Jürgen Sander gibt Einblicke in seine Tätigkeit

Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter: Mehr als ein Vollstrecker

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Jürgen Sander möchte geordnete, konstruktive Verfahren leiten. Die Arbeit ist emotional nicht einfach.

Landkreis - Von Ulf Buschmann. Der Verein Creditreform hat jetzt die aktuellen Zahlen zur Entwicklung der Insolvenzen in Deutschland vorgelegt – ihre Zahl ging auch im vergangenen Jahr weiter zurück. Darüber, was eine Insolvenz ist, was es für die Menschen bedeutet und wie die Lage im Landkreis Diepholz ist, sprachen wir mit Jürgen Sander.

Er hat eine Rechtsanwaltskanzlei in Weyhe und ist auch als Insolvenzverwalter tätig. Sander, 60 Jahre, verheiratet und Vater einer Tochter, arbeitet seit 1990 als Rechtsanwalt. Seit 2000 ist er auch Fachanwalt für Insolvenzrecht und hat nach eigenen Angaben knapp 3000 Insolvenzverfahren abgewickelt.

Herr Sander, was macht ein Insolvenzverwalter?

Jürgen Sander: Erst einmal ist er ein Verwalter fremden Vermögens. Er muss Entscheidungen treffen, um die bestmögliche Gläubigerbefriedigung zu erreichen. Denn das ist das Ziel und der Kern eines Insolvenzverfahrens. Bei Liquidation eines Unternehmens bedeutet Verwalten Verkauf des Vermögens – entweder durch Versteigerung oder freihändigen Verkauf. Bei Versteigerungen spielt das Internet eine immer größere Rolle. Dies übernehmen sogenannte Verwerter. Da kann man mitbieten und größtenteils günstig einkaufen.

Welches sind die häufigsten Gründe für eine Insolvenz?

Sander: Es gibt mehrere Gründe. Das sind einmal strukturelle Probleme, vor allem im Transportbereich, aber auch in der Textilindustrie. Die Konkurrenten der deutschen Unternehmen kommen aus dem Ausland. Im Transportbereich sind es zum Beispiel Polen, Rumänien und das Baltikum, in der Textilindustrie China oder Vietnam. Dort sind die Löhne niedriger, dadurch können sie ihre Produkte und Dienstleistungen günstiger anbieten.

Die deutschen Unternehmen können wegen der höheren Löhne hierzulande nicht mithalten, verlieren ihre Kunden, verdienen kein Geld mehr und sind dann am Ende. Um das zu verhindern, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern.

Der zweite Grund sind persönliche Schicksalsschläge, und der dritte: Die Leute machen Fehler oder sind gar nicht in der Lage, ein Unternehmen zu führen.

Was sind das für Fehler? Schätzen die Verantwortlichen die Marktlage falsch ein?

Sander: Es liegt oftmals an der Organisation. Für Unternehmen gibt es eine kritische Größe, die liegt bei 15 bis 20 Mitarbeitern. Ab dieser Größe sollte der Chef nicht mehr mitarbeiten. Er ist nur noch dafür verantwortlich, dass der Betrieb funktioniert. Das heißt, der Inhaber oder Geschäftsführer muss dafür sorgen, dass Rechnungen frist- und formgerecht geschrieben werden. Ein Beispiel: Straßenbauunternehmen müssen Rechnungen nach einem bestimmten Muster schreiben, ansonsten werden die von den Behörden nicht bezahlt. Wenn dadurch kein Geld reinkommt, wird das jeweilige Unternehmen schnell insolvent.

Kleinere Unternehmen haben es schwieriger, bei der steigenden Anzahl der geforderten Normierungen mitzuhalten. Das erleben wir gerade bei der Umsetzung der Datenschutz-Grundverordnung. Statt Geld zu verdienen, sind sie mit der Umsetzung der gesetzlichen Anforderungen beschäftigt.

Und welche Rolle spielt die Zahlungsmoral der Gläubiger? Darüber gibt es ja immer wieder Klagen.

