Fangprämie in der Kritik

Graffiti: Gemeinde Weyhe verteidigt ihre Null-Toleranz-Strategie

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Jugendliche Sprayer arbeiten ihre Taten auf und schauen sich mit ihren Müttern die Wände der KGS Kirchweyhe an, die sie in der Nacht auf Karfreitag beschmiert haben.

Weyhe - Von Sigi Schritt. Wie macht ein Schüler seinem Ärger über die Schule Luft, wenn er das Gefühl hat, dass sein Lehrer ihn auf dem Kieker hat? Ein Kirchweyher KGS-Schüler holte sich keinen Rat bei Vertrauenslehrern oder Sozialarbeitern, sondern griff nachts zur Farbe und versprühte sie auf verschiedenen Oberflächen des E-Traktes und des Forums.

Er und seine Freunde dachten, das kommt nicht raus. Doch blieben ihre Taten nicht folgenlos. Die Gemeinde suchte die Sprayer und setzte eine Belohnung aus. Zusammen mit seinen beiden Freunden verursachte der Realschüler laut Rechnung eines Twistringer Strahltechnikbetriebes einen Schaden in Höhe von aufgerundet 1.160 Euro. Neben dieser Summe forderte die Gemeinde den Betrag für die ausgesetzte Belohnung, 1.000 Euro – als weiteren Schaden – ein. Das Geld ist mittlerweile von den Eltern der Sprayer bezahlt. Zwei Mütter beklagen im Gespräch mit dieser Zeitung, dass der Belohnungsbetrag viel zu hoch angesetzt sei.

Doch der Reihe nach: Das, was in diesem Jahr in den Osterferien in der Nacht zu Karfreitag passiert ist, sei keine gute Aktion gewesen, räumt der Realschüler ein, der jetzt seinen eher still wirkenden Freund mitgebracht hat, der ebenfalls zum Sprayer-Trio gehört.

„Es war Alkohol im Spiel“

„Das war nicht geplant. Es war Alkohol im Spiel“, blickt der Realschüler zurück. Nach eigenen Angaben seien er und seine Freunde leichtsinnig gewesen, hörten Musik eines bestimmten Rappers, dessen neues Lied „Drück Drück“ die drei nach eigenen Angaben regelrecht aufgeputscht hätte. Ein weiterer Freund habe Farbe dabei gehabt, und irgendwann griffen alle zu den Dosen. Der Rest ist bekannt (wir berichteten mehrfach). Woher er die Farbe hatte? „Keine Ahnung. Die kann man ja in jedem Baumarkt kaufen“, sagt der Neuntklässler.

Seine Mutter berichtet, von dem Vorfall in der Zeitung zwar gelesen zu haben, nicht aber die Tat mit ihrem Sohn in Verbindung gebracht zu haben. „Nachdem es bekannt wurde, haben die Jungs die Handlungen sofort zugegeben“, so die Mutter. Für sie sei es ein Rätsel gewesen, wie ihr Sohn nachts das Haus verlassen konnte. „Er darf das normalerweise nicht“, merkt sie an. Für sie seien die 15- bis 16-Jährigen in einem schwierigen Alter. Für ihren Fehler mussten die Jungs nach eigenen Angaben teuer bezahlen. Damit meinen sie nicht die Wiedergutmachung des Schadens samt Entschuldigung beim Bürgermeister, sondern die weiteren Folgen: Gespräche mit Polizeibeamten und mit Verwaltungsmitarbeitern der Gemeinde sowie mit der Schulleitung. Außerdem gab es eine Klassenkonferenz. Zusätzlich hat die Staatsanwaltschaft den drei Jugendlichen einen Brief geschrieben. Darin kündigt die Behörde an, von einer Strafe abzusehen. Sie will das Verfahren einstellen, weil die jungen Weyher die Taten sofort zugegeben hatten. Sie nutzte die Gelegenheit, eindringliche Worte an die Jugendlichen zu richten.

Zusatz im Zeugnis

Die Mutter wundert sich auch, dass die Zeugnisse die Zusätze „Das Sozialverhalten entspricht den Erwartungen mit Einschränkungen.“ und „...nicht den Erwartungen“ enthalten. Sollten diese Einträge tatsächlich mit dem Ostervorfall zu tun haben, will sie dass nach den Sommerferien juristisch klären lassen. Zumal diese Zeugnisse bewerbungsrelevant seien. Die andere Mutter pflichtet ihr bei: „Wir hatten nie Ärger mit Mitschülern.“

Wie die Taten hätten vermieden werden können? Die beiden Jungs wünschen sich verständnisvolle Lehrer. „Einige sind ja sehr nett, andere sprechen vernichtende Urteile, die sich durch die Schullaufbahn ziehen können. Da ist man machtlos“, sagt der Realschüler. Er wird in die zehnte Klasse der Hauptschule wechseln.

Mutter wehrt sich gegen Höhe der Belohnung

Für die Mutter ist der Ärger nicht ausgestanden. Sie glaubt, dass die von der Gemeinde beauftragte Firma auch andere Schmierereien mitentfernt hatte. Sie wehrt sich gegen die Höhe der Belohnung. Sie stehe in keinem Verhältnis zum Schaden. Die Frau führte dazu einen regen Schriftverkehr mit der Gemeinde.

Fachbereichsleiter Matthias Lindhorst kann den Ärger der Familien sehr gut verstehen, verteidigte aber die Null-Toleranz-Strategie der Gemeinde: „Mir ist durchaus bewusst, dass die Eltern der Jugendlichen sich an der entstandenen Schadenshöhe reiben. Das ist ja viel Geld, aber letztlich haben die Kinder dieser Familien den Schaden verursacht.“ Es müsste den 15- bis 16-Jährigen klar gewesen sein, dass „die Sachbeschädigung einen Straftatbestand darstellt und sie mit ihren Handlungen die Allgemeinheit treffen“. Dass weitere Graffiti entfernt worden sind, könne Lindhorst deshalb nicht nachvollziehen, weil nach jeder Tat sofort eine Fachfirma beauftragt wird.

„Dass wir zu Ostern von 5. 000 Euro ausgegangen sind, lag daran, dass wir von einer anderen Methode ausgegangen sind, die Farbe zu entfernen.“ Die Höhe der Belohnung könne die Gemeinde individuell festlegen. Das werde sie auch weiterhin tun. Nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zählen laut Lindhorst Belohnungsbeträge mit zum Gesamtschaden.

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