Silvester im Corona-Jahr

Verkauf von Feuerwerkskörpern? Händler aus Weyhe verzichtet auf Böller-Umsatz

Sekt statt Böller: Adnan Mayhoub hat vorgesorgt.
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Sekt statt Böller: Rewe-Kaufmann Adnan Mayhoub hat vorgesorgt.

Ein Silvester ohne Böllerei und Feuerwerk? Für Lisa-Marie Lotz aus Kirchweyhe ist das grundsätzlich sehr schwer vorstellbar. „Ich kenne es nicht anders“, sagt die 17-Jährige. Doch die Kirchweyherin ist dafür, dass in diesem Jahr in der Silvester-Nacht und am Neujahrstag das Anzünden von Minisprengstoff verboten wird, und dass die Politik entsprechende Beschlüsse fasst. Ähnlich sehen es auch andere Weyher, die sich bei einer nicht-repräsentativen Umfrage dieser Zeitung geäußert haben.

Weyhe – Lisa-Marie Lotz findet, dass die Niederlande, die so etwas beschlossen haben, ein Vorbild für Deutschland sein könnten. Sie finde es gut, dass das Nachbarland das Entzünden von Böllern und Feuerwerk während der Corona-Pandemie deshalb nicht zulassen möchte, um die Krankenhäuser zu entlasten. Nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in Deutschland würden sich Menschen schwer verletzen.

Feuerwerk: Verrückte und gefährliche Spiele meist eine Frage des Alkoholpegels

Sie kenne selbst Jugendliche, die sich bei einer Party einen Spaß daraus gemacht hätten, Raketen – wie die Kirchweyherin betont – aus allen möglichen Körperöffnungen starten zu lassen. Diese Menschen hätten sich in der Vergangenheit auch nicht davon abbringen lassen, eine Art gefährliches Spiel zu spielen, wonach der verliert, der einen Böller am kürzesten in der Hand behält. „Dieses dumme Verhalten kann schwere Verletzungen hervorrufen“, sagt sie. Doch diese Einsicht hätten die Partygäste, von denen sie spricht, offenbar nicht gehabt. Solche Aktionen seien meist auch eine Frage, wie hoch der Alkoholpegel sei, sagt sie.

Fordert Böller-Verbot nur für dieses Jahr: Lisa-Marie Lotz.

Anders als Lisa-Marie Lotz, die nur für diesen Jahreswechsel ein Verbot fordert, spricht sich Tobias Meyerholz aus Leeste wie Vertreter von Kirchen und des Naturschutzbundes für einen böllerfreien Jahreswechsel aus. Der Halter eines Doodles sagt, dass die Knallerei Jahr für Jahr die Tiere verschreckt.

Obgleich die Rufe auch in Deutschland lauter werden, ein Feuerwerk nicht zu erlauben, erinnert die Seniorin Bärbel Menzler aus Kirchweyhe dran, dass gerade Jugendliche es heimlich knallen lassen würden. Die 71-Jährige wünscht sich, dass Jugendliche lieber in Gärten mit lautem Knall das neue Jahr willkommen heißen. Bärbel Menzler kann sich allerdings auch vorstellen, dass Politik und Verwaltung in Weyhe Gebiete freigeben, in denen ungestört geknallt werden kann.

Sonja Wünschig (32) aus Kirchweyhe hofft auf die Vernunft der Weyher, sich beim Feuerwerk einzuschränken. Verbote würden gerade unter Jugendlichen ins Gegenteil umschlagen, glaubt sie. Es könne nur ein freiwilliger Verzicht infrage kommen. Sie kann über Leute, die Feuerwerkskörper hamstern, nur den Kopf schütteln. Wer Feuer in den Händen halten will, soll Wunderkerzen nehmen, sagt die 32-Jährige.

Plädiert für einen freiwilligen Verzicht: Sonja Wünschig.

