Vortrag über den Henry-Wetjen-Platz

Leeste im Wandel der Zeit

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Hartmut Bischoff beleuchtet unter anderem mit alten Fotos die Geschichte des Henry-Wetjen-Platzes.

Leeste - Von Siard Schulz. Nervosität war Hartmut Bischoff nicht anzumerken. Auch wenn der Pilot der Zeitmaschine allen Grund für Lampenfieber hatte: „Wir machen eine Zeitreise“, verkündete er und nahm die rund 60 Passagiere am Donnerstagabend mit auf einen multimedialen Ritt durch die vergangenen 150 Jahre des Leester Kerns. Unter Zuhilfenahme von Fotografien, historischen Pressenotizen, Ortsplänen und eigenen Texten, vermittelte Bischoff unter dem Titel „Vom Dorf zur Stadt“ einen sehr präzisen Überblick über den Charakterwandel.

Bischoff verstand es, die Besucher miteinzubeziehen. In den Sitzreihen rieten und assoziierten Gäste jeden Alters munter mit.

Die Gebäude und Denkmäler müssen angesichts der Neuordnung des Henry-Wetjen-Platzes für manchen Zuschauer fast wie Relikte aus vergangenen Tagen gewirkt haben. Auch deshalb schien der Veranstaltungsort nicht zufällig gewählt: Thematisch passte er nämlich wie die Faust aufs Auge. Denn dort, wo heute das neu errichtete Gemeindehaus steht, besuchten einst Eltern und Großeltern einiger Zuschauer eine von zwei Schulen am Henry-Wetjen-Platz.

Henry war einst ein Heinrich

Doch so selbstverständlich wie heute über den besagten Platz gesprochen wird, so unbekannt ist auch die Geschichte hinter der Namensgebung: Wetjen kam im September 1865 nämlich gar nicht als Henry zur Welt, sondern als Heinrich, wie Bischoff zu berichten wusste. Später wanderte Heinrich Wetjen nach New York aus und beschloss, seinen Namen in Henry abzuwandeln. Nach seiner Abwesenheit vererbte er das große Grundstück an die Gemeinde Leeste und verband dies mit der Bitte, daraus einen öffentlichen Platz zu gestalten. 

Bis in die 1950er-Jahre hieß das Areal noch „Schulhof“ und wurde erst dann in den heute bekannten Henry-Wetjen-Platz umbenannt. Doch nicht erst seitdem ist er vor allem Raum für Versammlungen jeder Art, deren Akteure stets versuchten, den Platz für sich zu vereinnahmen. Am deutlichsten sei dies erstmals 1893 geworden, als Kriegervereine mit einem großangelegten Fest der gefallenen Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg gedachten. Am 13. August 1893 wurde in fünf Festsälen gleichzeitig gefeiert: „Das ist heute unvorstellbar. Dafür müsste man wahrscheinlich nochmal eine neue Wirtschaft eröffnen“, kommentierte Bischoff schmunzelnd. 

Ein seit jeher politischer Ort

Auch 30 Jahre später waren Kriegervereine eine der treibenden Kräfte hinter der Belebung des Platzes. Als sie der Frage nachgingen, wie am besten der Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg gedacht werden könne, fiel die Wahl auf das noch heute bestehende Löwentor vor der Marienkirche.

Neben den Kriegervereinen beanspruchten vor allem die Nationalsozialisten den Leester Dreh- und Angelpunkt: Anlässlich der Volksabstimmung über die Wiedervereinigung mit Österreich gab es dort Propagandaveranstaltungen. Im Zweiten Weltkrieg wurde der „Schulhof“ dann infolge von heftigen Gefechten beschädigt und zum Teil zerstört. Nach Kriegsende war das Areal Schauplatz von Vertriebenenorganisationen, Ende der 1970er-Jahre sogar der „Leester Revolution“, wie Bischoff es nannte, tagelang von jungen Menschen besetzt, um ihrer Forderung nach einem selbstverwalteten und autonomen Jugendhaus Nachdruck zu verleihen. Fazit: Ein seit jeher politischer Ort.

Leeste erneut vor großen Veränderung

Die Gebäude sowie das komplette gesellschaftliche Leben um den Henry-Wetjen-Platz herum veränderte sich mit den sozioökonomischen Umwälzungen der vergangenen 150 Jahre. Nicht grundlos taufte Bischoff die Veranstaltung „Vom Misthaufen zur Terrasse“. Denn kaum anders sah das bäuerliche Leeste im 19. Jahrhundert aus. Bis ins 20. Jahrhundert hinein profitierte man von der Viehzucht. Insbesondere der Verkauf von Schweinefleisch bis ins Ruhrgebiet verschaffte den Leester Landwirten eine ordentliche Lebensgrundlage.

Nach und nach vollzog sich das Phänomen der Verstädterung, der Schaffung von neuem Wohneigentum und Stadtvillen. Als einer der markantesten Umbrüche gilt der Abriss der Mühle Landwehr 1986, wo heute das Polizeikommissariat steht: „Das war ein Ort, den kannte jeder. Das Haus mit dem hohen Silo“, erklärte Bischoff. In Kindertagen mussten er und seine Schwester dort kiloweise Mehl kaufen und nicht wie heute im Supermarkt.

Gerade jetzt stehe Leeste erneut vor einer großen Veränderung: Mit dem Bau des Augenzentrums und der Verlagerung der Bibliothek entstehe ein neues Gemeindezentrum. Nur noch vereinzelt sind früher ortsbildprägende Gebäude wie die Alte Wache, Pickenhahn I und II, die Bäckerei Speer, Giseke und Bösche oder die „Struthoff-Villa“ erhalten und etwas vom einst dörflichen Charakter übrig geblieben.

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