Pastor Ulrich Krause-Röhrs sucht Verbindendes, um der Corona-Krise zu begegnen

Ein letzter Warnschuss?

Pastor Ulrich Krause-Röhrs bereitet eine Online-Andacht vor, die heute, am Gründonnerstag, gesendet wird. Foto: Sigi Schritt

Weyhe - Das Osterfest, so wie alle es kennen, wird es in diesem Jahr nicht geben. Auch die vertrauten Gottesdienste in der Leester Marien- oder Felicianuskirche - sie sind zumindest in diesem Jahr Geschichte. In der Corona-Krise setzen die beiden Kirchengemeinden auf digitale Angebote. Das kommt sehr gut an: Die jüngste Online-Andacht mit Pastor Holger Hiepler, garniert mit Musik von Kantor Sören Tesch, hat Zugriffe im vierstelligen Bereich. Sein Amtskollege, Ulrich Krause-Röhrs, hat für die nächsten Tage zwei Online-Gottesdienste vorbereitet - einen für den heutigen Donnerstagabend und einen für Ostermontag. Im Interview berichtet er, wie er die Corona-Krise als Pastor erlebt.

In der Karwoche sind Bau- und Supermärkte geöffnet, die Kirchen sind für die Öffentlichkeit aber nicht zugänglich. Ist das gerecht?

Was an der Corona-Krise ist denn gerecht?! Dass Baumärkte geöffnet sind und andere Läden nicht, finde ich merkwürdig, Baumarkt ginge auch online. Aber das Wichtigste ist doch, dass wir uns schützen, so gut es geht. Und deshalb ist es richtig, dass keine Gottesdienste stattfinden. Übrigens erlaubt uns das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, unsere Kirchen über Ostern zu öffnen: jeweils einzelnen Menschen zum stillen Gebet. Wir müssen das vor Ort noch klären, wie wir damit umgehen. Diese Möglichkeit ist völlig aktuell. Die Frage nach dem, was gerecht ist: Das trifft doch mit voller Wucht Betriebe, Hotels, Restaurants, Solo-Selbstständige. Wie gehen wir damit um, um Menschen vor der Pleite zu retten: jetzt und in Zukunft?!

In der Geschichte waren die Kirchen bei Krisen stets Orte der Hoffnung, zurzeit sind sie aber leere Gebäude. Ist das für Sie nicht schmerzlich?

Natürlich ist das schmerzlich - aber alles an dieser Krise ist doch schmerzlich! Wir haben kein normales Leben mehr. Und wenn wir nur an Oberitalien denken, dann ist aus meiner Sicht die Hauptfrage: In welchem Verhältnis stehen unsere Einschränkungen? Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Nächstenliebe bedeutet jetzt zum Beispiel, Kontakte zu vermeiden und auf Distanz für andere zu beten.

Wie gehen Sie damit um?

Ich suche wie viele andere Menschen das Verbindende. Wir stellen am Abend das Hoffnungslicht auf die Terrasse, um 18 Uhr verbindet das Glockengeläut Menschen in ganz Deutschland im Gebet. Und wenn ich gerade mit unserem Hund draußen bin, bete ich im Gehen. Wir machen mit beim gemeinsamen Klatschen und Singen. Ich lese den großartigen Fastenkalender „7 Wochen ohne Pessimismus“ und sammle im Alltag Hoffnungsgeschichten. Dosiere das Hören von Nachrichten, Skype und Mails gehen hin und her. Ich suche den Austausch und das Verbindende.

Der Osterbesuch fällt jetzt also aus. Wie geben Sie speziell den älteren Menschen Hoffnung, die in Altenheimen leben und keinen Besuch von ihren Angehörigen empfangen dürfen?

Das ist schwierig! Meine Eltern leben seit zwei Monaten selbst im Heim: Meine Geschwister und ich rufen Sie an, schreiben Briefe, Skypen einmal in der Woche über das Büro des Heimes. Auch hier gilt es, das Verbindende zu suchen, mit allen kreativen Möglichkeiten. Meine Schwester ist mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern am vergangenen Sonntag hingefahren, haben sich mit meinen Eltern über den Balkon unterhalten, und die Kinder haben mit Straßenmalkreide ein Bild auf die Straße gemalt: „Alles wird gut Omas und Opas!“. Hier alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um den Kontakt in dieser merkwürdigen Zeit aufrecht zu erhalten, das erscheint mir am wichtigsten.

Die Corona-Krise führt dazu, dass auch in absehbarer Zeit weiterhin keine Gottesdienste mehr gefeiert werden dürfen. Wie erreichen Sie die Gemeindemitglieder?

Anrufen, Besuche an der Tür auf Distanz und eine Blume hinstellen, Grüße per Karte, Mails. Wir stellen Online-Gottesdienste auf unsere Homepage, kurze Andachten aus Wort und Musik, senden einmal wöchentlich eine Livestream-Sendung, stellen Texte und Gebete auf die Homepage, beten füreinander.

In der Krise hat die Kirche das Internet entdeckt. Was passiert in Weyhe - welche Angebote gibt es speziell zu Ostern?

Zu Ostern gibt es vier Online-Andachten von den Weyher Pastoren: Gründonnerstag, Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag. Pastorin Müller feiert einen „Gottesdienst gleichzeitig“ am Ostermorgen und informiert darüber die Gemeindeglieder. Unser Posaunenchor spielt am Ostersonntag um 10.15 Uhr draußen „Christus ist auferstanden“, eine gemeinsame Aktion aller Posaunenchöre. Es gibt ein ökumenisches Glockenläuten, das mit der ganzen Evangelischen Kirche in Deutschland abgesprochen ist, ein Brief des Landesbischofs wird verschickt, … .