Vom Frische-Luft-Schnappen um Mitternacht halte die 72-jährige Leni Großmann aus Kirchweyhe schon lange nichts mehr. „Man wird eingenebelt, und dann geht man rein.“ Jeder knallt, niemand macht die Straßen sauber. Leni Großmann wünscht sich daher, dass die Feinstaubbelastung am Jahresende nicht in die Höhe schnellt. Wenn die Friday-for-Future-Generation sich fürs Klima und Naturschutz einsetzt, solle sie sich auch dafür einsetzen, dass nicht mehr so viele Knallkörper in Umlauf kommen. Das sei auch eine Sache des Handels, findet sie.

Feuerwerksverkauf abgesagt: Umsatzverlust soll im fünfstelligen Bereich liegen

Dem stimmt Adnan Mayhoub zu. Er betreibt den Rewe-Verbrauchermarkt in Kirchweyhe. „Ich werde künftig an Silvester kein Feuerwerk mehr verkaufen. Das ist eine grundsätzliche Sache.“ Es müsse nicht sein, dass die Notaufnahmen der Krankenhäuser in jedem Jahr viel zu tun haben. Die Mitarbeiter werden überlastet. Es spreche außerdem noch viel mehr gegen Feuerwerk: Wer ein Herz für Tiere hat, böllert nicht. Man stelle sich vor, dass ab diesem Jahr niemand mehr in Deutschland oder auch anderswo in Europa ballern würde. Was wäre das für ein Segen für die Umwelt?, fragt Adnan Mayhoub. Er verzichte jedenfalls auf eine fünfstellige Umsatzsumme. „Ich verkaufe nur Böller, wenn ich dazu gezwungen werde.“ Im Sommer hatte er sich bewusst beim Rewe-Einkauf gegen eine Bestellung entschieden, sagt er. Diese Entscheidung werde er weiter verteidigen, und er hofft, auf positive Reaktionen seiner Kunden. „Ich hoffe, dass so mancher Händler diesem Beispiel folgt.“

Die Kirchweyherin Leni Großmann denkt auch an die Unternehmen, die Feuerwerk herstellen. Sie kann sich durchaus vorstellen, dass professionelle Feuerwerker in Weyhe den nächtlichen Himmel im Rahmen eines Events besonders erhellen lassen. Das müsste natürlich organisiert werden, sagt die Kirchweyherin.

Es gibt Alternativen: Statt Raketen in den Himmel steigen zu lassen schlägt die 17-jährige Lisa-Marie Lotz eine Fahrradtour durch das nächtliche Weyhe vor. Wer Krach machen möchte, kann die Klingel am Lenker betätigen. Oder ein längerer Spaziergang gegen Mitternacht könne ebenso eine interessante Alternative sein. Immerhin: Die Laternen sollen die ganze Nacht über brennen.

Und was sagt die Weyher Politik zu den Wünschen von Bürgern, den nächtlichen Silvesterhimmel dunkler als in den Vorjahren erscheinen zu lassen? Die CDU-Fraktion würde sich freuen, „wenn die Weyher das Abbrennen von Feuerwerkskörpern nur auf den Silvestertag beschränken würden. Für ältere Menschen und Tiere ist die Knallerei die Hölle.“ Ein generelles Verbot komme für die CDU aber nicht infrage.

Setzen auf die Vernunft: Bärbel Menzler (l.) und Leni Großmann.

„Im Gegensatz zu den sogenannten Brauchtumsfeuern, die auf kommunaler Ebene geregelt werden, handelt es sich bei den Silvesterfeuerwerken um eine Angelegenheit, die gesetzlich zu regeln wäre“, sagt Hannelore Roitsch-Schröder von den Grünen. Das bedeutet, dass der Handel mit Feuerwerkskörpern noch stärker reglementiert oder ganz verboten werden müsse. Ein Verbot auf örtlicher Ebene, also nur in Weyhe, wäre laut Roitsch-Schröder „nur eine Verlagerung der Problematik, dann die Weyher, die böllern wollen, würden in die Umlandgemeinden ausweichen und dort ihre Feuerwerke abbrennen“. Da voraussichtlich in diesem Jahr keine großen Partys gestattet sind, bleibe abzuwarten, wie sich die Silvester-Feuerwerke in Weyhe entwickeln werden.

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