Erinnerungen an das Innenleben vom Film-Eck Kirchweyhe, das bis 1972 bestand / Vorläufer des „Maddox“

Wo Sportler turnten und Hollywood lief

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Klaus Szallies bei der Kontrolle einer Filmrolle. Ihm entging keine schadhafte Klebestelle.

Kirchweyhe - Von Wilfried Meyer. 1910 hatte Aline Koch, die Witwe des 1909 verstorbenen Gastwirts Johann Koch, auf dem Hinterhof ihres Gasthauses einen großen Saal anbauen lassen, in dem zahlreiche Tanzabende, Theateraufführungen, Versammlungen und Familienfeiern über die Bühne gingen. Im März 1915 erhielt sie vom Syker Landrat die „jederzeit widerrufliche Genehmigung, in ihrem Saal kinematografische Vorführungen zu veranstalten“. Gleichzeitig erging ein Rauchverbot während der Vorführungen, und auch die Polizeistunde sei „strengstens einzuhalten“.

Wer damals die ersten Filmabende vorführte, ist nicht bekannt. Es war sicherlich recht provisorisch eingerichtet, da ja immer wieder alle Geräte abgebaut werden mussten, wenn der Saal von Reichsbahn Turn- und Sportverein, Theatergruppen oder für Versammlungen genutzt wurde. Auf beiden Seiten der Bühne standen Kohleöfen und sorgten für einigermaßen angenehme Temperaturen im großen Saal.

Ab 1950 war es eine Familie Heiligers aus Bremen, die mehrere Kinos betrieb und für Kochs Saal zwölf Mark Saalmiete pro Abendvorstellung zu zahlen hatte. Zwei Jahre später, 1952, übernahmen Fritz Feldmann und seine Frau das Filmtheater, und nun entwickelte sich der Saal zum ständigen Treffpunkt für Kinobesucher. Feldmann war Inhaber der „Tempo-Lichtspiele“, fuhr mit mobilem Kino über Land und betrieb auch das „Union-Theater“ bei Schnakenberg in Leeste. Landtouren nach Sudweyhe, Martfeld und Schwarme liefen noch eine Zeit lang weiter.

Zuerst blieb es ein Provisorium, denn der Wirt nutzte den Saal weiterhin für andere Termine, die Aktiven des Eisenbahner-Turn- und Sportvereins (ETSV) als Turnhalle. Nach jeder Veranstaltung musste das Kinogestühl wieder aufgestellt werden. Damit die Reihen gerade blieben, schob man Dachlatten durch die Stuhlsprossen.

Ein Foto von 1952 mit 152 Kindern und Jugendlichen dokumentiert, wie groß die Turnerschar war, die damals von nur drei Übungsleitern betreut wurde. Ältere Mädchen unterstützten sie zwar dabei, doch der Vereinsvorsitzende Hans van der Vegt, Sportwart Gustav Wolffrom und die Turnlehrerin Frau Heine trugen die Verantwortung.

Nachdem Fritz Feldmann 1955 den Saal als richtiges Filmtheater umgebaut hatte, war es für die Sportler dort vorbei. Feste Klappsessel, Plastikvorhänge an den Wänden und eine indirekte farbige Beleuchtung machten das Kino zum Anziehungspunkt für die Einwohner. Nur in den ersten vier Reihen reichten weiterhin einfache Stühle, dort kostete der Platz auch anfangs nur 60 Pfennig, später eine Mark. Die Eintrittskarten hatten jetzt sogar den Aufdruck „Polstersitz“.

Die Filmprojektoren standen in einem Raum, der für die Kinobesucher nicht zugänglich war. Für die Vorführer wies der Weg dorthin durch eine Garderobe und über die zum Bahnhof hin gelegene alte Freiluftkegelbahn in einen kleinen Raum. Über der Eingangstür hing ein Schild mit der gedruckten Aufschrift „Hier rauchen nur Brandstifter“, und handschriftlich hatte jemand „und der Chef“ dazu geschrieben.

