Bewegung fordert bessere Arbeitsbedingungen

Minister Jens Spahn lobt Weyher Protest „Therapeuten am Limit“

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Jens Uhlhorn will nicht, dass Physiotherapeuten in die Altersarmut schlittern und fordert Korrekturen im Gesundheitssystem. „Minister Spahn hat zugehört“, sagt der Weyher.

Weyhe - Von Sigi Schritt. Viele Knie- und Schulter-Operationen sind überflüssig. Handicaps kann man mit konservativen Methoden besser und nachhaltiger behandeln“, sagt Jens Uhlhorn. Der Physiotherapeut aus Weyhe steht an der Spitze der Bewegung „Therapeuten am Limit“, die mit ihren vielen bundesweiten Protestaktionen ein Umdenken in der Politik erreicht hat.

Jens Uhlhorn moniert, dass Berufsanfänger mit rund 20.000 Euro Schulden in den Job starten, weil sie Schulgeld bezahlen müssen. „Physiotherapeuten haben zwar den geilsten Job der Welt“, weil sie gesundheitliche Verbesserungen an ihren Patienten wahrnehmen. Die Verdienstmöglichkeiten seien aber mit 2100 Euro brutto alles andere als gut. 

Der Weyher führt an, dass studentische Aushilfen bei Daimler 2800 Euro brutto bekommen, Krankenschwestern 3200 Euro brutto. Außerdem bekommt das Pflegepersonal in Krankenhäusern mehr Urlaub. Laut Uhlhorn schlittert „jeder Physiotherapeut in die Altersarmut“. Dass Uhlhorn als Unternehmer seinen Angestellten mehr bezahlt, löse das Problem nicht, sagt er. „Wir zahlen nur weniger schlecht als andere.“

Mit seinen fünf Standorten in Bremen und dem niedersächsischen Umland zählt sein Unternehmen (Zentrale: Reha Weyhe) mit 70 Angestellten nach eigenen Angaben zu den größeren Arbeitgebern in Deutschland (Durchschnittliche Praxisgröße: 3,5 Mitarbeiter). „Pro 20 Minuten Behandlung bekommen wir nur 18 Euro“, so Uhlhorn. Wegen seiner Betriebsgröße könne er Prozesse in der Verwaltung automatisieren und Personal flexibel einsetzen. „Das spart Kosten. Davon profitieren unsere Mitarbeiter.“

Für Uhlhorn sollte eine weitere Handbremse gelockert werden: Der Weyher wünscht sich mehr Freiheiten bei der Berufsausübung. Ein Arzt macht eine Momentaufnahme vom Patienten, stellt ein Rezept aus und definiert, wie Therapien auszusehen haben. Wenn wir den Patienten sehen, hat der Krankheitsverlauf möglicherweise eine andere Wendung genommen. Außerdem geben Krankenkassen vor, wie Praxen ausgerüstet sein sollen. „Der Job wird von so vielen Faktoren beeinflusst.“

Das Geld im Gesundheitssystem reiche aus, müsse nur anders ausgegeben werden. Ein Beispiel: Patienten lassen laut Uhlhorn „verrückte Rücken-Operationen“ über sich ergehen, die „niemand benötigt“, obwohl „wir Physiotherapeuten ein besseres und kostengünstigeres Ergebnis erzielen könnten. 

„Da versehen Ärzte den Rücken mit Metall und verblocken Wirbel. Die Folge: Der Körper wird das Problem auf andere Wirbel übertragen, bis die dann ausfallen.“ Die Apparatemedizin verursache zu hohe Kosten. „Chirurgen werden für die falschen Sachen bezahlt.“ Sie müssten „Patienten mehr anfassen, zuhören und beraten. Aber die Beratung wird nicht bezahlt“. Physiotherapeuten seien in der Lage, ganze Muskeln einzeln zu testen.

Jens Spahn 

Die Weyher Kritik sei nicht verhallt, sagt Uhlhorn erfreut. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) präsentierte ein Gesetzespaket, um die Versorgung der Patienten mit Heilmitteln zu stärken und die Arbeitsbedingungen in diesen Heilberufen zu verbessern. Im Interview stellte sich Jens Spahn den Fragen dieser Zeitung.

