Elombo Bolayela im Gespräch

Vom Flüchtling zum Abgeordneten: „Jeder kann etwas gegen Ungerechtigkeit tun“

Hat eine beispielhafte Karriere hingelegt: Elombo Bolayela, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion der Bremischen Bürgerschaft.
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Hat eine beispielhafte Karriere hingelegt: Elombo Bolayela, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion der Bremischen Bürgerschaft.

Weyhe – Er weiß, was es bedeutet, Flüchtling zu sein. Elombo Bolayela, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion der Bremischen Bürgerschaft, war selbst einer. Von seinem Werdegang wird am Dienstagabend ab 20.45 Uhr im Livestream der Leester Kirchengemeinde berichten. Außerdem wird er zum Thema Rassismus Stellung beziehen. Mit der Kreiszeitung im Gespräch beantwortet er vorab Fragen.

Was war der Grund für die Flucht? Für eine Antwort holt er aus. 1992 war er an einer landesweiten Demo für mehr Demokratie beteiligt. Dieser Protest gegen das Mobutu-Regime war von Kirchen, Moscheen und vielen gesellschaftlichen Organisationen getragen. Als Student sei der Sohn eines evangelischen Pastors, geboren 1965 in Kinshasa (Dem. Rep. Kongo, damals Zaire), „natürlich Mitorganisator“ gewesen. Doch die Demo wurde mit Waffengewalt niedergestreckt. „Es gab viele Tote und Verhaftungen landesweit“, erinnert er sich. „Ich selber wurde am Bein durch eine Schusswunde verletzt und musste sofort das Land verlassen. Die Reise nach Europa begann.“ Er kam nach Deutschland, der Weg führte ihn über Braunschweig nach Syke. Im Sommer 1993 lernte er das Pastorenehepaar Tesch kennen. „Für diese Begegnung bin ich bis heute sehr dankbar. Ich habe durch viele Freiwillige Deutsch gelernt, da damals Asylanten keinen Deutschkurs besuchen durften.“ Seine Asylanerkennung bekam er 1995. 1997 begann er eine Tischlerlehre im Syker Berufsschulzentrum und beendete die Lehre mit einem Gesellenbrief. Danach begann er eine Arbeit als Verkäufer in der Holzabteilung eines Baumarktes. Dort war er 15 Jahre tätig und davon acht Jahre im Betriebsrat. „Ich bin verheiratet und Vater von fünf Kindern.“

Ihre Migrationsgeschichte ist eine Erfolgsgeschichte. Geboren in Afrika, geflüchtet, in Syke gelebt, dort eine Ausbildung absolviert und nun sind sie Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft und setzen sich für andere Menschen ein. Hat es Ihnen die Gesellschaft damals in den 1990er-Jahren schwer oder leicht gemacht, sich in Deutschland zurechtzufinden?

Die Menschen in Syke und besonders die evangelische Kirchengemeinde, damals Pastor Wilhelm Tesch (Papa Tesch), haben mir das Leben ziemlich leicht gemacht. Ich konnte privaten Deutschunterricht bekommen, um so meine Ausbildung machen zu können. Neben kirchlichen Aktivitäten gab es viele private Begegnungen und Kontakte. Dadurch lernt man die gesellschaftlichen Gepflogenheiten schneller. Seitens der Behörde konnte ich erleben, wie diese sehr unvorbereitet auf unsere Situation war. Das Motto hieß: Seid unfreundlich mit den Asylbewerbern, dann gehen die schon wieder freiwillig zurück. Nur wenn man keine Wahl hat wie ich, dann nützt das allerdings wenig.

Wie haben Sie die Menschen in Syke und Umgebung erlebt?

In so einer kleinen Stadt wie Syke war es schon etwas Besonderes und Befremdliches, dass so viele schwarze Menschen auf einmal da waren. Aber sie waren sehr offen und interessiert, um zu erfahren, wer wir sind, warum wir da sind und wie lange wir bleiben würden. Dadurch haben wir gegenseitig kennengelernt. Ohne diese Offenheit hätte ich das Selbstbewusstsein für dieses Land und die Menschen nicht entwickeln können.

Ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland hat einen sogenannten Migrationshintergrund. Welche Sicht haben Sie auf die Migration im Land?

Ich kann mir Deutschland ohne Migration nicht mehr vorstellen. In diesem Bereich sind wir sehr weit gekommen, was wir leider oft nicht wahrnehmen. Migration wird tendenziell auch medial immer negativ dargestellt.

