Die Kirchweyher Traditionsbäckerei Koldeweyh schließt heute ihre Pforten

Kein himmlisches Manna mehr aus bravem Backofen

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Das Team der Dorfbäckerei Koldeweyh: (v.l.) Anja Westermann, Werner Precht, Ursula Leiß und Reinhard Koldeweyh.

Kirchweyhe - Von Falko Weerts. Kein Mahl taugt ohne Brot. Das sagt eine alte Volksweisheit. Gewiss lässt sich unter der wunderbaren Vielzahl von 300 Brotsorten in unserem Land für jeden Gaumen, jede Mahlzeit das Rechte finden.

Doch es ändern sich gerade im Bäckerhandwerk die Strukturen, können Tankstellen und Discounter als Kulturkiller angesehen werden. Die uns vertrauten traditionellen Bäcker wird es immer weniger geben, sie halten nur noch ein Drittel des Marktes. Fast jeden Tag schließt in Deutschland eine Bäckerei, in unserem Landkreis haben seit 1995 die Hälfte aller Bäckereien aufgegeben, man muss sich nur umschauen. Heute schließt auch die traditionsreiche Bäckerei Koldeweyh an der Dorfstraße in Kirchweyhe.

Es besteht eine leise Hoffnung, dass Reinhard Koldeweyh in Zukunft wenigstens ab und an Brot und Butterkuchen backt – als gelegentliches Hobby.

Die Gründe sind auch dort wie meistens: kein Nachfolger, heftige Konkurrenz aus den Supermärkten, Nacht- und Wochenendarbeit. Bäcker zu sein, ist ein Knochenjob und nichts für Morgenmuffel. Dabei weiß doch ein jeder das frische, knusprige Brötchen, den leckeren Kuchen, die verführerische Torte, die Bäcker- und Konditorprodukte zu schätzen und differenziert auf Nachfrage sogleich, welches Bäckereiprodukt von welchem Bäcker denn nun den Gaumen am meisten erfreut. Aufgewärmte Teiglinge ‚von der Tanke‘ zählen für mich niemals dazu.

In dem über 100 Jahre alten Gebäude hat Reinhard Koldeweyh in seiner Bäckerei die herrlichsten Backwaren hergestellt, seine Schwarzbrotbrötchen sind geradezu legendär, und seine Torten – er ist auch gelernter Konditor – wurden nach persönlichen Wünschen und klassischen Rezepten gefertigt, sie waren die Zierde einer jeden Kaffeetafel. Reinhard Koldeweyh ist weit über das Pensionsalter hinaus, es steht ihm mit 71 Jahren zu aufzuhören.

Dabei waren ihm selbst schon früh die Zukunftsaussichten seines Handwerks bewusst, schlug er zunächst einen anderen Weg ein, bis ihn Familie und Tradition in die Pflicht nahmen. Er und seine Backkunst werden mir und vielen anderen fehlen. Gerade in den letzten Wochen entspannen sich in seinem kleinen Tante-Emma-Laden Gespräche und Diskussionen, und immer wieder kam das: ‚Reinhard maak doch wieter‘. Aus und vorbei! – ‚Der Mensch lebt nicht vom Brot allein…‘ (5. Buch Mose).

Hunderte von Sinnsprüchen beschreiben uns die Bedeutung des Brotes, und ganz sicher kommt das Nachdenken über die strukturellen Veränderungen im Bäckereihandwerk aus unseren eigenen archaischen Gefühlen, ist nicht vergleichbar mit Strukturveränderungen in der Industrie. Bäcker genossen im Altertum höchstes Ansehen, aber eben die Industrie macht Koldeweyh nun den Garaus, alles ist automatisierbar: nicht 500 Brötchen am Morgen backen, sondern 5000. Dazu braucht man leistungsfähige Maschinen und nicht seinen braven Backofen.

Reinhard Koldeweyh macht Qualität. Ein Schwarzbrot braucht bei ihm nun mal seine Zeit zum Gären und Reifen. Am Schluss sind es dann drei Tage. Aber es schmeckt auch und anders als ‚Fertigware‘. Koldeweyh backt nach eigenen Hausrezepten.

Die zehn größten Backwaren-Filialisten beherrschen zusammen ein Viertel aller Verkaufsstellen. Kostet ein Vollkornbrot beim Bäcker gut drei Euro, so zahlt man bei Aldi und Lidl nur etwas mehr als einen Euro. Die Deutschen liegen im Brotkonsum in Europa mit knapp 60 Kilo pro Kopf an der Spitze, da läppert sich so mancher Euro zusammen, spielt der Preis eine Rolle. Schon heute werden 60 Prozent aller Brote im Supermarkt gekauft, steigen die Verkaufsstellen in den Supermärkten.

Am 5. Mai war der Tag des Brotes. Brot enthält die lebenswichtigen Vitamine des B-Komplexes, dazu kommen Eiweiß und Mineralstoffe. Mischbrot liegt an der Spitze, gefolgt von Toast und Körnerbrot. Wer schon im Ausland nur auf pappigen Backwaren und geschmackloses Brot angewiesen war, dem wird ein leckeres Schwarzbrot, eine knackige Kruste des Roggenbrotes wie himmlisches Manna vorkommen.

Reinhard Koldeweyh hatte diese leckeren Sachen in seinen Borten liegen und die appetitlichen Backwaren im Tresen. Und nicht zu vergessen: seine Ehefrau Inge, Geselle Werner Precht, die Verkäuferinnen Ursel Leiss und Anja Westermann, die mit Reinhard Koldeweyh seit ewigen Zeiten zusammenwerkeln, sie prägen die vertraute Atmosphäre im Tante-Emma-Laden, man wird das alles vermissen. Doch es gibt eine klitzekleine Aussicht auf Koldeweyhs Backwaren. Er beabsichtigt, die Backstube als sein gelegentliches Hobby fortzuführen.

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