Leester geht auf Rettungsmission

„Ich kann die nicht ertrinken lassen“

Carsten Heinekamp verstärkt im Oktober die Crew dieses umgebauten ehemaligen Fischkutters. - Foto: sea-eye.org

Leeste - Von Sigi Schritt. Ein Weyher will dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer nicht tatenlos zusehen. „Jeder hilft da, wo er kann“, begründet Carsten Heinekamp aus Leeste, weshalb er im Oktober das Team der Organisation Sea-Eye auf einer Rettungsmission verstärkt.

Der Leester hat sich als Freiwilliger gemeldet: Die Regensburger Organisation habe ihn eingeteilt, als Crew-Mitglied an Bord eines ehemaligen Fischkutters ein Schnellboot zu fahren, berichtet er. Es gehe darum, Flüchtlinge beispielsweise mit Schwimmwesten zu versorgen und ihre Boote solange zu begleiten, bis größere Schiffe die Schutzsuchenden aufnehmen.

Carsten Heinekamp

Am 5. Oktober fliegt Heinekamp nach Malta und geht einen Tag später an Bord. 14 Tage kreuzt das Sea-Eye-Schiff vor der afrikanischen Küste, bleibt aber stets in internationalen Gewässern, also außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone, erläutert Heinekamp. „Wir fahren elyptische Kreise, um überhaupt die Chance zu haben, Menschen zu helfen.“ Die Mannschaft hält Ausschau nach seeuntüchtigen überfüllten Booten, die zu kentern drohen. Die Menschen werden mit Rettungswesten und Wasser versorgt und die Boote mittels Rettungsinseln entlastet. Schwerverletzte können sogar an Bord in einer Krankenstation versorgt werden. Außerdem setzt das Team einen SOS-Ruf an die Seenotleitstelle Mittelmeer in Rom ab. Nach internationalem Seerecht sind alle Schiffe, die sich in der Nähe befinden, verpflichtet, Schiffbrüchige aufzunehmen.

Weshalb sich der 48-Jährige aufmacht, um vor Ort zu helfen? Die Bilder der Menschen, die auf überladenen Booten die Außengrenze der Europäischen Union erreichen wollen, um dem Krieg in Syrien zu entfliehen, haben den Leester nicht mehr losgelassen. „Ich kann die doch nicht erbärmlich ertrinken lassen.“

Die See als Massengrab 

Vor etwa drei Monaten kam dem Wassersportler die Idee, im Internet zu recherchieren, welche Hilfsorganisationen sich auf dem Mittelmeer um die Flüchtlinge kümmern. In Weyhe hätten die Kommune sowie die vielen ehrenamtlichen Helfer ihre Hausaufgaben längst erledigt. Wer den langen Weg aus den Kriegsgebieten in die Wesergemeinde gefunden hat, bekommt Hilfe. Doch die See droht weiterhin, ein Massengrab für andere Schlauchbootfahrer zu werden.

Das Mitglied des Lions-Clubs Bremer Süden stieß auf Sea-Eye, schrieb die Organisation an und gab seine Qualifikationen an. Ein Rückruf folgte schnell, berichtet der Leester. Jetzt steht er auf einer verbindlichen Crew-Liste. „Ich habe kein mulmiges Gefühl. Die Leute, die da mitmachen, sind vernünftige Menschen mit einer positiven Grundeinstellung und keine Chaoten. Wir schaffen das und machen einen guten Job.“

Mit einem Schnellboot pendeln die Helfer zwischen dem ehemaligen Fischkutter und den Schlauchbooten der Flüchtlinge hin und her. - Foto: sea-eye.org

Der passionierte Segler will seine Erfahrung auf dem umgerüsteten Saßnitzer Kutter einbringen. „Meine Eltern haben ein größeres Boot, mit dem wir oft nach Helgoland gesegelt sind“, sagt der Leester. Das nasse Element begleitet Carsten Heinekamp, geboren 1968 in Bremen, sein Leben als Konstante: Er ist in der Wesergemeinde aufgewachsen, hat eine Lehre zum Verkäufer und eine zum Groß- und Außenhandelskaufmann abgeschlossen, bevor er ein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Emden absolvierte. Nach einer selbstständigen Tätigkeit arbeitet er nun als Controller bei einem Lebensmittelhersteller in der Region. Über viele Jahre hat er mehrere Jollen besessen, die am Wieltsee festgemacht waren.

Freunde sind geteilter Meinung

Sein Arbeitgeber sei ihm entgegengekommen, als er Urlaub zu einer ungünstigen Zeit nehmen wollte. „Den Termin hat ja die Organisation vorgegeben“, erläutert der Weyher. Die Kosten der Reise – etwa 600 Euro – zahlt Heinekamp aus eigener Tasche. Dazu zählen auch die zahlreichen Impfungen gegen Mumps, Masern und Röteln.

Seine Freunde haben ein gespaltenes Verhältnis zu seinem Vorhaben. Äußerungen von „geile Sache“ und „finde ich gut, würde ich aber selbst nicht machen“ seien ebenso gefallen wie „Was soll der Scheiß?“. Der Leester merkt an, dass negative Äußerungen „schon komisch“ seien, zumal „Menschen, denen es hier relativ gut geht, die Probleme der anderen verdrängen.“ Wie groß muss die Not sein, dass sich die Menschen aus Kriegsgebieten in Nussschalen und ohne Ausrüstung in Lebensgefahr bringen, fragt der Leester. „Der seelische Leidensdruck muss enorm sein. Ich verstehe nicht, dass einige das nicht nachvollziehen können.“ Bürgermeister Andreas Bovenschulte lobt den Weyher für sein Engagement, sich für die Schutzsuchenden stark zu machen: „Schiffbrüchige und Ertrinkende zu retten, ist ein elementares Gebot der Menschlichkeit. Ich begrüße das ehrenamtliche Engagement von Herrn Heinekamp sehr und wünsche ihm und seinen Kollegen von Sea-Eye viel Erfolg bei ihrer Rettungsmission.“

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