Malen mit Nadel und Faden

Erika Christmann erklärt, warum Mathe und Handarbeit perfekt zusammen passen

Im vorigen Sommer hat Erika Christmann mit dem Sticken eines Wandbildes mit biblischen Motiven begonnen. Foto: heiner büntemeyer
+
Im vorigen Sommer hat Erika Christmann mit dem Sticken eines Wandbildes mit biblischen Motiven begonnen.

Leeste - Schon als Kind hat Erika Christmann gern gehandarbeitet, „Sind ji wedder an‘t Gaffeln?“ – An diese Bemerkung ihres Großvaters kann sie sich noch gut erinnern, wenn er von der Arbeit nach Hause kam und Großmutter, Mutter und Tochter stickten, strickten oder häkelten. Bis ins vorige Jahrhundert wurde auch in der Schule noch gestickt. Sticken gehörte zum Fächerkanon des Handarbeitsunterrichts. „Sticken war Volkskunst und jedes Mädchen stickte seine Initialen in seine Aussteuer“, berichtet die Künstlerin, die auch als Gästeführerin in Weyhe unterwegs ist.

In der Schule waren Handarbeit und Mathematik ihre Lieblingsfächer, berichtet sie. Wie ideal diese Fächerkombination ist, zeigt sich, wenn sie die Sticktechnik der Mustertücher erklärt. Bei dieser Form des „Malens mit Nadel und Faden“, muss exakt berechnet werden, wo genau und wie viele Kreuze zu setzen sind. Wichtig ist dabei der „Zählstoff“ mit gleicher Dichte von Schuss- und Kettfäden. Je mehr Fäden auf einen Zentimeter verwendet wurden, desto filigraner wird das Bild.

Erika Christmann hat immer gern zur Entspannung gehandarbeitet. In der VHS hat sie Kurse im „Filethäkeln“ geleitet. Davon zeugen noch die Gardinen an den Fenstern ihres Büros. Bei Mike Voigt in Gessel hat sie sich sogar in die Klöppelkunst einweisen lassen, aber als sie vor rund 25 Jahren bei einem Urlaub in den Niederlanden auf holländische „Merklappen“ stieß, erinnerte sie sich wieder daran, wie viel Spaß ihr der Kreuzstich bei den Mustertüchern immer gemacht hat.

„Ob ich das wohl noch kann?“, habe sie sich damals gefragt. Seitdem hat sie dieses Hobby nicht mehr losgelassen. Sie hat diese Kunst noch weiter entwickelt, hat filigrane Kunstwerke geschaffen, hat die Tradition der Mustertücher mit Zahlen und Buchstaben nachgestickt und mit Tieren, Symbolen und viel „Gerankel“ versehen.

Dieser Kreuzstich ist als Zierstich in fast allen Kulturen der Welt bekannt und schmückt Decken und Kleidungsstücke in China, Russland, Mexiko und natürlich in Europa. Da diente der Kreuzstich zum Ausschmücken von Trachten, Tauf- und Wiegendecken, der Aussteuer und der Paramente in den Kirchen. Es gab einen regen Austausch der Stickvorlagen. Erika Christmann hat welche aus Holland und Österreich aber auch aus Bayern und den Vierlanden nachgestickt.

Inzwischen ist sie von der reinen Reproduktion alter Mustertücher längst abgewichen. Sie hat beispielsweise das Alphabet dargestellt, indem sie jedem Buchstaben einen Leuchtturm zugeordnet hat. Auch die Zeit ihres Lebens, die sie seit über 50 Jahren mit ihrem Ehemann Horst Christmann teilt, hat sie dargestellt und den Familienstammbaum, gemeinsame Urlaubsreisen, ihre Hunde und Katzen, aber auch das Weyher Wappen und das Kleeblatt der Weyher Gästeführer darin aufgenommen. 2014 war diese Arbeit beendet: „Der Lappen war voll“.

Dabei hat sie jedes Detail selbst entworfen, hat vorhandene Vorlagen im Raster auf Karopapier übertragen und diese wieder auf die Dichte des verwendeten „Zählstoffes“ berechnet. Erst dann konnte sie mit der eigentlichen Arbeit beginnen, wobei sie am liebsten abends arbeitet. Natürlich hat sie sich auch schon mal verstickt. „Dann ärgere ich mich schwarz, aber dann müssen alle Fäden bis zum Fehler wieder raus“, berichtet sie. Wichtig ist auch, dass mit gleichmäßiger Fadenspannung gestickt wird. Die Anzahl der Stiche hat sie nie gezählt, aber „an die 200 000“ werden es gewesen sein. Bei mehrfarbigen Mustertüchern wechselt sie bei jeder Farbe den Faden. Nun wäre es denkbar, für jede Farbe eine Nadel mit dem eingefädelten Faden bereitzulegen.

Aber Erika Christmann hält nichts davon. Sie fädelt bei jedem Farbwechsel den Faden neu in die Nadel ein. Vielleicht spielt dabei noch immer unbewusst ein Spruch „aus Großmutters Zeiten“ eine Rolle: Damals hieß es nämlich im Handarbeitsunterricht „Langes Fädchen – faules Mädchen“. Und das will sie sich nun absolut nicht nachsagen lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Der Blauregen hat viel Kraft

Der Blauregen hat viel Kraft

Wandern, Waldbaden und Wellness in Bad Steben

Wandern, Waldbaden und Wellness in Bad Steben

Barock und Bio im Bliesgau

Barock und Bio im Bliesgau

Kampf gegen Corona: Italien verlängert Ausgangsverbote

Kampf gegen Corona: Italien verlängert Ausgangsverbote

Meistgelesene Artikel

Wolf trabt auf Häuser zu: Ist das noch normales Verhalten?

Wolf trabt auf Häuser zu: Ist das noch normales Verhalten?

Coronavirus im Landkreis Diepholz: Sorglose Bürger gefährden andere

Coronavirus im Landkreis Diepholz: Sorglose Bürger gefährden andere

Mit Kindern durch die Corona-Krise – eine Expertin gibt Tipps für Eltern

Mit Kindern durch die Corona-Krise – eine Expertin gibt Tipps für Eltern

Stadt rechnet mit erheblichen Einbußen bei der Gewerbesteuer

Stadt rechnet mit erheblichen Einbußen bei der Gewerbesteuer

Kommentare