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Kinderreiche ukrainische Familie in altes Sudweyher Pfarrhaus eingezogen

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Von: Dierck Wittenberg

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Großer Andrang am alten Pfarrhaus: Gruppenbild mit der 14-köpfigen Familie, Mitgliedern des Harley-Davidson-Klubs, die mit Geld-Spende gekommen sind, und Vertreter der Kirchengemeinde vor Harley-Davidson-Motorrrädern.
Großer Andrang am alten Pfarrhaus: Die Familie mit Mitgliedern des Harley-Davidson-Klubs, die mit Geld-Spende gekommen sind, und Vertreter der Kirchengemeinde. © Wittenberg

Mit Sachspenden und durch Anpacken ist das alte Pfarrhaus in Sudweyhe für Flüchtlinge hergerichtet worden. Nun ist eine 14-köpfige ukrainische Familie dort untergekommen.

Sudweyhe – Notfalls geht es auch mit Händen und Füßen, aber heutzutage hilft das Smartphone über Sprachbarrieren hinweg. Also verständigen sich Nadezhda und Olegsander Klushyn vorerst per App mit den Umstehenden. „Wir sind dankbar für die Gastfreundschaft“, gibt das Gerät einen Satz wieder, den Olegsander Klushyn auf Ukrainisch hineingesprochen hat.

Vor drei Tagen sind die Klushyns und ihre Kinder ins alte Pfarrhaus in Sudweyhe eingezogen. Am Dienstagmorgen empfangen die Neuankömmlinge eine ganze Besucherschar in ihrem Zuhause: Neben der Presse sind die beiden Kirchenvorsteher Werner Marquart und Torsten Wollenberg gekommen, sie haben Wiederherrichtung des Pfarrhauses koordiniert. Von der Felicianus-Kirchengemeinde außerdem Pastor Gerald Meier. Um eine Geldspende zu übergeben, sind zudem Mitglieder des Motorradclubs Aller-Weser-Chapter vorgefahren, standesgemäß auf ihren Harley Davidsons.

Mit 12 Kindern aus der Ukraine geflohen, seit Montag im Pfarrhaus in Sudweyhe

Und schließlich kommt auch Svetlana Korotkova als Übersetzerin aus Fleisch und Blut hinzu. Sie hatte auch den Kontakt zwischen der Initiative rund ums Pfarrhaus und der ukrainischen Familie hergestellt. Am Montag gegen 17 Uhr sind die Klushyns – zwei Erwachsene und zwölf Kinder im Alter zwischen drei und 19 Jahren – dort angekommen. Ihr ältester Sohn, 20 Jahre alt, ist im Land geblieben.

Wurden mit Girlanden begrüßt: Nadezhda und Olegsander Klushyn mit ihrer jüngsten Tochter.
Wurden mit Girlanden begrüßt: Nadezhda und Olegsander Klushyn mit ihrer jüngsten Tochter. © Wittenberg

Für die Klushyns ist eine Odyssee zu Ende gegangen, die am 7. März begonnen hatte. Im familieneigenen Kleinbus waren sie in aller Frühe aus Berdytschiw aufgebrochen, einer Stadt mit 80.000 Einwohnern, die keine 200 Kilometer südwestlich von Kiew entfernt liegt. Für die 500 Kilometer bis zur Grenze haben sie zwölf Stunden, statt der üblichen fünf, benötigt, berichtet Olegsander Klushyn, für den nun Svetlana Korotkova übersetzt. Fast täglich hätten die Sirenen geheult, beschreibt der Familienvater die Situation in der Heimatstadt vor der Abreise. Gerade bei den Kindern habe das für große Ängste gesorgt. Drei Tage nach der Abreise habe eine russische Rakete ein dreistöckiges Haus in der Stadt zerstört. Inzwischen sei es dort sehr viel ruhiger geworden.

Das alte Pfarrhaus in Sudweyhe bietet genug Platz für die große Familie

Ihre Flucht über Bochum und eine weitere Zwischenstation hat die ukrainische Großfamilie dann nach Magdeburg geführt, wo sie in einem Gemeindehaus untergebracht waren. Dort hatten die Klushyns bereits eine Wohnung in Aussicht, die dem Sozialamt angesichts der Größe der Familie aber zu klein gewesen sei.

Dieses Problem hat das Pfarrhaus mit seinen acht Zimmern nicht. Dank der Spendenbereitschaft der Weyher ist das Haus fast vollständig eingerichtet, Bobbycar, Fahrräder und Kickertisch inklusive.

Viele Sachspenden aus Weyhe: „Zwei Wochen nur Möbel gefahren“

Zwei Wochen lang sei er mit Torsten Wollenberg Möbel gefahren, erzählt Werner Marquart. Er hebt auch den Einsatz von Gewerbetreibenden und Handwerkern hervor, trotz voller Terminbücher. So verfügt das Haus über Internet-Hotspots und mehrere Computer. Nur in der Küche fehle noch ein Ersatzteil, sodass die Familie durch die Habenhauser Paulusgemeinde und von privat bekocht werde.

Der Krieg bringt das Schlimmste im Menschen hervor, aber auch das Beste.

Pastor Gerald Meier

Am Mittwoch sind noch einmal 1000 Euro hinzugekommen, gesammelt von Mitgliedern des Aller-Weser-Chapters und aufgestockt aus der Vereinskasse. Hier wisse man, dass das Geld eins zu eins ankomme, so der Vereinsvize Peer Brennecke bei der Übergabe.

Im Gespräch: Pastor Gerald Meier mit den ukrainischen Eltern und Peer Brennecke, Vize beim Aller-Weser-Chapter.
Im Gespräch: Pastor Gerald Meier (m.) mit den Eltern und Peer Brennecke, Vize beim Aller-Weser-Chapter. © Wittenberg

Pastor Gerald Meier zeigte sich beeindruckt davon, was am alten Pfarrhaus in Gang gesetzt wurde. Die einen gäben die „Man-Power“, die anderen finanzielle Mittel. Dass Menschen etwas tun, spreche für die Zivilgesellschaft. „Der Krieg“, so der Pastor, „bringt das Schlimmste im Menschen hervor, aber auch das Beste.“

Die Klushyns, die zur Glaubensgemeinschaft der Baptisten gehören, bereiten sich nun aufs Osterfest vor, in neuer Umgebung und etwas früher als gewohnt. Sie richten sich damit nach der hiesigen Tradition. In der mehrheitlich orthodoxen Ukraine wird Ostern später, dieses Jahr am 24. April, gefeiert.

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