Bernhard Schindler, Klaus Szallies und zuletzt Bernd Feldmann waren einige dieser Filmvorführer. Zwei riesige Projektoren der Marke Zeiss-Ikon standen dort, deren Lichtquelle noch durch eine elektrische Kohlebogenlampe erzeugt wurde, die die Geräte stark aufheizte und immer hochsommerliche Temperaturen in dem kleinen Raum erzeugte. Ein Kohlekontakt musste ständig den richtigen Abstand zur Elektrode haben, damit helles Licht für eine gute Projektion sorgte. Passte der Vorführer mal nicht auf, signalisierten ihm Pfiffe und lautes Rufen aus dem Kinosaal, dass das Licht gelb wurde oder bereits flackerte. Allerdings hatte auch der Platzanweiser einen Klingelknopf im Saal, mit dem er den Vorführer rechtzeitig informierte.

Ein Filmriss verursachte

großes Hallo im Saal

Die Filme im 35-Millimeter-Format waren auf großen Spulen in einem stabilen Koffer per Eisenbahn angeliefert worden. Die Länge einer Rolle betrug etwa 20 Minuten, so dass die 75- bis 90-Minuten langen Spielfilme immer fünf oder sechs davon hatten. Sie mussten dann in der richtigen Reihenfolge nacheinander in die zwei Projektoren eingelegt werden und kleine Lichtsignale in einer Ecke kurz vor dem Ende der Spule zeigten dem Vorführer auf der Leinwand an, dass er die zweite Maschine rechtzeitig starten musste. Schließlich sollten die Besucher keine Bildlücke bemerken. Bei älteren Spielfilmen, die heute digital im Fernsehen laufen, kann der Insider diese kleinen Signale immer noch erkennen: Erstes Zeichen – zweite Maschine anwerfen, zweites Zeichen – die Klappen vor den Projektionsfenstern zum Kinosaal zur Überblendung schieben.

Ältere Kinobesucher werden sicher auch Filmrisse miterlebt haben. Dann war immer viel Hallo im Saal: Pfiffe, Gelächter und Protestrufe gehörten dazu. Meistens sorgte der Vorführer dann auch für Beleuchtung im Saal, denn die Reparatur des gerissenen Filmstreifens dauerte einige Minuten, für die Besucher gefühlt sicherlich das fünffache. Der Vorführer wirbelte nun hektisch im kleinen Raum: Filmrolle aus dem Projektor nehmen, zum Arbeitstisch laufen und dort die beiden Rollenhälften einspannen, den Riss glatt schneiden, die Klebekanten rau schleifen, Klebstoff aufpinseln und ab in die Klebepresse. Nach einiger Wartezeit alles zurück: Rollen ausbauen, im Projektor wieder einfädeln, Licht im Saal aus und das Gerät starten. Beifall von den Zuschauern war meistens der Lohn für den Stress des Vorführers.

Einer von ihnen, Klaus Szallies, hatte sich als gelernter Rundfunkmechaniker schnell in die Technik der Filmgeräte eingearbeitet, ein Filmriss passierte ihm nur ein einziges Mal. Danach kontrollierte er jede Rolle vor dem Einlegen, indem er den Streifen per Kurbel durch die Hand laufen ließ und so jede alte Klebestelle fühlte. Bei älteren Filmen gab es bereits unzählige davon, die von anderen Lichtspieltheatern stammten, und viele waren schadhaft, eben weil auch dort alles immer in Hektik passierte.

1972 gab Fritz Feldmann sein „Film-Eck“ schließlich auf, denn das Fernsehgerät ließ die Leute zu Hause bleiben. Im selben Jahr gründete Bernd Zweck mit einigen Freunden dort die erste Diskothek unserer Region, das „Maddox“, mittlerweile nun auch schon wieder Geschichte.

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