Sander: Auch hier gibt es für die Kunden zahlreiche Möglichkeiten, berechtigte Zahlungen einzubehalten beziehungsweise hinauszuzögern, wenn der Unternehmer über keine entsprechende Bürokratie verfügt, wenn also beispielsweise auf dem Bau Nachträge nur mündlich und nicht schriftlich in Auftrag gegeben werden. Im Zweifel hat dann der Bauunternehmer das Nachsehen.

Welche Sektoren sind aus Ihrer Erfahrung heraus am meisten von Insolvenzen betroffen? Sind es Handwerksbetriebe, Dienstleister oder das verarbeitende Gewerbe?

Sander: Da kann ich für unsere Region keinen Spitzenreiter ausmachen, in allen Bereichen kommt es zu Insolvenzen.

Wie werden sie in den betroffenen Unternehmen empfangen?

Sander: Die leitenden Leute in den betroffenen Unternehmen wissen, was die Stunde geschlagen hat. Sie sind meistens sehr unsicher, weil sie mit dieser Situation ja auch Neuland betreten und nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben. 

Am weitesten kommt man als Insolvenzverwalter, wenn man versucht, den Unternehmensvertretern die Angst zu nehmen und ihnen klarmacht: Hier geht es um ein geordnetes Verfahren. Wir wollen nach vorne schauen und das Beste aus der Situation machen. Wenn die Leute merken, dass man konstruktiv ist und nicht als Vollstrecker dasteht, sind die Leute bereit, mitzuwirken und optimistisch nach vorne zu gucken.

Wie gehen die Arbeitnehmer mit einer Insolvenz um?

Sander: Bei den Arbeitnehmern ist es ähnlich. Wenn der Arbeitsplatz wackelt, dann ist es für die Menschen eine ganz schwierige Situation. Viele haben sich ein Haus gekauft und müssen ihre Abträge zahlen, die Kinder benötigen Sachen für die Schule, und die Familie muss versorgt werden. 

In solch einer Lage ist es immer wichtig, die Leute zu informieren: Wie ist die Situation, und was kann man machen? Wenn Sanierungschancen bestehen, ist es wichtig, die Mitarbeiter zu motivieren. Sie müssen Vollgas geben. Genauso müssen wir als Insolvenzverwalter schnell reinen Wein einschenken, wenn es keine Sanierungschancen gibt.

Beschäftigen Sie ihre Insolvenzverfahren auch emotional?

Sander: Ja, besonders dann, wenn ich einen Betrieb stilllegen muss und es zu Massenentlassungen kommt. Das ist jedes Mal aufwühlend. Da kann man drei Tage vorher nicht schlafen. Entlassungen auszusprechen, ist immer das Unschönste. Massenentlassungen sind es erst recht.

Wie haben sich die Insolvenzen Ihrer Meinung nach im Landkreis Diepholz entwickelt?

Sander: Erst einmal sind sie dem allgemeinen Trend folgend stark zurückgegangen – seit dem Jahr 2008 kontinuierlich. Das ist einerseits ein erfreuliches Zeichen. Jedenfalls für die Gläubiger und die Wirtschaft insgesamt. Andererseits hängt es mit den niedrigen Zinsen und den positiven Folgen EU-weiter Regelungen zusammen, „Basel II“ genannt. Danach werden die Unternehmer dazu angehalten, dass die Eigenkapital-Struktur stimmt und die Banken dann bereit sind, Kredite zu geben, wenn das Ganze erfolgversprechend erscheint. Aber keiner weiß natürlich, was geschieht, wenn die Zinsen wieder steigen.

Gibt es für den Landkreis Besonderheiten?

Sander: Eigentlich ist es so, dass im Landkreis Diepholz seit Jahren keine großen Insolvenzen stattgefunden haben. Ich glaube schon, dass es viele Dinge sind, die den Unternehmen helfen – und wenn es die Internetversorgung ist. Es zeichnet sich so etwas wie eine Trendwende ab: Auch Betriebe auf dem Land haben ihre Existenzberechtigung. Ich bin gespannt, ob die Landflucht anhält oder ob es eine Trendwende gibt.

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