„Wir bleiben jetzt hier“: Erinnerungen an die Flucht und eine neue Heimat

Heute vor genau 75 Jahren

Hubert Sturm (l.) und Hermann Greve bei der Vorstellung des Buches „Wir bleiben jetzt hier“. Foto: heiner büntemeyer

Weyhe – „Wir bleiben jetzt hier“ lautet der Titel eines Buches, in dem Weyher Zeitzeugen über Umsiedlung, Flucht und Vertreibung berichten. Die Texte waren bereits vor einigen Jahren entstanden, nachdem Gemeindearchivar Hermann Greve den ehemaligen Leiter der Weyher VHS, Hubert Sturm, in einer Geschichtswerkstatt angeregt hatte, Aufzeichnungen von Vertriebenen und Flüchtlingen zu sammeln, die in den 40er- und 50er-Jahren nach Weyhe gekommen sind.

Ursprünglich wollte Hubert Sturm heute in der Alten Wache an das Ereignis von vor 75 Jahren erinnern und seinen Vortrag am 3. April im Kreismuseum wiederholen. Angesichts der Anordnungen zum Schutz vor einer Corona-Infektion fallen diese Vorträge jedoch aus. Dennoch möchte Hubert Sturm an das Geschehen vom 21. März 1945 erinnern:

Heute vor genau 75 Jahren trafen in Kirchweyhe fünf Pferdegespanne ein, die von müden, ausgezehrten Pferden gezogen wurden und deren Passagiere nichts besaßen als das, was wie auf ihren Wagen transportierten.

Genau zwei Monate waren sie unterwegs gewesen, als sie hier ankamen. In großer Eile hatten sie ihr Heimatdorf Kirchlindau in Westpreußen verlassen müssen, um vor den heranrückenden russischen Soldaten zu fliehen. Ein festes Ziel hatten sie nicht, als sie dort am 21. Januar 1945 aufgebrochen waren. Sie hofften nur, hinter der Elbe vor den Russen sicher zu sein. Angeführt wurde der Treck von Johannes Wittke, der zusammen mit seiner Frau und den vier Mädchen, seiner Schwägerin und seiner Nichte geflohen war und unterwegs durch einen unglaublichen Zufall auch noch den Sohn wiedergefunden hatte.

Bei bitterer Kälte, unter katastrophalen hygienischen Bedingungen, in ständiger Angst vor der heranrückenden Front und voll Trauer über den Verlust der Heimat, von Hab und Gut, waren sie genau zwei Monate lang unterwegs. Die beiden Mädchen Lena und Ella Wittke waren den ganzen Weg von Bromberg bis nach Kirchweyhe zu Fuß gelaufen.

Es wurde eine unglaubliche Odyssee, ehe sie auf dem Hof des damaligen kommissarischen Kirchweyher Bürgermeisters Heinrich Evers eine vorläufige Bleibe fanden. Endlich hatten sie ein Ziel erreicht, wo ihnen Unterkunft gewährt wurde. Erna Peimann, geborene Wittke, war das jüngste Kind der Familie und sie erinnerte sich noch fast 50 Jahre später genau an die erste warme Mahlzeit nach vielen Tagen, an denen die Familie auch gehungert hatte: Milchsuppe und Bratkartoffeln. „Ich glaube, in meinem ganzen Leben hat mir ein Essen nie so gut geschmeckt wie damals.“

Das hatte Johannes Wittke wohl auch gehofft, als er am 21. März 1945 am Kirchweyher Ortseingang gesagt haben soll: „Es ist genug. Wir bleiben jetzt hier und fahren nicht weiter“.

Info

Das Buch „Wir bleiben jetzt hier“ ist in der Buchhandlung Schüttert und bei der Sparkasse erhältlich.

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