Friseurmeisterin blickt zurück

Leester Friseur Pickenhan schließt nach 70 Jahren

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Angelika Pickenhan (links) wechselt in den Ruhestand. Ihre Angestellte Resi Kattner auch. 

Leeste - Von Sigi Schritt. Ihre Haare sind wie immer perfekt gemacht. Die ältere Dame ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Am Ausgang drückt sie länger als gewöhnlich Hände.

Wenige Worte reichen, um sich herzlich von der Friseurmeisterin Angelika Pickenhan und deren Angestellten Resi Kattner zu verabschieden. Die ältere Dame ist traurig, weil sie gerne in den Salon gekommen war, dort aber keinen Folgetermin mehr bekommen kann. „Das Geschäft schließt am Sonnabend für immer“, sagt Inhaberin Angelika Pickenhan.

Damit endet nach 70 Jahren die Geschichte des Familienunternehmens in der zweiten Generation, das Angelikas Vater Franz im Dezember 1948 an der Hauptstraße begründet hat.

„Damals hatte er einen Raum hinter Mamor Schüre angemietet, um einen Herrensalon zu eröffnen. Die Nähe zu einer Kneipe (Knief Hagen) hatte sich laut Angelika Pickenhan „als sehr günstig erwiesen.“ Die wartenden Kunden hätten Zeit gehabt, ein Bierchen zu schlürfen. Damals hätten Friseure keine Termine vergeben.

Neben der Alten Wache (rechts unten im Bild) befindet zwei Häuser weiter ein umgebautes Bauernhaus, von dem nur die Fassade bleiben wird. Hier entsteht das neue Kulturzentrum.

Vater Fritz musste mehrere Jahre warten, bis seine Tochter Angelika ins Friseurgeschäft wechselte. 1967 begann Angelika Pickenhan eine Ausbildung in Bremen.

Das Geschäft ihres Vaters florierte – deshalb beschloss er, Mitarbeiterinnen für einen Damensalon einzustellen. „Erst 1974, nach bestandener Meisterprüfung, stieß ich zum Team dazu.“

Bekanntlich ist aller Anfang schwer. Und so war es auch bei ihr, blickt sie zurück. „Ich wurde von den Kolleginnen kritisch beäugt. Das fing zum Beispiel mit der Dauerwelle an. In die kürzesten Haare sollten die kleinsten Wickler hinein.“ Die seien aber immer wieder rausgeflutscht. „In Bremen waren die kleinsten Wickler viel größer als in Leeste. Hier wurde gewickelt, in Bremen in den Betrieben im Hauptbahnhof und im Zentralbad geföhnt. Schnell merkte ich, dass es so nicht weitergeht, deshalb brachte ich meinen Stil ein. Und siehe da: Es lief.“ Es hatte sich laut Pickenhan herumgesprochen, dass die neue Friseurmeisterin aus der Stadt den Kunden einen neuen, modernen Kopf bescheren kann.

Die Pickenhans merkten, dass es am alten Standort an der Hauptstraße viel zu eng wurde. „Und so kauften meine Eltern 1977 den Komplex an der Leester Straße 46“, erinnert Angelika Pickenhan. „Die Umgestaltung von einem Bauernhof zu einem Friseursalon zog sich hin. Es dauerte zwei Jahre.“

Umzug und Neueröffnung im Jahr 1979

Im alten Salon fieberte das Team dem Umzug deshalb entgegen, weil das Dach undicht war und es durchregnete. Durch die Feuchtigkeit wurde das Holz des Bodens matschig und rutschig. „Es war immer Stimmung im Raum“, so Pickenhan. 1979 war die Eröffnung. „Mein Vater blieb bis 1999 Chef. Dann übernahm ich das Geschäft.“

Welche Frisurenmode gefiel ihr am besten? „Die 1970er-Jahre waren für mich deshalb ein Greul, weil ich gedacht hatte, den Beruf verfehlt zu haben.“ Die luftgetrockneten Dauerwellen seien für sie wie Fließbandarbeit gewesen, weil sie bei dieser Arbeit kaum Kreativität beweisen konnte. „Ich wollte mich an den Haaren austoben, Fantasien in Kunstwerke umsetzen.“ All das war in den 1970er-Jahren nicht gefragt. Dagegen seien die 1980er-Jahre viel besser gewesen. „Eine Kollegin wollte die verrücktesten Frisuren. Die habe sie bekommen und mutig durch die Stadt getragen. Viele Kunden wollten das auch.

Für Angelika Pickenhan sei eine Frisur sehr wichtig. Wenn die sitzt, fühlt man sich selbst wohl. Sie geht mit einigen ihrer Berufskollegen ins Gericht: „Ein Friseur kann einen Menschen entstellen.“ Fühlt der Betroffene sich mit dem Haarschnitt nicht wohl, geht er laut Pickenhan schnell geduckt. Umgekehrt gilt: Passt der Haarschnitt zum Kopf, kann der Träger neues Selbstbewusstsein entfalten. Eine Kundin aus Bremen-Grohn hatte sogar den zweistündigen Weg mit Bahn und Bus auf sich genommen, um sich von Angelika Pickenhan einen neuen Look verpassen zu lassen.

Treue Kunden werden fehlen

Was der Friseurmeisterin fehlen wird? Da muss sie nicht lange überlegen: Es seien die vielen Kunden, die ihrem Geschäft über viele Jahre die Treue gehalten haben. Ob Jung oder Alt – wer in das Geschäft hineingekommen ist, sei von den mit roten Steinen verklinkerten Wänden angetan gewesen. „Die Kunden haben das als sehr gemütlich wahrgenommen.“

Privat wird Pickenhan ihren Lebensmittelpunkt an die Nordsee verlegen. Das Gebäude, in dem sie noch wohnt, gehört ebenso wie das ehemalige Nachbarhaus ihres Bruders der Gemeinde. Hier soll das Kulturzentrum mit der neuen Bücherei entstehen.

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