Pastorin Gudrun Müller verlässt Kirchengemeinde Weyhe

Keine Angst vor Veränderungen

Fängt im September als Springerin im Kirchenkreis Syke-Hoya an: Pastorin Gudrun Müller.
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Fängt im September als Springerin im Kirchenkreis Syke-Hoya an: Pastorin Gudrun Müller.

Pastorin Gudrun Müller wird Springerin im Kirchenkreises Syke-Hoya. Sie tritt ihre neue Stelle am 1. September an. Sie wirkte fast ein Jahrzehnt in der Kirchengemeinde Weyhe und blickt auf die großen Veränderungen innerhalb der Kirche. Sie glaubt, dass der Strukturwandel weiter an Fahrt zunehmen wird und sieht für die Wesergemeinde Konsequenzen.

Weyhe – Eine kritische Pastorin verlässt in wenigen Wochen die Kirchengemeinde Weyhe: Gudrun Müller. Sie wechselt zum 1. September als Springerin in den Kirchenkreis Syke-Hoya. Die 41-Jährige blickt zurück auf fast ein Jahrzehnt, in dem sie hauptsächlich als Pastorin in der Felicianuskirche und im Rahmen des verbundenen Pfarramts in der Leester Marienkirche gewirkt und gepredigt hat.

Hinter ihr liegt eine Zeit, die von Veränderungen geprägt war. Als sie im Oktober 2012 zur Kirchengemeinde Weyhe stieß, hatte diese rund 9 000 Mitglieder, jetzt sind noch 6 500. „Damals gab es das Pfarrhaus in Sudweyhe. Mit den Häusern in Lahausen und Kirchweyhe gab es drei volle Pfarrstellen“, so Müller. Alle Pastoren hätten in ihren Bezirken das gleiche Programm absolviert: Das Leben der Weyher begleitet – von der Taufe bis zum Tod. Die Talfahrt der Kirchenzahlen hätten weder Müller noch die anderen Pastoren stoppen können. Sie liege im Landestrend. Ältere wüssten, dass es in Kirchweyher sogar mal fünf hauptamtliche Geistliche gab, sagt Müller. Das sei in einer Zeit gewesen, als es 15000 Mitglieder gab. Die Talfahrt ging aber weiter. Nach dem Ausscheiden von Pastor Siedersleben 2020 rutschte die Anzahl der Vollzeitstellen von 2,75 auf zwei. Die eine ist für Gerald Meier vorgesehen, die andere für sie. Ihre Stelle soll so bald wie möglich neu besetzt werden. „Die Ausschreibung läuft bereits“, sagt sie.

Der Veränderungsprozess in der Institution Kirche werde weitergehen, prognostiziert Müller. Der Strukturwandel werde Fahrt aufnehmen, glaubt sie. „Unser Modell ist Jahrhunderte alt. Aber das Leben hat sich verändert“, begründet sie. Man sei nicht mehr selbstverständlich Mitglied in der Kirche. Trotzdem seien die Menschen spirituell. Und dem müsse die Kirche mit Offenheit begegnen. Wenn Menschen Rat in Lebenskrisen wünschen oder als Hochzeitspaare um Segen bitten, sei es falsch, wenn Gemeindemitglieder fragen, ob diese Menschen überhaupt Kirchensteuer zahlen oder in den Gottesdienst kommen. „Wenn Menschen mit Problemen zu mir kommen, helfe ich ihnen“, betont Müller.

Für die 41-Jährige sind die „Begegnungen“ mit den Menschen, mit denen sie ins Gespräch kommt, sehr bedeutsam. „Ich bin für Momente Teil ihres Lebens. Das zählt.“

Wenn Müller zurückblickt, berichtet sie nicht von besonderen Ereignissen wie der 150-Jahr-Feier der Kirchengemeinde im Jahr 2015 oder den Riesengottesdiensten auf dem Marktplatz, sondern von intensiven Momenten der Seelsorge – etwa bei Todesfällen und bei Augenblicken, in denen sie Menschen erreicht: Kinder, mit denen sie in der Kirche übernachtet, Jugendliche, mit denen sie eine Woche lang mit dem Kanu unterwegs ist, und besondere Veranstaltungen wie dem Paar-Gottesdienst. Besonders erfüllend empfinde es die Pastorin, wenn Weyher auf sie zukommen und ihr sagen, dass Gespräche oder eine Predigt sie berührt hätten. „Worte und ihre Wirkung darf man nicht unterschätzen.“

Wie es mit der Kirche weitergeht? Für Weyhe glaubt sie, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, darüber nachzudenken, ob man sich noch alle Kirchengebäude leisten kann. Die Gemeinden werde es weitergeben, so Müller. Nur die Form der Glaubensausübung werde sich ändern.

Die Kirche sollte nicht den Fehler machen, sich aus Angst vor Veränderungen abzuschotten. „Kirche muss wach sein und versuchen, die Menschen zu verstehen.“ Viele in der Bevölkerung seien problembeladen, deshalb habe sie im Rahmen einer Weiterbildung im Bereich der Seelsorge und Beratung eine tiefenpsychoanalytische Ausbildung zur Therapeutin absolviert, erklärt sie. Es gehe darum, Techniken für die Lebens- oder Eheberatung zu entwickeln. „Das ist eine Form von Diakonie. Menschen in Not eine kostenlose Beratung zu geben.“

Eine Antwort darauf, wie Gudrun Müller einen guten Draht auch zu Menschen bekommen hat, die nicht viel mit Kirche im Sinn haben, liegt in ihrem Werdegang: 1979 in Celle geboren, wuchs sie in der Lüneburger Heide in einem Lehrerhaushalt auf. Das Theologiestudium in Kiel und in Bonn hatte sie aus Interesse, nicht aus Berufung eingeschlagen. Die Ökumene war ihr Studienschwerpunkt.

Ihr Mentor in einer Gemeinde zwischen Leer und Papenburg habe ihr einen fröhlichen und offenen Zugang zum Glauben gezeigt. „Ich habe entdeckt, dass die Arbeit als Pastorin Spaß machen kann.“ Es schloss sich ein Sondervikariat in Jerusalem an. Für 14 Monate wohnte Müller nur 200 Meter von der Grabeskapelle Jesu entfernt. Sie gestaltete Gottesdienste und ein Journal. „Egal, wo ich in Jerusalem den Fuß hinsetzte, man wandelte auf den Spuren Jesu. Ich erlebte, wie Menschen in Tränen ausbrachen, weil es ihnen so viel bedeutet.“

Dort habe sie auch eine kritische Distanz zur fanatischen Gläubigen gewonnen. „Die Orte lassen mich nicht unberührt“, sagt sie. Aber ihre eigene Spiritualität habe sie in ihrem Inneren gefunden. Den Blick dafür zu weiten, dass „nicht nur Christen die einzige Wahrheit“ hätten, sondern auch Muslime sich fragen, wem das Grab von Maria gehört, sei wichtig. Längst sei sie in ihrem Job als Pastorin angekommen. Sie freut sich, bald auch in anderen Gemeinden der Region Menschen zu begleiten und Toleranz vorzuleben.

Von Sigi Schritt

Hat in Weyhe erfolgreich neue Wege eingeschlagen, um Menschen ins Gotteshaus einzuladen: Gudrun Müller. Auf dem Bild zu sehen mit Pastor Ulrich Krause-Röhrs.

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