Was folgt daraus?

Wir müssen lernen, die positiven Seiten der Migration in den Vordergrund zu stellen.

Mussten Sie während Ihrer Flucht selbst um Ihr Leben fürchten?

Ja sehr. Alleine mit 26 Jahren nicht zu wissen, wo die Reise hinführt, ist schon schwierig. Man kann jederzeit erwischt und wieder nach Hause geschickt werden. Dort hätte mich Gefängnis oder sogar Schlimmeres erwartet.

Sie setzen sich gegen Rassismus ein. Derzeit werden die Proteste gegen rassistische Übergriffe in den USA in Deutschland unterstützt. Wie bewerten Sie das?

Rassismus ist ein großes Problem in den USA. Aber auch bei uns gibt es Rassismus. Fakt ist, kein Mensch wird als Rassist geboren, sondern Rassismus wird in den Familien und auch in Institutionen vermittelt und weitergegeben. Gewalt gegen schwarze Menschen, gegen Andersdenkende oder Behinderte gab es immer. Rassismus wird auch genutzt, um Privilegien zu behalten. Wer Rassismus nicht selber erlebt hat, der kann niemals nachvollziehen, was das bedeutet. Jetzt bin ich froh, dass es mehr gefilmt wird und in die sozialen Medien gelangt. Dadurch haben wir eine globale Empörung. Es macht mir Mut, wenn auch viele junge weiße Menschen gegen diese Ungerechtigkeit demonstrieren. Ich appelliere an alle Familien, das Thema Rassismus am Tisch zu besprechen und zu bearbeiten. Auch wenn man nicht selber betroffen ist. Ich denke, es reicht nicht zu sagen ‘Ich bin kein Rassist’, sondern man muss darüber nachdenken, was jeder von uns gegen Rassismus und Ungerechtigkeit tun kann.

Glauben Sie, dass die Proteste auch in Deutschland eine Änderung der Gesellschaft bewirken?

Ja, ich hoffe es zumindest. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Sie setzen sich dafür ein, dass viele Menschen mit Migrationshintergrund Berufe im öffentlichen Dienst anstreben sollten. Warum sind Sie dieser Meinung?

Ich bin der Meinung, dass der öffentliche Dienst der Spiegel der Gesellschaft sein muss. Es ist gut, wenn wir uns alle dazugehörig fühlen. Damit machen wir sichtbar, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist. Unsere Gesellschaft ist bunt! Busse und Bahnen, Klassenzimmer und Kindergärten sind bunt, aber in den Lehrerzimmern hört die Buntheit der Gesellschaft auf.

Was wünschen Sie sich? Was fordern Sie konkret?

Ich wünsche mir, dass Institutionen wie Polizei, Schulen, Museen und Theater sich fragen, wie repräsentativ sind wir? Wer kommt zu uns? Wer lernt bei uns? Wer besucht uns? Wer arbeitet mit uns? Erreichen wir alle Schichten der Gesellschaft?

Wir müssen erreichen, dass es normal wird, dass jungen Menschen mit globaler Herkunft, die Geschichte ihrer Großeltern in unseren Museen und Theatern gezeigt wird. Es geht um Wiederkennung der eigenen Identität und der Selbstdarstellung.

Was können Bürger tun, um sich gegen Alltagsrassismus zu wehren?

Zivilcourage und gegenseitigen Respekt zeigen. Besonders rechte Parteien nicht unterstützen, weil mir das Sorgen macht, dass diese Parteien in den vergangenen fünf Jahren die komplexen Fragen der Gesellschaft auf ein einziges Thema, nämlich die Migration, reduziert haben. Außerdem zitiere ich den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier: „Es reicht nicht aus, kein Rassist zu sein. Wir müssen Antirassisten sein.“

Unternimmt die Regierung genug?

Als Parlamentarier kann ich sagen, es sind sehr viele Initiativen und Gesetze geschaffen worden, die die Gleichheit und Vielfältigkeit fördern und sichtbar machen. Wir haben in Bremen zum Beispiel eine Antidiskriminierungsstelle beschlossen, wir haben in der Landesverfassung den Paragrafen zum Thema Antifaschismus beschlossen. Wir haben ein Integrationskonzept und ein Konzept zum Thema Kolonialismus umgesetzt.

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