Sudweyherin Simone Schirp hat ihren Urlaub im Küchenzelt verbracht

Von Kreta nach Idomeni – oder: Flüchtlinge statt Ferien

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Mit ihren Freunden und Helfern aus Übersee portioniert SimoneSchirp (vorn) die Speisen.

Weyhe - Von Philipp Köster. Kreta: karibisch anmutende Strände, gutes Essen, Geburtstätte des Göttervaters Zeus – Simone Schirp hatte sich sehr auf ihren einwöchigen Urlaub auf der Mittelmeerinsel gefreut. Und dann das: Freunde, die sie auf Kreta besuchen wollte, überredeten sie, von dort aus einen Trip an die griechische Nordgrenze zu Mazedonien zu machen, um im Flüchtlingscamp Idomeni zu helfen.

In Piräus verteilt die Sudweyherin ihre letzten Mitbringsel, sogar Klopapier, und spielt mit Flüchtlingskindern.

Am 10. April flog die 28-Jährige nach Kreta und besuchte Bekannte, die dort ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. „Weil ihnen die Flüchtlinge sehr am Herzen liegen, fragten sie mich, ob ich nicht mit in den Norden des Landes kommen wollte.“ Bereits zwei Tage später bestiegen die fünf Freunde die Fähre nach Piräus. Am nächsten Tag ging es über Tessaloniki nach Mazedonien in ein Appartement nur zehn Minuten von der hellenischen Grenze entfernt. Einer der Begleiter fragte bei einer der vielen Hilfsorganisationen nach, wo Bedarf bestehe –und schon fanden sich die jungen Leute um Simone Schirp in einem Küchencontainer einer kirchlichen Hilfsorganisation im Camp Idomeni mit rund 12.000 Geflüchteten wieder. „Unsere Aufgabe war, das heiße Essen in Schüsseln zu wenden, damit es abkühlt und die Plastikbehältnisse nicht schmilzen, in die wir es umfüllen sollten.“ In der Küche stand sie mit Helfern sogar aus Argentinien und Australien, die wie sie dort ihren „Urlaub“ verbrachten. Rund 3.000 Portionen Nudeln und Oliven hat sie ausgegeben. „Für die ersten 1.000 gab es noch Brot dazu, danach nicht mehr.“ Ähnlich verlief es mit Obst. Wenn die Kisten mit Äpfeln leer waren, bekamen eben nur 100 Hungrige welche. Aber das sei nicht so schlimme gewesen. Die anderen Flüchtlinge hätten dann etwas anderes bekommen. „Es war genug da.“

Am zweiten Tag gibt es Reis mit Lauch und Spinat. An diesem Freitag macht Simone Schirp etwas früher Schluss, um noch Zeit für die Menschen zu haben und durchs Camp zu gehen.

War das denn nicht gefährlich? Vielen sind noch die Bilder verzweifelter Flüchtlinge, die Ende Februar aus dem Camp über die Grenze stürmen wollten, in Erinnerung. „Nein“, schießt es aus der Sudweyherin heraus. Das sei nur im Fernsehen so rübergekommen. In Wahrheit habe eine „total entspannte und ruhige Stimmung“ geherrscht, zumindest jetzt, als sie dort war. „Und die Leute waren herzlich und offen.“ Die Kinder hätten sie umarmt, sich an sie geschmiegt und wären mit den Händen durch ihr blondes Haar gefahren, das die Kleinen bewunderten. Schon in Kreta hatte sie Hygieneartikel wie Seife, Feuchttücher, Windeln und Zahnpasta gekauft, aber auch Bälle und Spielzeug. Bei der hiesigen Sparkasse hatte sie Kuscheltiere und Luftballons abgeholt. Und mit diesen Geschenken antwortete die junge Frau auf die Liebe und Herzlichkeit, die die Flüchtlinge ihr und ihren Freunden entgegengebracht hatten. „Ich durfte nur nicht auf einem größeren Weg die Sachen verteilen. Dann umlagerten mich binnen Sekunden ganz viele Kinder und wollten etwas haben, auch für deren Geschwister“, erinnert sie sich.

Lieber ging die Physiotherapeutin zu den Zelten. Auch dort beeindruckende Gastfreundschaft: „Wir wurden zum Essen eingeladen. Es gab eine kurdische Tomatenpfanne. Doch wir dachten, wir können den Menschen doch nicht ihr Essen wegnehmen.“ Die Einwände halfen nicht. Gemeinsam stippten Helfer und Flüchtlinge mit Brot in der über einem Lagerfeuer gekochten Mahlzeit, die die Familie aus dem über Tage gesammelten Gemüse zubereitet hatte.

Am nächsten Tag ging es wieder zurück nach Piräus. Auch dort campieren noch Hunderte in Europa Asylsuchende. „Wir hatten noch etwas Zeit, bis die Fähre nach Kreta losfuhr. Also verteilten wir unsere letzten Mitbringsel, auch das Toilettenpapier.“ Als Helfer sahen, wie sie mit den Kindern spielten, wollten jene Simone und ihre Freunde gleich da behalten. Doch die Fähre wartete.

„Ich will aber auf jeden Fall wiederkommen und helfen. Das war eine super schöne Erfahrung“, sagt die 28-Jährige mit strahlenden Augen. Doch im Juni steht erstmal eine Reise nach Kos an. „Ich möchte dann auch mal Urlaub machen. Aber wer weiß, vielleicht helfe ich dort auch ein paar Stunden. Da gibt es sicher auch Flüchtlinge.“

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