganz geheuer. Ich sollte das doch noch mal mit meinen Eltern besprechen. Kurzerhand war ich dann aber Mitglied und bin dann an die Jusos, deren Vorsitzender Tevfik Özkan war, weitergeleitet worden. Da habe ich dann meine ersten Schritte gemacht.

Was waren die Gründe für den Eintritt?

Der Politik-Unterricht an der Schule hat mir Spaß gemacht, und ich war in der Schülervertretung aktiv. Ich glaube, das war am Ende ein wichtiger Grund, mich weiter engagieren zu wollen. Und dann war da natürlich die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Für mich kamen damals mehrere Sachen zusammen, jetzt aktiv werden zu wollen.

Wie politisch ist die Jugend in Weyhe?

Seit einigen Jahren gleichbleibend stark. Als ich bei den Jusos einstieg, war ich in meiner Altersklasse in Weyhe der einzige. Mittlerweile sind wir bei den Jusos um die 16 Mitglieder, von denen sieben zwischen 14 und 18 Jahre alt sind. Da hat sich einiges getan und da haben wir auch hart für gearbeitet. Aber auch darüber hinaus sind das schon sehr politische Zeiten. Das beste Beispiel sind dafür doch die Fridays-for-Future- Kundgebungen in Weyhe, das Engagement in den Schülervertretungen oder bei der Organisation der Nacht der Jugend.

Wie blicken Sie auf Ihre Zeit als Vorsitzender zurück?

Etwas wehmütig tatsächlich. Von 2013 war ich bereits einige Jahre Vorsitzender, ehe wir uns 2018 wieder neu organisiert haben. Die vergangenen vier Jahre waren eine richtig tolle Zeit mit einer super Truppe. Das Problem der Jusos ist ja, dass Leute irgendwann zum Studieren wegziehen oder eine Ausbildung machen. Wir haben es aber in den letzten Jahren geschafft, immer wieder neue Leute für unsere Arbeit zu begeistern, und sind sogar weiter gewachsen. Diesen Erfolg so zu konservieren, das ist glaube ich in der Rückschau das Schönste und gibt der Strategie des gesamten alten Vorstandes auch Recht.

Was waren die aus Ihrer Sicht wichtigsten Projekte, die Sie gefordert und umgesetzt haben?

Wichtig war uns immer die Unterstützung beim landkreisweiten Bündnis „Wir sind mehr“, deren Gründungsmitglied wir auch sind. Als Jusos Weyhe haben wir in den letzten Jahren außerdem eine Reihe von Anträgen über die SPD-Fraktion in den Rat der Gemeinde eingebracht und dabei schon echte Politik gemacht. Beispielhaft sind hier unser Antrag auf mehr Jugendbeteiligung, der Antrag auf Einführung eines Meldeportals für in der Gemeinde beobachtete Missstände, der mittlerweile auch umgesetzt ist. Und unser Antrag, landkreisweit mehr Sichere Häfen für Geflüchtete zu schaffen oder die Installation von Pfandringen.

Was ist eigentlich aus dem Projekt Pfandringe geworden?

Die Pfandringe waren ja eine Idee, damit nicht mehr unwürdig im Müll nach Pfandflaschen gegraben werden muss. Das kann mitunter ja auch gefährlich sein, wenn sich Scherben oder andere spitze Gegenstände in den Mülleimern befinden. Mittlerweile sind die ersten Pfandringe auch angebracht. Mein Eindruck ist, dass sie auch angenommen werden. Richtig ist aber auch, dass sich ein echter Effekt erst durchsetzt, wenn wir flächendeckend Pfandringe in der Gemeinde haben. Niemand geht 500 Meter weiter zum nächsten Pfandring, um seine Flasche loszuwerden. Im Zweifel wird diese dann einfach weggeworfen und dem Recyclingzyklus entzogen.

Was ist mit der Forderung freier ÖPNV für Schüler?

Ein Ticket nur für Weyhe ergibt keinen Sinn, das denken wir natürlich größer. Umso wichtiger sind dann Förderungen vom Land. Ein erster wichtiger Schritt wäre das 365-Euro-Ticket für Azubis, Freiwilligendienstleistende und Schüler gewesen, das für Januar geplant war. Der niedersächsische Verkehrsminister Bernd Althusmann hat da jetzt auf die Bremse gedrückt und das Ticket soll erst im August umgesetzt werden. Das stellt junge Menschen weiter vor enorme finanzielle Probleme. Die teureren Monatstickets sind dann keine echte Alternative zum Auto, das wiederum nicht jeder besitzt. Wer darauf gesetzt hat, ab Januar klimafreundlich und preiswerter als bisher von A nach B zu kommen, wurde leider vertröstet.

Die Jusos in Weyhe haben in den vergangenen Jahren mit Ihnen an der Spitze viel erlebt: Unter anderem trafen sie Holocaust-Überlebende Esther Bejarano. Was bewirken solche Begegnungen?

Für uns Jusos ist der Kampf gegen Rechts Teil unserer DNA. Aber wir kennen das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte nur aus Schulbüchern. Die Schilderungen von Zeitzeugen machen vor allem uns Jüngeren klar, dass die Zeit, in der Juden-, Fremden- und Behindertenhass und die Ausgrenzung und Ermordung Andersdenkender zeitlich nur ein Menschenleben von uns entfernt liegt. Dass Frau Bejarano 2021 verstorben ist, hat uns alle richtig betroffen gemacht. Anfang 2020 durften wir ihr noch bei einem Auftritt in Stuhr zuhören.

Wie hat Sie Ihr Amt geprägt?

