Nachbarschaft angeschlossen

Glasfaser-Provider vergessen Anwohner im „Weyher Niemandsland“ 

Oliver Pechstein und sein Nachbar Karl-Heinz Schulte wollen seit November auf Glasfaser wechseln. Das scheint allerdings ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

Weyhe – Es ist eine verzwickte Situation: Das Breitband-Netz von zwei Grundstückseigentümern der Rumpsfelder Heide in Weyhe ist nicht langsam genug, damit der kommunale Netzbetreiber von der einen Seite eine geförderte Glasfaser-Leitung zu ihren Häusern verlegen will.

Und auf der anderen Seite gibt es zwar den Provider Deutsche Glasfaser, der andere Nachbarn angeschlossen hat, aber eine 120 Meter lange Wiese bremst den Ausbau aus. Für 21.000 Euro würden beide Grundstücke Glasfaser bekommen. Nun will die Gemeinde vermitteln. „Der Sand der Glasfaser-Baustelle von nebenan weht zu uns herüber, aber wir werden nicht angeschlossen“, schimpft Oliver Pechstein. Er und sein Nachbar Karl-Heinz Schulte wollen seit November auf Glasfaser wechseln. Das scheint allerdings ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

Weyhe: Telefongespräche brechen aus heiterem Himmel ab

Die beiden Anwohner der Straße Rumpsfelder Heide erhoffen sich von einem Wechsel, dass künftig ein schneller Datenstrom garantiert werde und dass Telefongespräche laut Pechstein „nicht mehr aus heiterem Himmel abbrechen“. Das Problem: 60 Meter vom Haus der Familie Schulte hört der Landkreis auf, das kommunale Netz Nordischnet zu verlegen. 40 Meter von der Grundstücksgrenze von Familie Pechstein und 120 Meter von deren Haus liegt das Kabel der Deutschen Glasfaser.

„Uns trifft es besonders hart, weil ich ein Sachverständigenbüro für baurechtliche Prüfungen mit vier Angestellten betreibe“, sagt der 49-jährige Unternehmer. Wegen der immer wieder abbrechenden Gespräche habe er nach eigenen Angaben kürzlich mehr als 12 .000 Euro in eine nagelneue Telefonanlage investiert und kam zum Ergebnis, dass die abbrechenden Gespräche in keinem Zusammenhang mit seiner alten Hausverteilung standen.

Internet in Weyhe: Oliver Pechstein auf hohe Datenmenge angewiesen

„Ich bin auf eine hohe Datenmenge angewiesen, weil das Büro viele Pläne hin- und herschickt. Wir erledigen Prüfungen, die vom Gesetzgeber vorgeschrieben sind und sind dabei auf Lüftungstechnik und Entrauchungsanlagen spezialisiert. Wir prüfen Schulen, Krankenhäuser, Altenheime und Kitas.“ Zu den Kunden zähle unter anderem die Gemeinde Weyhe. Was der TÜV Süd in einem größeren Stil macht, mache er mit seinen Mitarbeitern im kleineren Rahmen, sagt Pechstein. „Ich hafte als Sachverständiger mit meinem Privatvermögen“, erklärt er. Oliver Pechstein kann es nicht verstehen, dass er und seine Mitarbeiter als Gutachter und Dienstleister auf Baustellen stets Lösungen suchen, „wenn Handwerker Murks gemacht haben“, damit es auf der Baustelle weitergehen kann.

Und bei den aktuellen Glasfaser-Baustellen kommen er und sein Nachbar seit mehr als fünf Monaten nicht voran. Es sei überhaupt dem Zufall geschuldet, dass beide mitbekommen hätten, dass weder die Deutsche Glasfaser noch Nordischnet ihre Häuser nicht anschließen würden.

Oliver Pechstein hatte immer gehofft, Glasfaser zu bekommen, müsse nun in Kürze eine Entscheidung treffen: Ob er sein Büro ins Nachbarbundesland verlegt, weil es dort Gigabit-Datenraten gibt. Das würde bedeuten, dass er nach eigenen Angaben einen mittleren sechsstelligen Betrag an Steuern nicht mehr in Weyhe entrichten wird. „In drei Jahren kommen rund eine Million Euro zusammen.“

Karl-Heinz Schulte malt ein düsteres Bild in Sachen Telekommunikation und Internet

Zeigt auf eine Glasfaser-Markierung: Karl-Heinz Schulte. Von diesem Punkt ist sein Grundstück mit dem Haus im Hintergrund 60 Meter entfernt.

