Klassenzimmer wird zur Amtsstube und zur DRK-Wache

Hermann Greve rekonstruiert die Geschichte des ehemaligen Leester Rathauses

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Das historische Bild zeigt die Ratsmitglieder der Gemeinde Leeste der Jahre 1961 bis 1964. In dieser Zeit fällten die Kommunalpolitiker Entscheidungen zur Daseinsvorsorge: Themen waren beispielsweise Frisch- und Abwasser sowie Strom.

Weyhe - Von Sigi Schritt. Das ehemalige Rathaus der Gemeinde Leeste, das in den vergangenen Tagen ein Unternehmen aus Sottrum abgerissen hat, ist in diesem Jahr 152 Jahre alt geworden. Zuletzt waren in den Räumen die DRK-24-Stunden-Wache, die Notfallpraxis des Ärzteverbunds Nord sowie die Volkshochschule untergebracht.

Doch die längste Zeit war es ein Schulgebäude der politischen und Kirchengemeinde Leeste. Die Geschichte des Längsbaus und seines abgebrannten Vorgängers hat Gemeindearchivar Hermann Greve akribisch recherchiert. Dazu trug er eine Vielzahl von Dokumenten zusammen, aus denen er Auszüge präsentierte.

Das Vorgängerhaus wird 1678 erstmals in einem Schriftstück erwähnt. „Es wurde vermutlich im Jahrhundert davor gebaut“, glaubt Greve. Damit zählt dieser Ort wie der am Kirchplatz in Kirchweyhe zu den ältesten Schulstandorten in Weyhe. Eine Forderung des Reformators Martin Luther war es, Schüler zu bilden. „Man kann davon ausgehen, dass deshalb in Leeste eine Küsterschule eingerichtet worden ist. Allerdings fiel sie am 5. Mai 1863 einem Flächenbrand zum Opfer.“

Der Turm der Flakscheinwerferabteilung. - Foto: Gemeinde

Aus den Küsterakten hat Greve die Geschichte des Neubaus rekonstruiert, die nicht ganz reibungslos ablief: Zimmerermeister Klaus Dunkhase aus Hagen fertigte die Pläne zum Schulhaus an, das multifunktional genutzt werden sollte. „Auf dem Bau waren damals die Zimmersleute die wichtigen Personen. Sie erstellten die Pläne, heuerten die benötigten Maurer an oder beschäftigten Subunternehmer. Das gab es schon damals.“

So war der spätere DRK-Wachraum ein von Dunkhase geplanter und gebauter Klassenraum. Weitere Unterrichtsräume befanden sich auf der anderen Seite, in denen später die Notfallpraxis einziehen sollte. Der Haupteingang führte in die Dreschdiele. In der Gebäudemitte sollten Wohnräume wie Schlaf- und Speisekammer samt Küche entstehen. Oben war eine Kornkammer. Doch der Baurat Conrad Wilhelm Hase aus Hannover kritisierte die Pläne massiv. Ihm gefiel es beispielsweise nicht, dass die Klassenräume am Ende der beiden Flügel lagen und die Kinder nicht das optimale Licht bekommen würden. Der integrierte Stall für die Kühe war ihm zu klein, und außerdem befürchtete er Unterrichtsstörungen aus der Dreschdiele. Doch der Leester erwiderte die Kritik. Der Platz für die Tiere sei ausreichend, und an „hiesige Verhältnisse“ angepasst. Dunkhase wehrte sich auch erfolgreich beim Thema Klassenräume. „1863 war Baubeginn. Die Fertigstellung 1865“, so Greve.

Die Bauzeit betrug mehrere Jahre. Die Zimmerer Harms aus Brinkum, Riekers aus Sudweyhe sowie Müller aus Heiligenrode nahmen das Bauwerk ab, das exakt 4341 Reichstaler in Gold gekostet hat.

Das nun abgerissene Gebäude war in den anderthalb Jahrhunderten seines Bestehens mehrfach Gegenstand von Streitigkeiten, berichtet der Gemeindearchivar. Es ging schon los bei den Kosten. Denn viele Einwohner wurden zweimal zur Kasse gebeten. Bauern mussten ihrem Stand entsprechend festgelegte Abgaben errichten – einmal für den Kirchenbezirk, ein anderes Mal für den Schulbezirk, weil Staat und Kirche nicht getrennt waren. König Georg V. von Hannover war damals der oberste Kirchenherr, in dessen Auftrag Superintendent Johann Heinrich Wilhelm Arnemann (Kirchweyhe) und Amtmann Ernst Freiherr von Wangenheim (Leeste) den Neubau vorantrieben.

Die Eigentumsverhältnisse waren ebenfalls strittig. So mündete die Frage 1941 in ein Vermögensverfahren, das mit einem Vergleich endete. Die Kirche gab das Gebäude auf und erhielt Ausgleichsflächen.

Die Original-Pläne des alten Rathauses. - Foto: Schritt

Rektor Heinrich Heuer, Leutnant im Ersten Weltkrieg, kam 1932 nach Leeste und legte sich im Juni 1940 mit den Nazis und der Wehrmacht an. Er hatte kritisiert, dass die Flakscheinwerferabteilung 310 aus Trier Räume in seiner Schule beziehen wollte. Sie tat es und errichtete dort außerdem einen Gefechtsstand samt Turm. Die Abteilung bildete den Abschnitt Brinkum, ab 1943 Leeste. Eine Flakstellung gab es unter anderem auch in Hörden, in der Leester Marsch entstand der Scheinflugplatz Bremen.

In der Nazizeit endete die Schulgeschichte. Bereits im Jahr 1935 hatte der Bürgermeister und Ortsschulvorsteher einen Neubau gefordert. Dieser wurde 1938 an der Ladestraße als Musterschulbau fertiggestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Verwaltung aus dem Vorgängerbau der heutigen Alten Wache in die leer stehende Schule ein. In den 60er-Jahren wurde das Haus so umgebaut, wie es die Bürger bis zuletzt kannten. Die Wände bekamen weißen Putz.

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