Blinde Kirchweyherin ist fleißig im Internet unterwegs

Surfen im Dunkeln

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Online-Banking, Musik-Download und Co. - für Edna Bäkefeld kein Problem, auch wenn der Monitor schwarz bleibt.

Weyhe - Von Lars Kattner. Die Kirchweyherin Edna Bäkefeld ist blind. Im Internet ist sie dennoch unterwegs. So lange jedenfalls, bis irgendwo ein Mausklick lauert.

Mal eben was im Internet nachlesen, Bankgeschäfte online abwickeln und vielleicht noch ein bisschen Musik herunterladen – Alltag in fast jedem deutschen Haushalt. Bei Edna Bäkefeld in Weyhe ist das nicht anders. Auch sie ist fleißig im Internet unterwegs, erledigt wie ein Großteil der Bevölkerung viele Dinge des täglichen Lebens kurzerhand im Netz. Allerdings mit einem elementaren Unterschied: Edna Bäkefeld ist blind.

Einzig hell und dunkel könne sie noch unterscheiden, doch schon die Antwort auf die Frage, von wo das Licht komme, falle ihr auf Anhieb schwer. Farben gibt es in ihrer Welt schon lange nicht mehr, „aber ich weiß noch, wie Farben aussehen, die kenne ich noch. Und das finde ich auch ganz gut so“, sagt Edna Bäkefeld. Als Kind sei sie zunächst „nur“ sehbehindert gewesen, doch ein schleichender Prozess über mehrere Jahre habe ihre Sehkraft immer weiter verschlechtert. Ein Zustand, mit dem sie sich längst abgefunden habe, was sei ihr auch anderes übriggeblieben? Zwar gäbe es immer wieder Menschen, die sehr unsensibel mit ihr umgehen würden, aber, so ihre Erfahrung, das sei meistens nicht böse gemeint, sondern resultiere ganz einfach aus Unwissenheit oder Berührungsängsten. Die wiederum müsse niemand haben: „Jeder darf mich ansprechen, aber es kommt eben immer auf den richtigen Ton an.“ Aber auch sie selbst habe sich im Laufe der Zeit verändert.

„Zum Beispiel kann ich jetzt viel besser um Hilfe Fragen. Früher hätte ich mich lieber zehn Mal verlaufen, als ein Mal zu Fragen. Das ist jetzt anders.“ Das macht vieles im Leben einfacher, keine Frage. Genauso wie das Internet. „Klar habe ich einen Computer mit Internet. Den kann ich Ihnen gerne zeigen, wenn Sie wollen“, so Edna Bäkefeld, steht auf, geht die Treppe hinauf und legt direkt los.

„Der erste Eindruck ist doch ganz gut, scheint recht übersichtlich gestaltet zu sein“, sagt die Weyherin beim Besuch der Internetseite der Kreiszeitung. Sie sitzt in ihrem Arbeitszimmer am Schreibtisch, vor ihr stehen Monitor und Tastatur. Beziehungsweise zwei Tastaturen. Und der Bildschirm wird natürlich nicht angeschaltet, bleibt schwarz. Und trotzdem gelingt es ihr in Windeseile, über den (nicht sichtbaren) Desktop zu navigieren und sich auf den jeweiligen Internetseiten zurechtzufinden. „Manche Seiten sind für blinde Menschen leicht zu bedienen, mache weniger. Ganz wichtig ist es, dass alles per Tastatur erreicht werden kann“, erklärt Bäkefeld. Denn immer dann, wenn irgendwo ein Button nur per Mausklick bedient werden kann, ist für sie Feierabend. „Alles in allem könnte die Barrierefreiheit im Internet aber noch besser werden“, so ihr Kommentar.

Barrierefreiheit im Internet: Das bedeutet nicht zuletzt, dass im Digitalen gewisse Grundsätze berücksichtigt werden müssen. Ganz wichtig sind eine klare Struktur, die Navigation und Ordnung. Auch sinnvolle Überschriften helfen dabei, sich zu orientieren, ebenso wie Beschriftungen von Grafiken und Bildern. Verspielte und aufwendige Designs sowie Spezialeffekte sind dagegen hinderlich. Ihr unentbehrlicher Helfer ist übrigens eine so genannte „Braillezeile“, ein kleines Gerät, das an jeden handelsüblichen Computer angeschlossen werden kann. Auf dieser zweiten Tastatur, die ganz einfach vor die klassische gelegt werden kann, drücken sich kleine Stifte nach oben und bilden jeweils eine Zeile des Textes in Blindenschrift ab. Mit ihren Fingern tastet Bäkefeld die nach ihrem Erfinder Louis Braille benannte „Brailleschrift“ ab und informiert sich so über alles, was sie gerade interessiert. Zusätzliche Unterstützung erfährt sie über eine Sprach-Software, die ihr per Audio-Kommentar vorliest, was gerade auf dem Bildschirm für Sehende zu lesen wäre. „Am besten ist es natürlich, wenn die Betroffenen bei der Entwicklung gefragt werden“, sagt Bäkefeld, die sich viele Jahre lang für den Blinden- und Sehbehindertenverein Bremen engagiert hat. So habe sie zum Beispiel die Informationstafeln für Blinde am Bremer Hauptbahnhof auf deren Richtigkeit überprüft, ist Gleis für Gleis abgelaufen. „Auch da hätte man vielleicht vorher fragen sollen, denn einige der Tafeln in Blindenschrift waren verkehrt herum angebracht“, erinnert sei sich.

Apropos Hauptbahnhof: Dort ist Bäkefeld Stammgast, denn regelmäßig fährt sie mit dem Zug ins benachbarte Bundesland, um dort im Universum beim Dinner im Dunkeln und dem Café im Dunkeln zu arbeiten. In absoluter Dunkelheit bedient sie die Gäste, beantwortet Fragen über den Alltag blinder und sehbehinderter Menschen und leitet die Teilnehmer in der ungewohnten Atmosphäre an. „Für viele ist es ein echter Aha-Effekt, und die Reaktionen sind sehr positiv. In 99,9 Prozent der Fälle verfliegt die Angst sehr schnell“, meint die Weyherin über die Gäste, die ganz einfache und für sie eigentlich selbstverständliche Dinge während eines Essens im Dunkeln ganz neu erfahren. „Auch, wenn fast immer die selben Fragen kommen: Das Bedienen der Gäste macht mir wirklich großen Spaß“, sagt Edna Bäkefeld über den Ort, an dem sie, von ihrer eigenen Wohnung einmal abgesehen, am liebsten ist.

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