Fünf Jahre lang den Kopf hingehalten

Andreas Bovenschultes letzter Arbeitstag im Weyher Rathaus

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Die Arbeit in Bremen ruft. Bürgermeister Andreas Bovenschulte blickt bereits Richtung Bremen. Am Freitag räumt er seinen Schreibtisch im Weyher Rathaus. 

Weyhe - Ab Samstag entscheiden andere: Andreas Bovenschulte hat am Freitag seinen letzten Arbeitstag im Weyher Rathaus. „Dann nehme ich mein Bürgerschaftsmandat in Bremen an“, kündigt der Noch-Verwaltungschef an. Was das für Weyhe bedeutet? „Ab Samstag bin ich beurlaubter Bürgermeister“, so Bovenschulte.

Der Verwaltungschef ist fest entschlossen, als einer von 23 Abgeordneten der SPD in die Bremische Bürgerschaft einzuziehen. Bei der Wahl im Mai hatte er rund 4. 200 persönliche Stimmen geholt – eine respektable Leistung. Vor ihm lagen bekannte Bremer Funktionsträger wie Bürgerschaftspräsident und Senatoren. Bovenschulte will sich mit voller Kraft den Herausforderungen in der Hansestadt stellen und kandidiert deshalb am Montag bereits für das Amt des SPD-Fraktionsvorsitzenden. 

Sicher ist schon jetzt, dass er nach zwölf Jahren in Weyhe mit viel Wehmut und Emotionen geht, um sich neuen Aufgaben zu widmen. Für Mittwoch, 3. Juli, plant Bovenschulte eine „kleine Verabschiedung“ nach der letzten Ratssitzung vor den Ferien. Diese Sitzung wird mit Sicherheit in die Geschichte der Wesergemeinde eingehen, denn formal muss der Rat mit einer qualifizierten Mehrheit den Bürgermeister abwählen, um den Weg für Neuwahlen freizumachen. Denn Bovenschultes Beamtenverhältnis in Niedersachsen würde erst nach mehr als zwei Jahren enden.

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Damit endet der bislang längste Abschnitt seines beruflichen Lebens. Er hätte es selbst nicht für möglich gehalten, welche Folgen die vor mehr als einem Jahrzehnt von seiner Ehefrau vorgelegte Stellenanzeige bewirkt hat. Im Mai 2007 heuerte Bovenschulte als Erster Gemeinderat in Weyhe an, als der Bürgermeister noch Frank Lemmermann hieß. Zuvor war der promovierte Jurist beim Bremer Justizsenator beschäftigt und prüfte Gesetze auf ihre Verfassungsmäßigkeit. Er arbeitete als Projektleiter und Justiziar beim Unternehmen Bremen Online Service und kümmerte sich um E-Government.

Doch ihm habe der praktische Anteil der Arbeit gefehlt. Er wollte gerne mit dem direkten Leben der Menschen zu tun haben. Das gelang ihm in Weyhe. Dort hat Bovenschulte zudem gelernt, dass es „einen Riesenunterschied macht, ob man Stellvertreter ist oder als Bürgermeister die Verantwortung trägt und den Kopf hinhalten“ muss.

Realisierung vieler Projekte dank guter Zusammenarbeit 

Ab November 2014 wechselte er selbst in den Chefsessel. Seine Arbeit war nach eigener Darstellung geprägt von der Zusammenarbeit mit den Rathausmitarbeitern, Politikvertretern und engagierten Bürgern. Ohne dieses Zusammenspiel hätten zahlreiche große und kleinere Projekte nicht auf den Weg gebracht werden können – teilweise auch in der Amtszeit seines Vorgängers Lemmermann: Bovenschulte erinnert an die Fertigstellung der Südumgehung. Die Beseitigung des „Dreyer Knies“ bezeichnet er als „Kraftakt“. Damals habe Bremen viel Geld in die Hand genommen, um ein Stau-Problem zu lösen, was in erster Linie eine reine Weyher Angelegenheit war. „Es waren viele Gespräche notwendig, um Überzeugungsarbeit zu leisten“, so Bovenschulte. Ein weiteres Prestigeobjekt: der Ankauf und die Sanierung des Kirchweyher Bahnhofs. Die ersten Anträge zur Leester Ortskern-Entwicklung und die ersten Schritte zur Umsiedelung von GS Agri seien gefallen, als Bovenschulte, damals auch SPD-Landesvorsitzender in Bremen, noch als Erster Gemeinderat fungierte.

