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Kinderpornografie: Diepholzer Ermittlerteam auf Tätersuche

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Von: Anke Seidel

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An Auswertungscomputern suchen Polizeibeamte, hier eine Kriminaloberkommissarin der hessischen Polizei in Gießen, nach Kinderpornografie und Fällen von sexuellem Missbrauch.
An Auswertungscomputern suchen Polizeibeamte, hier eine Kriminaloberkommissarin der hessischen Polizei in Gießen, nach Kinderpornografie und Fällen von sexuellem Missbrauch. © Arne Detert/dpa

Die Kriminalstatistik für den Kreis Diepholz hat zuletzt mehr Kinderpornografie-Fälle verzeichnet. Nun ermittelt eine ständige Ermittlungsgruppe.

Landkreis Diepholz – Es ist eine alarmierende Entwicklung: In nur einem Jahr hat sich die Zahl der Kinderpornografie-Straftaten im Landkreis Diepholz fast verdreifacht – von 62 auf 170 Fälle. Deshalb hat die Polizeiinspektion Diepholz eine ständige Ermittlungsgruppe Kinderpornografie eingerichtet, in der aktuell fünf Polizistinnen und Polizisten ausschließlich diese Fälle bearbeiten.

Ermittler müssen Tausende Bilder und Videos betrachten

Es ist eine enorm herausfordernde Aufgabe, der sich die Leiterin Lea Stuntebeck und ihre Kollegen mit größter Konzentration widmen. Thorsten Strier, Leiter des Zentralen Kriminaldienstes (ZKD) weiß: „Das ist eine enorme physische und psychische Belastung.“ Denn der Strom Fotos und Videos, die akribisch überprüft werden müssen, reißt nicht ab. Viele sind zum Glück harmlos, aber andere zeigen ein unerträgliches Geschehen.

Viel zu oft bekommen die Ermittler im Alter zwischen 25 und 50 Jahren, von denen einige selbst Kinder haben, Unvorstellbares zu sehen – nicht selten versteckt in einer Flut von scheinbar ganz „normalen“ Fotos oder ganz am Ende eines vermeintlich unauffälligen Videos. Das Handy, auf dem 186.000 Fotos gespeichert sind, ist keine Ausnahme – genauso wenig wie 1 000 gespeicherte Videos darauf.

Das ist eine enorme physische und psychische Belastung.

Thorsten Strier, Leiter des Zentralen Kriminaldienstes (ZKD) der Polizeiinspektion Diepholz

Die Aufgaben der Ermittler sind komplex, denn sie müssen eine Schneise durch das dunkle Dickicht der weitverzweigten medialen Vernetzung schlagen und nachverfolgen, was von einem sicher gestellten Handy, Laptop oder PC an welche Personen weitergeleitet wurde. Und wenn es nur ein Sticker ist: Restlos müssen alle Weiterleitungen aufgeklärt werden. Es ist eine zeit- und kräftezehrende Arbeit, weil sich Dateien wie ein Virus verbreiten können.

„Jedes Verfahren ist wie eine Wunderkiste – man weiß nicht, was man bekommt“, sagt Ingo Westerhoff. Er hat die Sonderermittlungsgruppe Kinderpornografie geleitet, die einen komplexen Fall aus der Samtgemeinde Schwaförden rund um ein Kinderporno-Forum aufgeklärt hat. Bandenmäßig hatte ein 31-Jähriger kinderpornografische Dateien verbreitet und selbst Kindesmissbrauch begangen. Das Landgericht Verden hat den Mann zu einer Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren verurteilt. Bei zwei Hausdurchsuchungen waren Tausende Dateien gefunden worden, hieß es während der Verhandlung. Für die Ermittler dauert die Arbeit noch an. Denn noch gibt es verschlüsselte Dateien, die bisher nicht zu öffnen sind.

Wichtiger Hinweisgeber: Das amerikanische National Center for Missing & Exploited Children

ZKD-Leiter Thorsten Strier hat eine „sehr hohe Wertschätzung für das, was da geleistet wird!“ Seine Kollegen in der Ermittlungsgruppe arbeiten eng zusammen – im Wortsinn – in einem schlichten kleinen Büro. Alle haben sich bewusst für diese Aufgabe entschieden. „Wir arbeiten zum Schutz der Kinder“, betont Lea Stuntebeck, „das ist allen ein großes Anliegen!“

Ein wichtiger Hinweisgeber für ihre Arbeit ist das amerikanische National Center for Missing & Exploited Children – eine halbstaatliche Organisation, die über ihre Cyber-Tipline Hinweise auf sexuelle Ausbeutung von Kindern bearbeitet. Im Jahr 2018 waren es 18,4 Millionen Meldungen aus der mittlerweile eng vernetzten Welt. Deutsche Fälle landen beim Bundeskriminalamt, das sie weiter vom zuständigen Landeskriminalamt prüfen lässt.

ZKD-Leiter Thorsten Strier (l.) mit den Ermittlern Lea Stuntebeck und Ingo Westerhoff.
ZKD-Leiter Thorsten Strier (l.) mit den Ermittlern Lea Stuntebeck und Ingo Westerhoff. © Anke Seidel

In Niedersachsen ist danach die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft Hannover federführend, die den zuständigen Polizeiinspektionen alle Daten zur Verfügung stellt. „Die Zusammenarbeit funktioniert sehr, sehr gut“, sagt Lea Stuntebeck, „die Wege sind kurz“. Das sei besonders wichtig, wenn das Jugendamt eingeschaltet werden müsse.

