Landwirtschaft 4.0

Digitalisierung im Kuhstall: Die Herde auf dem Bildschirm

Technik trifft Tier: Der Sudweyher Landwirt Julius Meyer steht vor dem Screen seines Roboters. Auf der anderen Seite melkt die Maschine gerade eine der Kühe im Stall. Foto: Klug
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Technik trifft Tier: Der Sudweyher Landwirt Julius Meyer steht vor dem Screen seines Roboters. Auf der anderen Seite melkt die Maschine gerade eine der Kühe im Stall.

Sudweyhe - Dottie fehlt. Schon seit mehr als 15 Stunden war sie nicht da. Normal kommen sie, Emma und all die anderen Kühe der Herde spätestens alle zwölf Stunden zum Melken – jede dann, wenn es ihr passt.

Weil Dottie heute spät dran ist, hat der Roboter sie in der Liste mit einem roten Punkt markiert. Stimmt irgendetwas im Stall von Julius Meyer über längere Zeit nicht – ist die Elektronik an der Maschine beschädigt oder lässt eine hohe Leitfähigkeit der Milch auf eine Krankheit schließen – schlägt der Roboter Alarm. Und zwar auf dem Tablet des 54-Jährigen sowie auf den Handys von ihm und seiner Frau Katja Meyer-Hennemann. Die Sudweyher haben sich vor gut anderthalb Jahren dazu entschieden, ihre 60 Tiere von nun an automatisiert zu melken. Damals fielen helfende Hände aus Altersgründen weg.

Bevor der Roboter Einzug gehalten hat, wurden die Tiere zweimal täglich durch den sogenannten Fischgräten-Melkstand geschleust. Das Melkgeschirr kam erst ans Euter, nachdem die vier Zitzen jeder Kuh händisch gesäubert und angerüstet waren – stimuliert, damit die Drüsen die Milch freigeben. Danach wurden sie desinfiziert. Inklusive der Putzarbeit nach dem Melken gingen so jedes Mal zwei Stunden ins Land – morgens und abends.

„Das ist Libelle - die will der Automat nicht“

Jetzt ist das Milchvieh der Meyers nicht mehr an feste Zeiten gebunden. Stattdessen kann jede Kuh kommen, sobald ihr Euter drückt. Und das tut es bei einigen zwei-, bei anderen drei- oder viermal am Tag. Einige Tiere kommen wegen des Appetits auf Kraftfutter, denn das gibt der Automat auch aus. Individuelle Portionen für jede Kuh, angepasst daran, in welcher Phase der Laktation – also der Milchabgabe – sie sich befindet. Allerdings entlässt der Roboter jedes Tier sofort wieder, das an dem Tag schon zu oft da war. „Das ist Kuh Nummer 40“, sagt Katja Meyer-Hennemann, als der Roboter den Transponder um den Hals des nächsten Tieres erfasst hat. „Libelle. Aber die will er nicht.“ Zeitgleich fährt im Stall der automatische Spaltenschieber vorbei. Er reinigt die Gänge von Mist.

Generelle Optimierungstypen sind weder Julius Meyer noch seine Frau. Keiner der beiden trägt einen Fitness-Tracker, Armbänder, die die Schritte zählen, Herzfrequenz messen, Tiefschlafphasen aufzeichnen – und die Uhrzeit angeben. Doch die maschinelle Hilfe im Stall – etwas, das der Meyer’sche Großvater laut seinem Enkel ganz sicher als „neemodschen Krom“ abgetan hätte – finden Katja Meyer-Hennemann und Julius Meyer für das Management ihrer Herde praktisch.

Keine „Digi-Statistik“ für Niedersachsen

Wie viele der bundesweit fast 270.000 Landwirte (laut Statista) sich mittlerweile derartige Unterstützung holen, ist nicht ganz klar. Das Landesamt für Statistik Niedersachsen führt keine „Digi-Statistik“, hieß es auf Nachfrage. Eine bitkom-Erhebung aus dem Jahr 2016 ergab, dass bei rund der Hälfte (53 Prozent) der 521 Betriebe, bei denen nachgefragt worden war, bereits digitale Anwendungen im Einsatz sind. Die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) hat 150 Bauern, die mehr Fläche bewirtschaften und mehr Tiere halten als der bundesdeutsche Durchschnitt, telefonisch befragt – laut DLG ist die Teilnehmer-Zahl „für die Betriebsgrößen relativ repräsentativ“. Demzufolge arbeiten mittlerweile rund 55 Prozent der Landwirte im Ackerbau mit sogenannten digitalen Schlagkarteien. Hiermit verwalten sie etwa, wie viel Saat und Dünger bereits auf Felder ausgebracht worden ist und welche Pflanzenschutzmaßnahmen noch anstehen. 

