Überraschende Entdeckung

Archäologen finden mittelalterliche Siedlung

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Bezirksarchäologe Friedrich-Wilhelm Wulff zeigt, wie die Häuser im Mittelater auch in Leeste konstruiert waren.

Weyhe - Von Anke Seidel. „Niemand hat damit gerechnet, hier das Mittelalter zu finden“, staunt Archäologin Stephanie Böker. Mitten im Zentrum von Leeste in der Gemeinde Weyhe stand mindestens schon im 13. Jahrhundert eine Siedlung. Dass fast 800 Jahre später an genau dieser Stelle noch immer das Leben pulsiert, ist eine Ausnahme. „Solche Siedlungen finden Sie heutzutage in der Regel auf einem Acker“, erklärt Bezirksarchäologe Friedrich-Wilhelm Wulff.

Spannender Arbeitsplatz: Friederike Schons sichert Lehm-Überreste eines abgebrannten Hauses. Sie haben Jahrhunderte überdauert.

Denn dass Menschen nach Missernten, Seuchen und anderen Katastrophen ihre Dörfer verließen, um sich woanders eine neue Zukunft aufzubauen, gehört zum Lauf der Geschichte. Wie groß die mittelalterliche Siedlung an der Schulstraße in Leeste war, das können die Archäologen nur vermuten. Denn untersuchen können sie nur einen kleinen Teil des Areals, das Umfeld ist längst bebaut.

Die für Laien kaum erkennbaren Überreste von drei mittelalterlichen Häusern haben die Fachleute in Leeste abgesteckt – auf einem Areal, das mit drei neuen Mehrfamilienhäusern bebaut werden soll. 24 Wohneinheiten will Bauherr und Architekt Valerius Pfeiffer dort errichten.

Baustopp für mehrere Wochen

Doch weil die mittelalterlichen Funde untersucht, geborgen und kartiert werden müssen, stocken die Bauarbeiten. „Drei Wochen Zeitverlust“, bilanziert Pfeiffer – und fügt mit ernstem Blick auf die archäologischen Arbeiten hinzu: „Rund 25.000 Euro Kosten sind entstanden.“ Zahlen muss der Bauherr – so will es das niedersächsische Denkmalschutzgesetz. Genau das besagt aber auch: Die Funde gehören dem Land Niedersachsen. Etwa drei Kilogramm Keramikscherben sind es, die Grabungstechniker des Bremer Archäologiebüros Nordholz im Boden der Baustelle gefunden haben. Scherben von Kugeltöpfen, in denen die Menschen im Mittelalter über der Herdstelle mit dem offenen Feuer ihre Mahlzeiten zubereiteten. Die Leester nutzten damals auch glasierte Keramik, wie sie im Rheinland gefertigt wurde.

Das beweisen die Funde ebenso wie die Tatsache, dass eines der strohgedeckten Häuser im Leester Ortskern niederbrannte. Warum es zu dieser Tragödie kam, wird wohl für immer ein Geheimnis der Geschichte bleiben. Aber dass Flammen die Hauswände zerstörten, beweist ein unscheinbares Fragment aus Ton: Der vom Feuer verhärtete und rot gefärbte Lehm, mit dem die Menschen im Mittelalter ihre Häuser abdichteten.

So lebten Menschen vor 800 Jahren

Sie bestanden damals aus kräftigen Holzpfosten, bis zu 80 Zentimeter tief in den Boden gerammt, die mit Wänden aus geflochtenen Weidenruten verbunden wurden. Dieses luftige Geflecht dichteten die Menschen zum Schutz gegen Wind und Wetter mit Lehm ab. Heute zeigen Verfärbungen im Boden, wo die Menschen damals diese Holzpfeiler setzten. Dass genau die nach fast 800 Jahren wieder ans Tageslicht kommen, ist einer Auflage der Baugenehmigungsbehörde zu verdanken. 

„Bei Erdarbeiten von mehr als tausend Quadratmetern besteht eine Prospektierungspflicht durch eine Grabungsfirma“, erklärt Joachim Homburg als stellvertretender Leiter des Landkreis-Fachdienstes Bauordnung und Städtebau. Hinweise geben außerdem bereits kartierte Fund- und Fundverdachtsflächen. Dazu gehört auch das Areal in Leeste, weil beim Bau einer benachbarten Tankstelle vor einigen Jahren eine 3000 Jahre alte Urne gefunden worden war.

Der jetzt betroffene Bauherr Valerius Pfeiffer blickt stumm auf die Plastikbeutel mit den mittelalterlichen Scherben, die nun zur weiteren Bearbeitung ins Landesmuseum Hannover wandern.

Fundstätte wird zerstört

Nicht ausgeschlossen, so ergibt eine Nachfrage beim Bezirksarchäologen, dass sie eines Tages als Leihgabe im Kreismuseum in Syke ausgestellt werden – stumme Zeugen des mittelalterlichen Lebens mitten in Leeste. Wieviele davon noch im Boden liegen, das werden die Fachleute nicht mehr ergründen. Denn die Bauarbeiten gehen ab heute weiter – mit ausdrücklicher Zustimmung aus Hannover. „Wir erlauben, dass die Fundstätte zerstört werden darf“, so formuliert es Bezirksarchäologe Wulff. Möglich, dass seine Kollegen in ferner Zukunft bei neuerlichen Bauarbeiten wieder auf Funde stoßen. Bis dahin bleibt Tatsache: Wer auch immer in die neuen Häuser einzieht, hat das Mittelalter unter den Füßen. Buchstäblich.

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