Gemeindearchivar Wilfried Meyer will für Weyhe die Geschichte der Häusler aufarbeiten / Treffen am Montag in der Wassermühle

Existenz am Rande der Gesellschaft – und oft auch des Dorfes

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Das Ende eines Lahauser Häuslingshauses, Anfang der 1970er- Jahre. Es stand einmal an der Ecke Neddernfeld/Am Hauskamp, gehörte zum Vollmeierhof Niemeyer und hatte die Haus-Nr. 1 A. Laut Adressbuch von 1907 wohnten damals der Weichensteller Heinrich Brüning und der Häusler Johann Bösche darin. Die Feuerwehr sorgte für den „heißen Abriss“ in Form einer Übung.

Weyhe - Als Häuslinge oder Häusler werden die besitzlosen Bewohner von kleinen Häusern bezeichnet, die bis vor einem Jahrhundert noch einen erheblichen Anteil der Einwohnerschaft der Region ausmachten. Sie lebten zumeist in ärmlich eingerichteten kleinen Gebäuden, manchmal umgebauten Speichern oder in einem Doppelhaus, dem sogenannten Tweepartshuus. Diese Häuser gehörten einem Bauern, zumeist Voll- oder Halbmeier, für die die Häusler in der Landwirtschaft arbeiteten.

Selbst konnten sie auch Kuh oder Ziege, ein paar Schweine, Schafe und Hühner zur eigenen Versorgung halten. Pferde hatten sie selten, höchstens mal einen Ochsen, der als Zugtier diente.

Den Häuslern stand ein wenig Land zum Ackern und ein Stück Wiese als Pacht zur Verfügung, so war es möglich, die eigene Familie mehr schlecht als recht über die Runden zu bringen. Häufig übten sie noch ein Handwerk aus, um an etwas Geld zu kommen oder reisten als „Hollandgänger“ in die Niederlande und arbeiteten dort monatelang. Ihre Frauen und Kinder mussten zu Hause meistens beim Bauern helfen, vor allem in der Erntezeit.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden solche Beschäftigungs- und Arbeitsverhältnisse. Die Modernisierung in der Landwirtschaft und Arbeitsmöglichkeiten in der Industrie ließen diese Form der Abhängigkeit aussterben.

Die kleinen Häuslingshäuser fanden noch eine Zeit lang Pächter oder Mieter, häufig Flüchtlinge. Danach standen sie oft leer, verfielen und wurden abgerissen – oder als Übungsobjekt der Feuerwehren genutzt. Der „heiße Abriss“ war keine Seltenheit, zumal die Gemeinden sogar 1000 Mark als Abrissprämie vom Landkreis erhielten. In der Umgebung der Stadtgemeinde Bremen fanden diese alten Häuser allerdings auch Liebhaber, die sie als Wochenendhaus oder Wohnung umbauten. Dabei verloren die alten Häuser meistens ihr ursprüngliches Aussehen. Als Ausnahme mag das „Rauchhaus“ in Varrel gelten, andere Gebäude lassen nur anhand ihrer Lage außerhalb von Siedlungen darauf schließen, dass sie mal frühere Häuslingshäuser waren.

Der Kreisheimatbund und das Kreismuseum entschlossen sich vor einiger Zeit, die Spuren dieser Epoche zu erforschen und für die Nachwelt zu erhalten. Der Landschaftsverband Weser–Hunte unterstützt das Projekt, und seit Anfang 2015 arbeitet der Volkskundler Ralf Weber im Museum an der Dokumentation aller Quellen zu diesem Thema. Ein Fragebogen soll Heimatforschern bei der Erfassung noch vorhandener Zeitzeugen oder deren Nachkommen unterstützen. Selbst wenn die Häuser verschwunden sind und die früheren Bewohner nicht mehr leben, lassen sich noch Quellen finden. Erinnerungen von Einwohnern und alte Fotos können ein Stück des verschwundenen Häuslingswesens sichtbar machen.

In den Weyher Ortsteilen gab es außer in Erichshof zahlreiche Häusler, wie alte Einwohnerlisten oder Adressbücher verraten. Gemeindearchivar Wilfried Meyer will das Projekt des Kreisheimatbundes für Weyhe jetzt anpacken und Freiwillige für die Befragung von Zeitzeugen motivieren. Natürlich sind auch Nachkommen früherer Häusler oder Bauern, die Häuslinge hatten, willkommen.

Für Montag, dem 6. Juli, lädt er um 17 Uhr zu einem Treffen in die Sudweyher Mühlenscheune ein. Dort wird er das Projekt anhand einiger Bilder aus Weyhe und den Fragebogen vorstellen. Wenn sich dort genügend Mitstreiter finden, soll an jedem ersten Montag im Monat ein Erfahrungsaustausch über die Bühne gehen.

wm

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