Vertriebener aus Schlesien

Weyhes ehemaliger Bürgermeister über seine Erinnerungen: „Dieser wahnsinnige Verwesungsgeruch“

Edmund Irmer (83 Jahre) kam 1946 in die Gemeinde. Heute lebt er im Ortsteil Leeste. Gebürtig kommt er aus Oberschlesien.
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Edmund Irmer (83 Jahre) kam 1946 in die Gemeinde. Heute lebt er im Ortsteil Leeste. Gebürtig kommt er aus Oberschlesien.

Leeste – 27 Einzelschicksale von aus früheren deutschen Ostgebieten Vertriebenen hat Hubert Sturm – er selbst stammt aus Niederschlesien – gemeinsam mit Gemeindearchivar Hermann Greve in dem Buch „Wir bleiben jetzt hier ...“ zusammengetragen (wir berichteten). Herausgeber sind die Gemeinde Weyhe und die Volkshochschule im Landkreis Diepholz. Laut Hubert Sturm geben die Berichte einen guten Einblick in das Leben der Vertriebenen und in deren Gedankenwelt.

„Ich fand es sehr wichtig, diese Zeitzeugenberichte auch für später zu erhalten“, erklärt Sturm. Die Flucht der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten des Reiches ist nun schon mehr als 76 Jahre her, doch manches vergisst man einfach nicht – sei es noch so lange her ist. Die Vertreibung aus ihrer Heimat und die anschließende Reise gen Westen gehört für die, die dabei waren, zu diesen Erinnerungen, die wohl nie verblassen werden.

Weyhes mutmaßlich bekanntester aus Schlesien Vertriebener ist Edmund Irmer. Von 1996 bis 2001 war er hauptamtlicher Gemeindebürgermeister. Wäre er als Sechsjähriger nicht aus seiner früheren Heimat vertrieben worden, wäre er vermutlich nie in diesem Amt tätig gewesen.

Stolz blickt er auf die damalige Stichwahl zurück: „Ich habe 81,5 Prozent der Stimmen bekommen. Ich habe in 40 Jahren Kommunalverwaltung wohl nicht so viel falsch gemacht“, meint er, denn zuvor war Edmund Irmer jahrelang Bauamtsleiter und später stellvertretender Direktor von der Gemeinde, die er heute als seine Heimat bezeichnet. „Die Aufgabe habe ich immer als Berufung angesehen“, sagt er deswegen.

Seine ersten Lebensjahre verbrachte Edmund Irmer im oberschlesischen Schnellewalde. „Auf einer Hochebene“, sagt er. „Wahrscheinlich war ich deswegen schon immer ein Kind der Berge. Sie haben mich schon immer angezogen.“ Das erklärt die vielen Wanderurlaube in vielen Ländern dieser Welt, die er in seinem Leben bislang unternommen hat.

Dennoch ist ihm insbesondere in den vergangenen 30 Jahren eines bewusst geworden: „Meine Heimat ist eindeutig Weyhe-Leeste. Hier habe ich 76 Jahre meines Lebens verbracht.“ Er legte großen Wert darauf, sich selbst zu integrieren. „Ich war in Niedersachsen und wollte die Sprache von hier sprechen. Ich habe von Anfang an den schlesischen Dialekt nicht gesprochen. Ich kann auch kein Wort polnisch. Beides habe ich innerlich abgelehnt“, erzählt der ehemalige Bürgermeister von Weyhe.

Trotz seines damals jungen Alters sind die Erinnerungen von Edmund Irmer an die Zeit kurz vor Kriegsende noch sehr präsent. „Es heißt ja, dass man sich so richtig ab drei Jahren erinnert. Ich war älter“, kommentiert er. Besonders schlimm hat er die Rückkehr nach Schnellewalde nach der deutschen Kapitulation in Erinnerung. Zuvor waren die Einwohner vor dem russischen Heer geflohen. „Als wir zurückkamen, lagen dort überall tote Soldaten, tote Pferde. Dazu dieser wahnsinnige Verwesungsgeruch“, erinnert er sich.

Von Mai 1945 bis Mai 1946 lebte Irmer mit seiner Familie noch einmal in Oberschlesien. Danach verließ er Schnellewalde für immer. „Wir dachten nach der Rückkehr, es geht normal weiter, doch dann kamen die Polen“, erzählt er. Für die Deutschen war kein Platz mehr auf dem Gebiet, das in polnische Hoheit gefallen war. Ihm und seiner Familie blieb nichts anderes übrig, als die alte Heimat zu verlassen. Edmund Irmer stellt klar: „Mein Vater hat immer gesagt, dass wir keine Flüchtlinge sind. Wir sind Vertriebene, weil wir ja nicht freiwillig gegangen sind.“

Das Buch

„Wir bleiben jetzt hier ...“ ist bei der Mediengruppe Kreiszeitung käuflich zu erwerben. Da die Geschäftsstellen noch geschlossen sind, ist es ausschließlich online erhältlich. Das Buch kostet 21 Euro. Hinzu kommen 5,95 Euro für Versand.

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