Sein Nachbar, Karl-Heinz Schulte, malt ein düsteres Bild in Sachen Telekommunikation und Internet. Der Ingenieur glaubt, dass nur wenige Häuser der Rumpsfelder Heide per Kupferkabel mit Telefon und Internet angeschlossen bleiben. Er vermutet, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, dass Probleme mit dem alten Breitband-Netz auftreten. Schulte fragt sich, ob der bisherige Provider die Motivation hat, etwaige Probleme für eine Handvoll Anschlussinhaber zu beheben.

Bei Anwendungen, die immer mehr Datenvolumen verschlingen, komme außerdem bald der Zeitpunkt, wo Karl-Heinz Schulte sein Grundstück abgehängt sieht.

„Wir wohnen dort, wo sich die Weyher Ortsteile Leeste, Lahausen und Melchiorshausen treffen“, sagt Karl-Heinz Schulte. „Ich glaube, bei der Einteilung hat man uns vergessen, weil wir im Weyher Niemandsland leben.“

Das Ende des Leester Ortsteils ist erreicht. Die Leitung der Deutschen Glasfaser endet an dem Grundstück links von Oliver Pechstein. 40 Meter weiter, also hinter dem Ortsschild, beginnt Pechsteins Areal. Nach der Wiese folgt dann das Anwesen.

Technisch würden die Grundstücke als sogenannte schwarze Flecken eingestuft, weil die Datenraten größer als 30 Megabyte pro Sekunde seien. „Dann sei aber das Gebiet nicht mehr förderungswürdig“, erläutert eine Sprecherin des Unternehmens Nordischnet. Deshalb würde der kommunale Anbieter, so eine Unternehmenssprecherin, dort nicht aktiv werden können.

Deutsche Glasfaser: „Grundsätzlich möchten wir jeden als Kunden binden“

Der Landkreis will deshalb nicht die Leitung 60 Meter weiter zum Areal der Familie Schulte legen lassen, weil die sogenannten weißen Flecken, also die Grundstücke, die unterversorgt sind, bereits feststehen und man nicht die betreffenden Areale nachträglich dazunehmen könnte, so Mareike Rein vom Landratsbüro. Schultes Anwesen könnte bei einem späteren Nordischnet-Ausbau berücksichtigt werden.

„Grundsätzlich möchten wir jeden als Kunden binden“, sagt Dennis Slobodian, Sprecher des Unternehmens Deutsche Glasfaser, das die Infrastruktur privatwirtschaftlich ausbaut. „Wenn Interessenten wie Pechstein und Schulte ins Projekt genommen werden möchten, prüfen wir das.“ Die Anfrage dieser Zeitung habe der Telekommunikationsanbieter laut Slobodian zum Anlass genommen, die Strecke aktuell zu vermessen. Es sei nämlich nicht möglich, ein Kabel von Haus zu Haus zu verlegen. Ausgangspunkt sei ein Verteiler.

Ein Ausbau für die betreffenden Grundstücke sei laut Dennis Slobodian möglich, allerdings müsste eine Distanz von 300 Meter vom letzten Knotenpunkt überwunden werden. Tiefbau und eine Straßenquerung als Extra-Herausforderung würden für beide Grundstücke zusammen rund 21000 Euro kosten, rechnete der Sprecher vor. Es ginge auch preiswerter, wenn „Kunden zum Beispiel den Tiefbau zum Teil selbst erledigen“. Das könnte man absprechen.

Glasfaser: Wirtschaftsförderer kann Ärger der Weyher verstehen

„Das ist eine äußerst seltene Konstellation“, kommentiert Dennis Sander die Situation. Der Weyher Wirtschaftsförderer kann den Ärger der Weyher verstehen. Der eine Anbieter baue nur dort aus, wo es gefördert wird, so Sander, der andere legt sein Ausbaugebiet selbst fest, aber die Grundstücke gehören nicht dazu. Wenn eine Wiese zwischen zwei Häusern liegt, kann das schon mal zu einem Problem werden, dass sich ein Ausbau aus der Sicht des Unternehmens sich nicht rechnet, erklärt der Wirtschaftsförderer. Und sich einen fünfstelligen Betrag zu teilen, sei für die Betroffenen nicht attraktiv, so Sander weiter. Aufgeben will die Gemeinde aber nicht, betont er. „Wir wollen, dass alle Glasfaser bekommen.“

Die Gemeinde will gemeinsam mit den beiden Grundstücksinhabern und der Deutschen Glasfaser an einer einvernehmlichen Lösung arbeiten, kündigt der Wirtschaftsförderer an. Er sieht sich als Moderator. „Ziel ist es, den Eigenanteil auf ein erträgliches Maß herunterzuschrauben.“

Rubriklistenbild: © Sigi Schritt

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