Mit dem Durchsuchungsbeschluss in der Tasche fahren die Ermittler zu den Beschuldigten. Sie wissen, was sie suchen müssen. „Wir überprüfen sehr, sehr sorgfältig“, so Ingo Westerhoff.

Kinderpornografie-Ermittlung ist zu belastend: Teambesetzung wechselt

Zurück zum Prozess vor dem Landgericht Verden gegen den 31-Jährigen aus der Samtgemeinde Schwaförden: Laut Anklage der Staatsanwaltschaft waren bei ihm mehr als 15.000 Dateien sichergestellt worden. Die Ermittler der Polizei nennen zum konkreten Fall bewusst keine Zahlen, das ist nicht ihre Aufgabe.

Sie haben bei ihrer Arbeit einen wichtigen Partner: Die IT-Forensik der Polizeiinspektion (PI) Diepholz. In dieser Fachabteilung arbeiten Spezialisten die sichergestellten Daten so auf, dass sie in der Ermittlungsgruppe Kinderpornografie ohne unnötigen Zeitverlust geprüft werden können. Das Volumen dieser Daten ist mit der digitalen Entwicklung förmlich explodiert. Lea Stuntebeck beschreibt das so: „Was früher ein paar Bilder waren, sind heute Tausende.“ Nicht eines können sich die Ermittler ersparen. Genau deshalb arbeiten sie eng zusammen, achten auf den anderen und können erkennen, wenn jemand dringend eine Pause braucht.

Rasanter Anstieg der Zahlen – bundesweit

Nicht nur die Polizeiinspektion Diepholz meldet einen rasanten Anstieg der Fälle von Kinderpornografie. Bundesweit waren 2021 rund 39 000 Fälle registriert worden – im Vorjahr waren es knapp 18.800 Fälle gewesen, also weniger als die Hälfte.

Für diese Entwicklung gibt es laut Thorsten Strier, dem Leiter des Zentralen Kriminaldienstes (ZKD) bei der Polizeiinspektion Diepholz, mehrere Gründe. „Es ist noch nie so einfach gewesen wie heute, an kinderpornografisches Material zu kommen“, blickt er auf die digitale Entwicklung. „Man kann alles abrufen, und man kann anonym Kontakte knüpfen.“ Gleichzeitig würden Kinder und Jugendliche freizügiger mit Aufnahmen umgehen, hätten eine andere Einstellung zur Sexualität: „Sie fotografieren sich auffällig und schicken die Bilder an Freunde und Bekannte.“ Die könnten sie dann problemlos an andere weiterleiten. Lea Stuntebeck, Leiterin der Ermittlungsgruppe Kinderpornografie in der Polizeiinspektion Diepholz, weiß: „Wenn man einmal ein Foto ins Internet stellt, bleibt es für immer.“ Ein weiterer Grund für den enormen Anstieg der Fälle ist laut Thorsten Strier die Vernetzung, die heute selbst über Spielekonsolen möglich sei: „Das versuchen die Täter auszunutzen.“

Außerdem ist die Handy-Kamera allgegenwärtig: Wenn jemand am Pool Kinder fotografiere, sollte man Zivilcourage zeigen – und nachfragen. Genauso wichtig sei, so Thorsten Strier, dass Eltern das Medienverhalten ihrer Kinder beobachten: „Wie lange sind sie im Netz? Wo sind sie unterwegs?“ Sie sollten genauso auf das Verhalten achten: Wenn ein Kind sich komplett einschließe, sei das ein Alarmzeichen.

Prävention sei ebenso wichtig: Der ZKD-Leiter wirbt dafür, Kinder und Jugendliche über die Gefahren im Internet aufzuklären. Das sei nicht allein Aufgabe der Eltern. „Alle müssen das tun“, so Polizei-Pressesprecher Thomas Gissing – und nennt beispielhaft Schule, Vereine, Firmen. Das Thema müsse deutlich stärker und deutlich konsequenter in den Blick genommen werden als bisher.

„Wir haben auch die Möglichkeit der Supervision“, sagt Ingo Westerhoff. Entlastung ist enorm wichtig, um die belastende Aufgabe weiterhin schultern zu können. Aber die Kollegen sind sich einig: Das Miteinander fängt schon unheimlich viel auf. Und: Jeder kann von den Erfahrungen der anderen profitieren. Doch als Daueraufgabe ist diese Arbeit nicht zu leisten, weil der Strom der Datenträger mit strafverdächtigem Material nicht endet. Ganz im Gegenteil.

Deshalb wechseln die Kollegen in der Ermittlungsgruppe. Wie auch Ingo Westerhoff: Er ist in der PI Diepholz jetzt Ermittlungsführer für den Bereich Todesursachen, Sexualdelikte und Brandermittlungsverfahren.

Künstliche Intelligenz kann der Ermittlungsgruppe Kinderpornografie helfen

Für die Ermittlungsgruppe Kinderpornografie wünscht er sich, „dass wir uns weiter entwickeln“ und das Team alle Möglichkeiten hat, trotz der enormen Fallzahlsteigerung Schritt zu halten. Helfen kann womöglich die künstliche Intelligenz (KI): In Niedersachsen läuft ein Pilotverfahren, in dem Bilder per KI bestimmten Kategorien zugeordnet werden – was auch den Ermittlern in der PI Diepholz die Arbeit erheblich erleichtert.

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Lena Stuntebeck wünscht sich, dass die Vorratsdatenspeicherung verpflichtend wird – damit die Polizei auf alle Daten zugreifen kann, die zu einem Täter führen könnten. Verschiedene Anbieter machen das freiwillig, aber nicht alle: „Es gibt Messenger-Dienste, bei denen das schwierig ist.“

Was am Ende den Tätern in die Hände spielt.

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