Herden-Manager haben gut 40 Prozent der Tierhalter im Einsatz. Plattformen für den Datenaustausch nutzen aktuell rund 28 Prozent. Sie ermöglichen Landwirten unter anderem, ortsunabhängig jederzeit auf eigene Daten zuzugreifen und diese bei Bedarf auf schnellem Weg mit Geschäftspartnern auszutauschen. Im unteren einstelligen Bereich finden sich Feldroboter. Noch. Und die Entwickler in dem Bereich sind fleißig. So fleißig, dass die Eurotier-Messe vergangenen November dem „Digital Animal Farming“ (digitale Tierhaltung) eine Sonderausstellung gewidmet hat.

Digitale Helfer sind „kein Schnickschnack“

Egal ob Boli (hier: zylinderförmige Geräte), die den pH-Wert und die Temperatur im Pansen messen, oder Hilfsmittel zur frühzeitigen Erkennung von Klauen-Erkrankungen, die bei der Messe in Hannover vorgestellt worden sind: „Ich würde von keinem dieser ganzen Systeme sagen: ,Das ist Schnickschnack’“, sagt Katja Meyer-Hennemann. Weil Landwirte mit deren Hilfe ganz schnell reagieren könnten. Krankheiten werden so schon in Anfangsstadium erkannt, der Bauer kann bereits dann gegensteuern. Allerdings, schiebt die 51-Jährige nach, müsse jeder selbst entscheiden, welche Investition für ihn Sinn ergebe – wie bei den Extras eines Autos.

Lesen Sie auch: Wie Transparenz im Stall gelingen kann

Einmal im Monat – früher war das Aufgabe des Milchkontrolleurs – zapft der Sudweyher Roboter Proben jeder Kuh ab. Sobald Eiweiß- und Fettgehalt sowie die Zellzahlen der Milch getestet sind, überträgt das System die Daten an das Herden-Management-Programm Netrind. Da laufen alle Infos aus dem Stall digital zusammen – Geburtsdatum, Milchstatistik, wann das Tier abkalbt und mehr. Da schrumpft die Herde auf Bildschirm-Größe.

Wichtig bei allen technischen Möglichkeiten ist für Hofherr Julius Meyer aber in jedem Fall: „Den Blick für die Kühe musst du behalten.“

Hintergrund: Landwirtschaft 4.0

Kuhhalter kämpfen seit Jahren um den Milchpreis, große Tierzuchtbetriebe drücken die Fleischpreise und Personal ist nicht immer leicht zu finden oder für kleine Höfe schlicht zu teuer. Für mehr Effizienz bedienen sich Bauern mehr digitaler Hilfsmittel. Deren Palette ist groß. So können längst Drohnen Felder kartieren. Für Milchbauern gibt es Körperscan-Systeme, die anhand des Gangbildes von Kühen Rückschlüsse auf deren Klauengesundheit ziehen können und Pedometer zur Brunstkontrolle. 

Geflügelhalter können ein mobiles Einstreusystem nutzen, das feuchte Mistbereiche gezielt versorgt und das Stallklima überwachen kann. „Bei Mastschweinen sind Ohrmarken mit integrierten NFC-Chips zur individuellen Fütterung digitale Gadgets, die den Futterverbrauch verringern können“, gibt Rainer Winter an, Sprecher der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft. 

Zudem arbeitet etwa eine Gruppe in Schleswig-Holstein an einer App, die für mehr Tierwohl im Schweinemast-Stall sorgen soll. Und in Rheinland-Pfalz wird die Geobox weiterentwickelt. Sie soll eine „Drehscheibe in der digitalen Kommunikation zwischen Landwirt, Lohnunternehmen und Offizialberatung“ sein, heißt es online beim Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.

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