Gemeinde Weyhe investiert mehrere Tausend Euro und passt Klassenräume an

Hightech ermöglicht tauben Jungen regulären Schulbesuch

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Der sechsjährige Jonte übt mit anderen Kindern für die Projektwoche einen Nilpferd-Tanz ein. Seine Implantate ermöglichen dem von Geburt an tauben Jungen nicht nur Musik zu hören und zu singen, sondern die Grundschule ohne Einschränkungen zu besuchen.

Sudweyhe - Von Sigi Schritt. Was haben die Star-Trek-Serie „Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert“ und die Paul-Maar-Grundschule gemeinsam? Sowohl in der US-Science-Fiction-Sendung als auch in der Sudweyher Bildungseinrichtung gibt es musterhafte Beispiele für eine gelungene Integration.

Millionen von Fans kennen den von Geburt an blinden Geordi La Forge, der als Chefingenieur eine unverzichtbare Führungsrolle auf der Schiffsbrücke einnimmt. Sehen kann er nur mit Hilfe eines sogenannten Visors. Das ist eine Art Brille, an deren Enden sich jeweils eine Schnittstelle für ein Implantat befindet, das die Visor-Signale in elektrische Impulse umwandelt. Das Gehirn lässt daraufhin Bilder im Kopf entstehen. Zwar gibt es in der Paul-Maar-Grundschule Sudweyhe kein blindes Kind, aber mit Lasse (9) und Jonte (6) zwei Jungen, „die beide taub geboren“ sind. „Sie waren so hochgradig schwerhörig, dass keine Geräusche an sie herankamen“, sagt Mutter Stefanie König (41).

Elektrizität leitet Audiosignale an das Gehirn

Ihre beiden Jungs haben weder Probleme, am regulären Unterricht teilzunehmen noch an besonderen Aktionen wie den Proben zu Sing- und Tanzdarbietungen im Rahmen der Projektwoche zum Thema Afrika. Wie kann das so perfekt gelingen? Das liegt an der besonders angepassten Lernumgebung und an den sogenannten Cochlea-Implantaten, berichtet die Mutter der Jungen. Die Hightech-Geräte bilden ein elektronisch-medizinisches System, das die Funktion der beschädigten Teile des Innenohrs (der Cochlea) übernimmt, um Audiosignale an das Gehirn zu übertragen. „Bei meinen Kindern sind die Flimmerhäarchen nicht ausgeprägt“, erläutert die 41-Jährige. Deshalb liegt im Ohr eine Elektrodenschlaufe, die elektrische Impulse an den Hörnerv weiterleitet.

Rektorin Lühmann trägt ein Mikrofon samt Funksender. Rechts daneben befindet sich ein Lautsprecher.

Geordi La Forge von der Enterprise ist auf seinen Visor angewiesen – Lasse und Jonte auf ihre Hörgeräte, die die Impulse per Induktion an die Implantate weitergeben. „Es ist normales Hören“, versichert König. Ihre beiden Kinder unterscheiden sich nicht von anderen. Allerdings könnten die Geräte zu viele Geräusche nicht verarbeiteten, so die Mutter. Ein „Soundsalat“ sei die Folge. „Deshalb versucht man, die Töne zu differenzieren.“

Speziell eingerichteter Raum dämpft Geräuschkulisse

„Bevor Lasse vor drei Jahren eingeschult worden war, hatte die Gemeinde toll reagiert“, schwärmt die Mutter. Die Mitarbeiter der Verwaltung hätten hat alle Vorschläge des Osnabrücker Landesbildungszentrums für Hörgeschädigte umgesetzt, um die Integration zu erleichtern.

Um den Hall zu vermeiden und die Geräuschkulisse zu dämpfen, hat die Gemeinde einen Klassenraum angepasst: den Lineoleum-Belag gegen Teppichboden getauscht, Stühle und Tische mit Rollen versehen, Vorhänge angebracht und eine Funkanlage eingebaut, berichtet Rektorin Ingrid Lühmann. Die Pädagogin trägt ein Mikrofon, dessen Kabel zu einem Funksender führt. Auf einem Stativ ist ein Lautsprecher angebracht, der ihre Stimme verstärkt. Außerdem befinden sich auf den Tischen ebenfalls Funkmikrofone, die mit der Anlage gekoppelt sind, so Lühmann. Eine Kamera filmt Unterrichtsmaterial, dessen Abbild per Beamer auf die Wand projiziert wird. Diese visuelle Wahrnehmung ist laut Stefanie König ebenfalls wichtig, um den Stoff zu erfassen.

Veränderungen, von denen alle profitieren

„Von dieser Technik profitiert die ganze Klasse“, berichtet Lühmann von den Erfahrungen der vergangenen drei Jahre. Andere Schüler, die sich beispielsweise nur leise mitteilen, werden durch die Funkanlage jetzt von der ganzen Klasse verstanden. „Alle Mädchen und Jungen schätzen die geräuscharme Umgebung“, so die Rektorin.

Wie die Kinder berichten, hätte ihre Klassenlehrerin Maike Vietmeyer die Investitionen der Gemeinde (2800 Euro für die Verlegung von Teppich, 7500 Euro für die Akustikanlage und 5000 Euro für ein künftiges Smartboard) mit der Ausführung einer guten Idee bereichert. Vietmeyer entwickelte große Filzunterlagen für alle Tische, die ebenfalls schalldämpfend wirken.

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