Wie feiern Sie Ostern?

Ich feiere privat Andachten und gucke mir die Andachten und Gottesdienste im Fernsehen an. Rufe meine Eltern und Freunde an und feiere im allerengsten Familienkreis.

Können Sie auf ein Osterfeuer verzichten oder wäre es schön, Flammen lodern zu sehen?

Auf das Osterfeuer kann ich schon rein klimatechnisch verzichten. Daran hängt für mich nicht Ostern.

Die Leester Kirchengemeinde probiert derzeit neue digitale Formate aus. Eines davon sind die eben erwähnten live gestreamten Veranstaltungen aus dem Gemeindehaus. Wie kommt das an?

Ganz gut offensichtlich. Die Rückmeldungen sind gut, ich werde auf der Straße darauf angesprochen, die „Einschaltquoten“ in Zahlen sind gut - und das Format an sich macht auch Spaß. Wir lernen auch dazu, klar, das ist eine Art Auswärtsspiel, aber auch eine Herausforderung.

Bürgermeister Frank Seidel war dort der erste Gast. Welche Botschaften sind Ihnen hängen geblieben?

Wieviel Frank Seidel die Menschen vor Ort konkret anruft - und wie überrascht die Menschen dann sind. Dass also der Bürgermeister versucht, in konkreten Notlagen nochmal nachzuhaken und das nicht nur aus der Ferne macht. Dass die Menschen in Weyhe insgesamt sehr gut und auch gelassen mit der Situation umgehen. Aber auch, dass der Coronavirus eben auch hier in Weyhe angekommen ist!

In der zweiten Ausgabe sprachen Sie mit Rainer Zottmann, Corona-Beauftragter des Bremer Senats. Welche Botschaft hatte er für Sie?

Die Zahlen für Bremen und Bremerhaven. Und dass ein Drittel der Infizierten in Bremen und 50 Prozent der Infizierten in Weyhe wieder gesund sind. Dass es Idioten gibt, die sich immer noch nicht an die Kontaktsperren halten und etwa Corona-Partys feiern - dass aber die Meisten sehr gut mit der Situation umgehen und sich absolut an die Auflagen halten. Dass er aus seinem Konfirmationsspruch so etwas wie Urvertrauen saugt und dass er die Situation auf Lesbos ebenso wie ich für katastrophal hält.

Welche Gäste wollen Sie für die nächsten Wochen einladen?

In der nächsten Woche kommt der Leiter der Telefonseelsorge aus Bremen, danach Bundestags- und Landtagsabgeordnete. Die DRK- Leitung aus dem Landkreis und gern Jugendliche aus Weyhe, die von ihren Erfahrungen bei „Weyhe hilft“ erzählen.

Und weshalb? Also über welche Themen möchten Sie gerne mit diesen Menschen sprechen?

Mich interessiert: Was macht die Corona-Krise mit uns und unserer Seele? Was trägt und was schwächt uns? Wie sieht es im Landkreis, im Land Niedersachsen und darüber hinaus im Bund aus? Was kommt demnächst auf uns zu? Welche Erfahrungen machen Jugendliche, die für andere Menschen einkaufen?!

Für den jüngsten Online-Gottesdienst am vergangenen Sonntag aus der Marienkirche mit Pastor Holger Hiepler und Kantor Sören Tesch hat Facebook mehr als 1800 Zugriffe registriert. Gibt es auch da Fortsetzungen?

Ja, das machen wir weiter. Corona trennt uns - ein Online-Gottesdienst verbindet. Das ist eine Form der Verbindung.

Die Kirche will also ihr digitales Angebot ausbauen. Welche konkreten Planungen gibt es hinsichtlich der Erweiterung der Infrastruktur?

Dass wir eine Internet-Verbindung auch in der Kirche bekommen, um Gottesdienste oder Veranstaltungen übertragen zu können.

Müssen eigentlich Segenshandlungen persönlich sein oder dürfen sie auch aufgezeichnet sein? Gibt es da Grenzen?

Ein Segensgruß in einem Brief berührt mich doch auch. Der Segen über das Internet ist doch auch persönlich. Ein Virus setzt uns derzeit Grenzen - und Menschen versuchen weltweit, die Grenzen durch Verbindendes zu überwinden. Wenn unser Leben wieder normal ist, begegnen uns wir auch wieder: Segen, Sprechen, Umarmen und Singen sind dann wieder persönlich möglich.

Nach diesen historischen Erfahrungen, die alle erleben, wie werden diese sich auf die Leester Kirchengemeinde auswirken?

Das werden wir sehen. Das weiß derzeit keiner. Weder im Positiven, noch im Negativen. Vielleicht lernen wir als Gesellschaft aus dieser Krise und verstehen sie als vielleicht letzten Warnschuss - oder wir machen weiter wie bisher.

Wenn verstärkt Gottesdienste live übertragen werden. Was passiert auf den Portalen in der übrigen Zeit? Wäre eine Wetterkamera, die die Bauarbeiten am Henry-Wetjen-Platz im Blick hat, eine Überlegung wert?

Dann und wann, denke ich. Ich lebe lieber im persönlichen Kontakt als im digitalen. Schön fände ich eine Kamera im Vogelhaus des Turmfalken am Kirchturm der Leester Kirche. Jedes Jahr beglückt uns ein Turmfalke und ich würde gerne (wie in der Brinkumer Kirche) das Treiben im Nest beobachten können. Da macht eine Übertragung Sinn.

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