KGS-Direktor Rainer Patzelt über den Weg, wie eine Schule zukunftsfähig wird

Die Tage der grünen Tafel sind gezählt

Rainer Patzelt an einem Gruppenarbeitsplatz. Dahinter befinden sich die Glaswände von zwei Klassenräumen.
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Rainer Patzelt an einem Gruppenarbeitsplatz. Dahinter befinden sich die Glaswände von zwei Klassenräumen.
  • Sigi Schritt
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Weyhe – In allen Bundesländern gibt es Schulen, die einen mehr oder weniger großen Sanierungsstau aufweisen. Sollten Politiker, Verwaltungen, