Kabarettist Abdelkarim spricht in Leeste auch über Kontrollen bei Bahnfahrten

„Nur Schwarze sind noch verdächtiger als ich“

Abdelkarim plaudert in der KGS Leeste.
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Abdelkarim plaudert in der KGS Leeste.

Leeste - Von Dagmar Voss. Entfernt erinnerte der Abend im Leester Kulturforum an einen Aufenthalt in einem orientalischen Erzählcafé. Comedian Abdelkarim plauderte am Sonnabend zwanglos und mit zarten Dialogversuchen mit dem Publikum über Gott und die Welt, seine Kindheit im Bielefelder Ghetto, die Erfahrungen mit seinem Aussehen und einiges mehr.

Das Motto des Programms „Zwischen Ghetto und Germanen“ zog sich durch den ganzen Auftritt. Die Besucher hörten gerne zu und amüsierten sich über den Kosmos aus dem besonderen Blickwinkel eines Mannes, der als Deutscher mit marokkanischen Wurzeln viele Dinge ganz anders erlebt hat als der durchschnittliche „Einheimische“. Authentisch und selbstironisch erzählte der Kabarettist in schlabbriger Jogginghose, T-Shirt und Lederjacke Geschichten aus seiner Familie und seinem Freundeskreis sowie seinen diversen Jobversuchen. Dazwischen immer mal Witze, die eher klemmten, etwa: „Was essen Piraten am liebsten? – Kapern.“

Wirklich komisch dagegen kamen seine Plaudereien über seine Familie, seinen Vater, den Gastarbeiter, und sich selbst, der nur noch Gast sei, daher. „Man muss auch mal mit Traditionen brechen.“ Was er tatsächlich auch heimlich getan habe, indem er beispielsweise seine Sachen selbst bügele. Das sei gar nicht angesagt in seiner Kultur, gab er zu.

Als salafistischen Teil seiner Kindheit bezeichnete der Stand-up-Comedian die Erfahrungen mit Bekleidung – frei nach dem Designer-Motto „Hnn“, soll heißen: Hauptsache nicht nackt. So wie die Vierjahreszeiten-Kollektion seines Vaters, bestehend aus der „Cordhose des Grauens“ und einer Jacke mit Schulterpolstern, die an den Ellbogen hingen. Später habe er so spielend als Windschutz für seine Klassenkameraden dienen können.

Kinderspiele wie die „Reise nach Jerusalem“ hätten plötzlich eine ganz andere Bedeutung bekommen. Und überhaupt das Reisen: „Man kann an Bahnhöfen eine Menge Spaß haben, wenn man so aussieht wie ich“, behauptete Abdelkarim. Allerdings sei seine Ankunft am Weyher Bahnhof schon sehr untypisch gewesen, denn schließlich habe er einen Polizisten angesprochen, statt wie sonst umgekehrt, und der habe sogar eine Mitfahrgelegenheit anboten. „Nun ja, zwar auf dem Rücksitz, aber immerhin.“ Das normale Erleben bei ihm sei davon geprägt, dass er bei Bahn-Kontrollen immer zuerst dran sei; außer, es sitze noch ein Schwarzer im Zug, der stehe auf der Liste der verdächtigen Personen noch höher.

Alte Sprüche bedachte das Publikum zuweilen mit einem Kichern des Erkennens und Erinnerns. So bei: „Sag mal Wolle. – Zehn Minuten Arschkontrolle!“ Wie auch immer man sich das vorzustellen habe, jedenfalls habe das in früheren Jahren schon manches Mal für erstaunlichen Erfolg in seinem Ghetto gesorgt, wenn er es mit der richtigen Betonung und einem drohenden Blick vorgebracht habe. Sogar ein paar kurze Raptexte hatte Abdelkarim in seinem Gepäck.

Für begeisterten Applaus sorgten seine zwei Stunden währenden Erzählungen auf alle Fälle.

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