Entscheidungen werden im Weyher Rathaus auf Augenhöhe gefällt

Der Führungsstil an der Spitze des Weyher Rathauses sei kollegial geprägt. Argumente bildeten die Basis von Entscheidungen auf Augenhöhe. Es wurde solange diskutiert, bis alle Fürs und Widers abgewogen worden waren. Das handhabte er auch mit seiner Stellvertreterin Ina Pundsack-Bleith, die ab Samstag seine Amtsgeschäfte übernimmt.

Unter seiner Führung sind ebenfalls viele Projekte gut gelaufen: Bovenschulte nennt zum Beispiel die Ortskernsanierung Leeste, den geplanten Bau des Kultur- und Bildungszentrums, für das er erfolgreich Fördermillionen eingeworben hat. Weitere Beispiele: die Sanierung der KGS Leeste, die Aufwertung des Marktplatzes samt der Belegung durch Veranstaltungen wie Summer in the City. Bovenschulte holt weiter aus und nennt Stichworte wie die Ansiedelung einer Berufsschule für Altenpflege, Ergo- und Physiotherapie, die Umwandlung des Mühlenkamps zu einem Park und die Schaffung der größten zusammenhängenden Waldfläche der Gemeinde in Melchiorshausen. Außerdem nennt er Stichworte wie den Sudweyher Bahnhof, der jahrzehntelang einen Dornröschenschlaf schlummerte.

Tod von Daniel S. schlimmstes Erlebnis in Bovenschultes Amtszeit

Das Schlimmste, was er erlebt hat, war der Tod von Daniel S. „Dass in Weyhe ein Verbrechen passiert, hat mich traurig und wütend gemacht.“ Schlimm war auch, dass Hetzer aus dem rechtsextremen Spektrum diesen Vorfall politisiert hätten, um ein eigenes Süppchen zu kochen. „Wir zeigten Trauer, ließen aber eine Spaltung der Gemeinde nicht zu, und verfolgten erfolgreich ein Dutzend strafbare Äußerungen.“

Dennoch hatte Bovenschulte keinen Tag in Weyhe bereut: „Für mich waren es persönlich zwölf richtig gute Jahre.“ Vermissen wird er die Herzlichkeit der vielen Bürger und engagierten Menschen. Ob die Bremer Parlamentarier etwas von den Weyher Fraktionen der SPD, CDU, Grünen und der FDP lernen könnten? Bovenschulte muss nicht lange überlegen: Manchmal hätten die Parteien in Weyhe die Chance zur politischen Profilierung nicht genutzt, weil das Interesse des Gemeinwohls höher zu bewerten war. „Schwierige Projekte wurden in der Kontroverse nicht öffentlich zerredet“, so Bovenschulte. Fraktionen, die nicht den Bürgermeister stellten, äußern zwar ihre Meinung, trugen aber so manche Projekte mit, sodass wichtige Entscheidungen einstimmig waren.

Der oberste Sachbearbeiter geht

Ein Kommentar von Sigi Schritt

Weyhe verliert mit Andreas Bovenschulte ein Multitalent an der Verwaltungsspitze. Noch in bester Erinnerung ist seine packende Predigt auf der Bürgerkanzel in der Leester Mariengemeinde. Dort hat der Bürgermeister sogar gezeigt, dass er es versteht, die Herzen der Christengemeinde zu erreichen. Darüber hinaus bewies Bovenschulte stets Verhandlungsgeschick, erkämpfte so einige Fördermillionen und sorgte für viele parteiübergreifende Entscheidungen. Weyhe gibt nicht nur einen Chef von über 500 Mitarbeitern an das Bremer Landesparlament ab, sondern auch seinen obersten Sachbearbeiter. Normalerweise bestimmen Bürgermeister hauptsächlich die Handlungsrichtlinien der Verwaltung und überlassen das Fachliche den Experten, also den Fachbereichsleitern und deren Mitarbeitern. Für das Arbeitstier Bovenschulte mit einer 50 bis 60 Stunden-Woche war das anders: Er ging tief in die Themen hinein und bewies Detailkenntnisse der Sach- und Rechtslage. Und einige Projekte wie das Einwohner-Ticket konzipierte er schon mal selbst. Daran wird sich ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin messen müssen.

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