Friedhofsführung auf Plattdeutsch

„Grabstellen erzählen viel“

Als „Diamanten“ bezeichnet Gästeführerin Ingrid Schierenbeck einige der zwölf alten Grabsteine auf dem Kirchhof neben der Leester Marienkirche. - Foto: Büntemeyer

Leeste - Bei der Gästeführung über die Leester Friedhöfe wurde den Teilnehmern am Freitag besonders deutlich, wie sehr sich die Friedhofskultur im Laufe der Jahre geändert hat. Gästeführerin Ingrid Schierenbeck war wieder tief in die Kirchenchronik eingetaucht und hatte Erstaunliches zutage gefördert.

Diese Erkenntnisse vermittelte sie den mehr als 40 Zuhörerinnen und Zuhörern auf Platt, was die beklemmenderen Passagen ihres Vortrages leichter machte. So berichtete sie, dass in früheren Jahrhunderten nicht nur in Leeste „Gaukler, Sänger, Schauspieler und Verbrecher“ außerhalb des Friedhofs beerdigt worden waren. Ungetaufte Kinder etwa bestattete man an der Friedhofsmauer, damit ihnen das von der Mauer herabtropfende Nass nachträglich noch eine „Gottestaufe“ zukommen ließ.

Über die 106 Kriegsgräber sagte Schierenbeck, dass dort auch Opfer begraben liegen, die 1955 aus zahlreichen anderen Dörfern des Landkreises nach Leeste umgebettet worden waren.

Doch es waren nicht nur bedrückende, melancholisch stimmende Ereignisse, die sich mit dem „Karkhoff“ (Kirchhof) verbanden. Vielmehr machten Friedhöfe früher einen Teil des dörflichen Lebens aus. Wie selbstverständlich weideten Ziegen, Schafe und „Kösters Koh“ darauf. Da sich nicht jede Familie einen Sarg leisten konnte, behalf man sich mit einem „Klappsarg“, in dem man den Toten ins Grab ließ. Unten wurde der Boden aufgeklappt, und der leere Sarg für das nächste Begräbnis wieder hochgezogen. Kränze waren bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts unbekannt. Allerdings legten die Familien ihren verstorbenen Kindern einen mit Blumen verzierten Kranz aus Salzteig auf den Sarg.

Schierenbeck informierte auch über die uralten Grabsteine. Sie erzählte von den dort aufgeführten Verstorbenen und berichtete, dass diese die Gestaltung der Steine schon zu Lebzeiten in Auftrag gegeben hatten und wegen unvorhersehbarer Ereignisse wie Kriegsnot oder Geldmangel das Sterbedatum manchmal nicht mehr eingemeißelt wurde.

Um 1820 wurde der Platz neben der Kirche knapp, so dass außerhalb des Dorfes ein neuer Friedhof entstand. Vor dessen Einweihung war der Untergrund auf seine Eignung untersucht worden. Aus dieser Zeit ist noch eine Friedhofsordnung überliefert, in der es heißt: „Unterwegs wird gesungen – und zwar alle!“

Häufig mussten die Teilnehmer der Führung schmunzeln, denn Schierenbeck kommentierte humorvoll ihre historischen Entdeckungen, so auch auf dem zweiten Friedhof, auf dem die Gruppe weitere Grabstellen besuchte. „Grabstellen erzählen eine ganze Menge“, berichtete Schierenbeck angesichts einiger eigenwillig gestalteter Gräber und Grabsteine.

Eine nachdenkliche Stimmung herrschte, als die Gästeführerin daran erinnerte, wie intensiv und liebevoll noch zu ihrer Jugendzeit die Familiengräber gepflegt wurden. „Der Umgang mit den Toten ist ein Zeichen des gesamtgesellschaftlichen Zustandes“, zitierte sie die Theologin Margot Käßmann. Darin steckte Kritik, zumal die Anzahl der halb-anonymen Grabstellen sehr auffällig war. Auch der 1990 angelegte dritte und der seit 2006 genutzte vierte Friedhof – beide jenseits der Hagener Straße – wurden besucht, ehe der Rundgang an der neuen, 1982 eingeweihten Friedhofskapelle endete. Abschließend gab es „Beerdigungskuchen“ (Butterkuchen).

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