Was haben die Weyher in Ihren Augen richtig gemacht, weil sie bei der Vorstellung ihres Eckpunktepapiers wörtlich gesagt haben: „Der Protest war berechtigt…“?

Jens Spahn: Das war nicht nur so gesagt. Das war auch so gemeint. Die durchschnittlichen Arbeitsentgelte in den Praxen der Therapeuten liegen deutlich unter denen von anderen Gesundheitsfachberufen. Daran müssen wir schnell etwas ändern. Denn sonst blutet die Branche aus. Schon jetzt ist der Arbeitsmarkt leer gefegt. Das darf nicht so weitergehen.

Wie bewerten Sie den Impuls aus Weyhe?

Spahn: Der Protest war wichtig, um auf die Situation der Therapeuten aufmerksam zu machen. Und es war der Auftakt, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Dazu hatte ich Mitte September ins Ministerium eingeladen. Ich wollte wissen, was die Basis bewegt, bevor wir eine Lösung suchen. Dabei geht es übrigens nicht nur um Physiotherapeuten, sondern um alle Heilmittelerbringer: also auch um Ergotherapeuten, Logopäden, Podologen und Diätassistenten.

Das Gesetzespaket soll die Heilmittelerbringer stärken. Wie wird sich das auf die Versorgung der Bevölkerung mit Therapie auswirken? Insbesondere für die ländlich geprägten Gemeinden?

Spahn: Ziel des Gesetzes ist, den Arbeitsalltag der Therapeuten zu verbessern, den Beruf wieder attraktiver zu machen. Ich baue darauf, dass sich dann wieder mehr für diese Berufe entscheiden, die Versorgung wieder besser wird – auch in ländlichen Regionen.

In Weyhe gibt es mit den Ludwig-Fresenius-Schulen eine private Berufsschule für Pflegeberufe. Erwarten Sie mehr junge Menschen, die sich zukünftig für die Therapieberufe interessieren?

Spahn: Das ist das Ziel. Die Zahl der Anmeldungen für Schulen, die Heilmittelerbringer ausbilden, ist im letzten Jahr in fast allen Therapieberufen gestiegen. Diesen Trend müssen wir fortschreiben.

Wird es eine flächendeckende Befreiung vom Schulgeld geben?

Spahn: Ich hoffe ja. Deswegen habe ich die Länder ja auch aufgerufen, das Schulgeld abzuschaffen. Es kann nicht sein, dass ein angehender Physiotherapeut für seine Ausbildung auch noch mehrere Tausend Euro mitbringen muss. Dazu laufen aber Gespräche mit den Ländern. Ich bin zuversichtlich, dass wir hier eine Lösung finden.

Bekommen Therapeuten mehr Verantwortung übertragen (wichtig für die Versorgungssituation in ländlicheren Gegenden im Südkreis)?

Spahn: Ja. Für bestimmte Beschwerden soll künftig nicht mehr der Arzt entscheiden, wie man den Patienten am besten behandelt, sondern der Therapeut. Der Arzt stellt zwar dann weiter die Diagnose und schreibt die Überweisung, aber der Therapeut hat dann freie Hand. Details dazu werden die Berufsverbände mit den Krankenkassen regeln.

Erhöhungen von 30 Prozent sind im Gespräch. Sind nach dem Gesetzespaket weitere Verbesserungen geplant? Werden Therapeuten mehr als 2500 Euro brutto verdienen können?

Spahn: Die finanzielle Lage der Therapeuten wird sich massiv verbessern. Ihre Tarifsteigerungen sind anders als bisher künftig nicht mehr gedeckelt. Und außerdem werden wir die Preise für Therapieleistungen bundesweit aufs höchste Niveau angleichen. Ich habe von vielen Therapeuten gehört: „Ich liebe meinen Job. Ich arbeite bis zum Umfallen. Aber das Geld reicht trotzdem nicht.“ Ich hoffe, diese Klagen gehören bald der Vergangenheit an.

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