800 Fälle noch offen

3 400 Insolvenzverfahren – jetzt ist Schluss

Will sich stärker auf das Notariat konzentrieren: der promovierte Jurist Jürgen Sander in seinem Büro in Leeste.
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Will sich stärker auf das Notariat konzentrieren: der promovierte Jurist Jürgen Sander in seinem Büro in Leeste.

Seit einem Vierteljahrhundert begleitet der promovierte Jurist Jürgen Sander aus Weyhe Firmen und Privatpersonen bei Insolvenzen. In dieser Zeit haben er und sein Team in der Leester Kanzlei Sander & Sander insgesamt 3 400 Verfahren bearbeitet – davon 2 700 allein im Bezirk des Insolvenzgerichtes in Syke. Der Weyher Insolvenzverwalter will jetzt seine Kanzlei für die Zukunft neu ausrichten.

Weyhe – „Die Insolvenzabteilung haben wir geschlossen“, sagt der Rechtsanwalt Dr. Jürgen Sander aus Leeste. Was das bedeutet? „Wir nehmen keine neuen Fälle mehr an“, sagt der Jurist.

Insgesamt würden aber noch 800 Verfahren weiterlaufen. „Wir werden alle abwickeln“, kündigt Jürgen Sander an. „Ich bin 63 Jahre alt. Da muss man überlegen, wie die Verfahren ordnungsgemäß beendet werden. Entweder durch mich oder durch einen Nachfolger. Sander schätzt, dass seine offenen Fälle bis zum Jahr 2025 abgeschlossen werden. Ab sofort werde er seinen persönlichen anwaltlichen Schwerpunkt mehr auf das Notariat legen.

Auslöser dafür, intensiv über die Insolvenzabteilung der Weyher Kanzlei nachzudenken, sei die Ankündigung der Bundesregierung in der vergangenen Legislaturperiode gewesen, die Insolvenzen bis zum 31. Januar des vergangenen Jahres auszusetzen. Insolvenzrecht sei eines von mehreren Tätigkeitsfeldern der Weyher Kanzlei. Sie decke außerdem Arbeits-, Erb- und Steuerrecht sowie Zivil- und Zivilprozessrecht ab.

Für diese unternehmerische Entscheidung gebe es mehrere Gründe, sagt Sander. Es sei dem Strukturwandel geschuldet, den es durchaus unter Juristen gibt. Noch vor einigen Jahren hatte Sander nach einem brancheninternen Vergleich (wir berichteten) mit seiner Kanzlei auf dem Gebiet des Insolvenzrechtes unter den Top 100 in Deutschland rangiert.

Als er vor 25 Jahren anfing, sei er bis zu einer einschlägigen Gesetzesänderung Konkursverwalter gewesen, und er hatte gut zu tun. Seit 1999 hieß sein Job Insolvenzverwalter. „Der Bezirk des Insolvenzgerichts Syke ist einer der flächenmäßig größten Bezirke in Deutschland. Er reicht von Stuhr bis Uchte, also bis zur Grenze Nordrhein-Westfalens, und von Nienburg bis Diepholz“, erklärt Sander. Bei den Insolvenzverwalter-Büros sei im Laufe der Zeit eine Konzentration eingetreten. Jürgen Sander sei damals einer von 300 in Deutschland gewesen, die diesen Job hauptberuflich erledigt haben. Diese Personengruppe habe etwa 90 Prozent aller Fälle in Deutschland bearbeitet. Den Rest teilten sich Juristen, die jenes Amt nebenberuflich ausgeübt haben. „Das gesamte Verfahren hat sich um 180 Grad gedreht“, sagt Sander. Für kleinere Kanzleien sei „der Markt nicht mehr wirtschaftlich“.

Damals war es ein geschlossener Personenkreis. Man wurde Insolvenzverwalter, wenn man in der Lage war, „jedes Verfahren sofort zu bearbeiten“. Man brauchte einen Stab von mindestens zehn Mitarbeitern, so Sander. „Wir waren in der Spitze sogar 25.“ Die ganz großen Kanzleien hatten 50 Mitarbeiter. „Wir waren schon auf dem guten Weg.“ Dann sei 2008 die Bankenkrise gekommen. „Alle haben gedacht, dass die Verfahren deutlich ansteigen werden, aber das Gegenteil ist passiert.“ Seit 2008 sind die großen Insolvenzverfahren sogar weniger geworden. „Die Sanierung eines Unternehmens hat sich ins Vorfeld verlagert. Das wird außergerichtlich gemacht.“ Die Insolvenzverfahren in Deutschland seien nach amerikanischem Vorbild konzipiert worden. „Das hat aber in der Praxis nicht richtig funktioniert.“

Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsrechts im Jahr 2006 wurde der Markt von hauptamtlichen Insolvenzverwaltern erheblich größer. Gab es zuvor drei Verwalter am Insolvenzgericht, schnellte die Zahl auf bis 50 hoch. Das höchste Gericht sah den Job als eigenständigen Beruf an, der nicht von Juristen, sondern auch von Steuerberatern und Betriebswirten ausgeübt werden könnte. Deutschlandweit seien aus 300 insgesamt 2000 geworden. „Diese Verwalter haben sich gruppiert. Bundesweit gibt es etwa zehn große Büros, die flächenmäßig die Gerichte abdecken.“

Auf diesen Zug hätte die Weyher Kanzlei aufspringen können – Kanzleigründer Jürgen Sander entschied sich dagegen.

Warum er Insolvenzverwalter geworden ist? „Ich habe mir Inspiration von Jobst Wellensiek geholt. Er gab Seminare für angehende Insolvenzverwalter und hatte die 1990er-Generation geprägt.“ Laut Sander habe jener Jurist dafür plädiert, Firmen im laufenden Verfahren zu sanieren. „Das ist eine gute Methode, um Arbeitsplätze zu erhalten und bestmögliche Gläubigerbefriedigung zu erzielen.“ Das gelinge nicht immer, aber man sollte diese Methode wählen.

Ein gewichtiger Grund für eine Insolvenz? Wenn zum Beispiel die gesamte Branche im Sinkflug ist, weil Jobs ins Ausland verlagert werden, antwortet Sander. „Das haben wir in vielen Bereichen.“ Sander nennt Stichworte wie Fotografie, TV-Elektronik.

„Manchmal genügt nur eine einzige unternehmerische Fehlentscheidung, um ein Lebenswerk zu vernichten“, sagt Jürgen Sander. Er nennt als Beispiel die ehemalige Lügro-Gruppe in Twistringen. Die hatte mit ihren 16 Firmen eine Milliarde Umsatz mit Immobilien gemacht. Das frühere Kempinski auf Rügen, heute ein Fünf-Sterne-Haus, gehörte ebenso dazu wie diverse Seniorenheime und ein Einkaufszentrum. Der Ankauf eines Hotels in Berlin im Rohbau sei der Auslöser für die Insolvenz der Twistringer Firma gewesen.

Ob er wegen Corona jetzt an eine Insolvenzwelle glaubt? Das sei eine schwierige Frage, sagt Jürgen Sander. „Ich glaube nicht an eine Insolvenzwelle.“ Die Gegenmaßnahmen der Regierung wie Kurzarbeit und Soforthilfen würden greifen. Nicht die Überschuldung spiele für eine Insolvenz derzeit eine Rolle, sondern die Zahlungsunfähigkeit, sagt der Jurist.

Von Sigi Schritt

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