Die Walkman-Generation wird älter

HNO-Arzt Hans-Heiner Fastenau: „Welle der Schwerhörigkeit kommt auf uns zu“

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Hans-Heiner Fastenau zeigt ein Modell des Kopfes und deutet auf die Bereiche, die für seine Arbeit relevant sind.

Leeste - Von Sigi Schritt. Der promovierte Hals-Nasen-Ohren-Arzt Hans-Heiner Fastenau aus dem Jeebel hat über drei Jahrzehnte lang in Bremen im Krankenhaus gearbeitet, zuletzt als leitender Oberarzt. In dieser Zeit rettete er sogar manchen Prominenten wie Harry Belafonte, der in der ÖVB-Arena ein Konzert gab, den Auftritt. Da es aber aus seiner Sicht in Krankenhäusern an „altersgerechten Arbeitsplätzen“ fehlt, hat er sich eine Praxis in seiner Heimatgemeinde gesucht und ist im Medicum in der Gemeinschaftspraxis HNO Weyhe von Torsten Schlotmann und Christian Quisbrock fündig geworden. Als Experte für ärztliches Qualitätsmanagement gibt der 59-Jährige zudem Medizinern in Praxen und Krankenhäusern Tipps.

Fastenau kritisiert am Klinikdienst die zeitliche und psychische Belastung durch den Vollzeitjob. Er habe wöchentlich bis zu 50 Stunden gearbeitet, dazu seien Überstunden gekommen. „Wenn ein Assistenzarzt mit der stressigen Situation nicht fertig geworden ist, bin ich ins Krankenhaus gefahren“, sagt Fastenau. Die Arbeitsbelastung beschreibt er als „grenzwertig“, zumal er auch mal in der Nacht geweckt worden ist, und am Morgen noch weiteroperiert hat. Darüber reden Mediziner an Kliniken nicht gerne. „Ich wünsche mir mehr Flexibilität“, so Fastenau.

HNO-Ärzte sind zuständig für die Nase und das Nasennebenhöhlensystem, für Ohrenerkrankungen sowie für Störungen im Kehlkopf. Schluckprobleme und -erkrankungen gehören in dieses Fachgebiet.

Wertvolle Erfahrungen im Krankenhaus

Hans-Heiner Fastenau sei nach wie vor mit Leib und Seele Arzt: Geboren 1958 in Morsum, studierte er in Göttingen Medizin, war bei der Bundeswehr Standortarzt, ist dann in Bremen geblieben und hat sich als Wohnsitz die Nachbargemeinde ausgesucht. Fastenau hat sich weitergebildet zum Facharzt für HNO. Außerdem wurde er Spezialist für Stimmstörung, Sprachstörung und kindliche Schwerhörigkeit, wobei diese Berufsausübung außerhalb des Klinikbetriebs kaum umsetzbar sei, weil speziell eingerichtete Räume nötig sind.

Klinikärzte hätten den Vorteil, auch bei seltenen Krankheiten Bescheid zu wissen. In seiner Station habe er jeden Tag einen Patienten mit einem Tumor gesehen, „in der Praxis kam das in den ersten zwei Monaten nicht vor.“ Fastenau rät deshalb niemandem, nach einer Facharztausbildung sofort in eine Praxis zu wechseln.

Er liebt sein Fachgebiet, weil es aus seiner Sicht chirurgische und konservative Medizin kombiniert. Allerdings könnten in einer kleineren Praxis Abläufe schneller optimiert werden.

Der Weyher Experte rät seinen Kollegen, die Arzthelfer zu qualifizieren. Als zertifizierter Spezialist für ärztliches Qualitätsmanagement weiß er, wovon er redet. Damit sich Ärzte mehr Zeit für kranke Menschen nehmen können, müsste das medizinische Personal Routinebefragungen übernehmen – um die Krankengeschichte und aktuelle Probleme zu erfassen. „Mir fehlen diese Automatismen in Deutschland.

Fastenau wünscht sich „digitale Krankenakte“

Und auch im Krankenhaus könnte es besser laufen, wenn nämlich die „digitale Krankenakte“ Standard wäre. Der Weyher Arzt wünscht sich, dass im Krankenhaus die „Topbefunde bei jeder Visite präsent sind.“ Das sei bei einer elektronischen Akte möglich, die auch noch Suchabfragen beinhaltet.

Welche Momente waren bislang im Berufsleben besonders schön? Fastenau muss nicht lange überlegen. „Wenn mir ein Patient vier Wochen nach einer OP die Hand schüttelt und sich bedankt.“

Egal ob Normalbürger oder Promi – der Weyher versuchte stets, die Probleme zu lösen und die passende Medizin zu finden. So hatte der US-Entertainer Belafonte laut seiner Diagnose nichts, sei aber damals in Bremen am Ende seiner Kräfte gewesen. „Ich gab ihm einen Schleimlöser, den ich im Glas aufgelöst habe. Belafonte war beeindruckt und konnte singen“, erinnerte sich der Mediziner. 

Die heisere Stimme eines Leadsängers einer bekannten Band aus Baden-Württemberg habe er mit einer Enzymlösung und Cortison behandelt. Die Schwellung sei zumindest für das Konzert abgeklungen. „Das darf man nicht dauerhaft anwenden. Nur die Symptome drängt man kurzfristig zurück“, sagt Fastenau. Zuletzt half er einer Girlband aus Schweden.

Gestern Walkman, morgen Hörgerät

Für diese Sänger waren die Stimmbänder ein Problem, für die Zuhörer sind es die Lautsprecher. Die Jugendlichen, die in den 1970er-, 1980er-Jahren Konzerte besuchten und laute Musik genossen, sind die Hörgeräteträger von Morgen. Auch der Konsum von lautstarker Musik aus den Walkman-Geräten, den analogen Vorläufern von iPods & Co., verführt die jungen Nutzer laut Fastenau, die Hits ihrer Band in einer Lautstärke über dem Limit zu hören. Die Folgen werden bald sichtbar, sagt er. „Da kommt eine Welle der Schwerhörigkeit auf uns zu.“ Zur „normalen“ altersbedingten komme eben die durch Lärm verursachte Schwerhörigkeit.

Wer Konzerte besucht, sollte sich also nicht vorne hinstellen, sondern die Musik von den hinteren Reihen genießen. „Jeder Meter von der Bühne weg, ist wichtig.“

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