Sehr. Die Jusos waren neben meinem Politikwissenschaftsstudium immer meine Gelegenheit, praktisch Politik zu machen und in der Funktion als Vorsitzender auch zu steuern und Schwerpunkte zu setzen. Ich erinnere mich aber auch an interessante Fahrten nach Berlin und Hannover zu bundes- und landesweiten Treffen mit anderen Jusos. Das sind schon tolle Möglichkeiten, von denen ich glaube, dass auch die neue Vorsitzende Lara Meyer sie nutzen wird.

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg lautete das Motto des Antikriegstags, den die Jusos zusammen mit dem DGB und den Weyher Christen in der Felicianus-Kirche veranstaltet haben. Sollten Jusos und die Politik allgemein stärker mit den Kirchen zusammenarbeiten, um die „Schöpfung zu bewahren“?

Ich fand das total klasse, dass die Felicianus-Kirche zu einer solchen Veranstaltung bereit war. Die gemeinsame Veranstaltung mit dem DGB und der Felicianus-Kirche für Frieden und das Bauen von Brücken, gegen menschenverachtende Sprache und Gewalt war jedenfalls absolut passend und ich freue mich, dass wir das gemeinsam hinbekommen haben.

Die Jusos haben Ende der 1960er-Jahre beschlossen, sich als linkes Korrektiv zur SPD zu sehen. Welche Richtung hatten die Jusos in Weyhe unter Ihrer Führung?

Mein Politikverständnis ist eher eins vom gemeinsamen politischen Handeln und dem Einbezug aller. Und gerade hier in Weyhe haben wir eine super Verbindung zwischen den Jusos und dem Ortsverein und der Fraktion. Hier versuchen wir eher im gemeinsamen Gespräch und auf der gemeinsamen Suche nach Lösungen im Vorfeld das Beste rauszuholen. Ein Korrektiv verstehe ich so, dass im Nachgang Dinge zurechtgerückt werden sollen. Wir wollen sie von Anfang an auf die richtige Spur bringen. Ich weiß aber, dass dies hier vor Ort leichter funktioniert als in der großen Politik.

Jusos in Deutschland wollen den Widerspruch von Kapital und Arbeit auflösen, heißt es auf deren Homepage. „Jusos berufen sich insbesondere auf Marx“, steht dort. Was bedeutet das für die lokale Ebene? Sind Jusos auf Bundesebene anders als auf Ortsebene?

Marx hat in seiner komplexen Analyse über die Gesellschaft vor allem die Wertschöpfung und die damit verbundene Ausbeutung der Arbeiterschaft im Blick gehabt. Das Ziel einer klassenlosen Gesellschaft besteht aber bis heute fort. Unser Schlagwort lautet da „demokratischer Sozialismus“. Das hat natürlich nichts mit der DDR zu tun, wohl aber damit, dass unser Gesellschaftsbild demokratisch und menschlich organisiert sein muss. Und es ist ganz sicher keine radikale Idee, dass alle Bürger umfassend sozialstaatlich abgesichert sein müssen und Gerechtigkeit gegen alle Spaltungen durchzusetzen. Mit dem Engagement hier vor Ort für Weyhe als sicheren Hafen, kostengünstigem ÖPNV oder der Beteiligung von Jugendlichen versuchen wir auch in Weyhe, soziale Härten abzufedern und die Gegensätze zwischen arm und reich aufzulösen. Insofern: inhaltlich nicht von der Bundesebene der Jusos verschieden, aber mit anderen Steuerungsmitteln.

Haben Sie für Ihren Job bei den Jusos jemals Anfeindungen erlebt?

Definitiv. Vor allem beim Engagement gegen Rechts und Ungleichwertigkeiten macht man sich keine Freunde. Aber das zeigt zumindest auch, dass es Wirkung hinterlässt. Das ist dann immer auch Ansporn, weiterzumachen.

Welche Juso-Forderungen müssen jetzt andere verfolgen?

Da möchte ich dem neuen Vorstand nicht reinreden. Jeder Vorstand soll da seine eigenen Vorstellungen einbringen und eigene Schwerpunkte entwickeln. Zurufe von der Seitenlinie eines Ex-Coaches sind da nicht angebracht.

Warum kandidieren Sie nicht mehr?

Nach vier Jahren als Vorsitzender sind jetzt andere dran. Ich hatte ja schon gesagt, dass sich die Jusos immer wieder auch personell verändern. Jetzt ist eine neue Juso-Generation am Werk, die ihre eigenen Erfahrungen machen muss und soll. Ich bin jetzt 25 Jahre alt, viele unsere Mitglieder sind 14, 15, 16 Jahre. Sie sollen selbst für sich sprechen. Ganz aus der Welt werde ich aber natürlich nicht sein. Ich habe zugesagt, weiter an den Sitzungen teilnehmen zu wollen, und wenn mein Rat gebraucht wird, helfe ich da gerne.

Vita

Siard Schulz, geboren 1996 in Bremen, hat sein Abitur an der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Leeste im Jahr 2016 abgelegt. Er studierte Politikwissenschaften an der Universität Bremen und schloss das Studium im vergangenen Jahrr mit dem Bachelor ab.

Er sitzt seit 2016 für die SPD im Gemeinderat und war von 2018 Juso-Vorsitzender in Weyhe. Als Nachfolgerin wurde kürzlich Lara Meyer gewählt.

Siard Schulz ist seit 2020 stellvertretender Vorsitzende der SPD in Weyhe. Er sitzt im Verwaltungsausschuss der Gemeinde, der nichtöffentlich tagt. Außerdem sitzt er im Ausschuss für Sport und Kultur sowie in der Arbeitsgemeinschaft Klima. Er ist Sprecher der SPD-Fraktion für Schule, Kindertagesstätten und Jugend.

Aktuell arbeitet Schulz als Social-Manager, Geschäftsführer der SPD-Kreistagsfraktion und Mitarbeiter im Niedersächsischen Landtag.

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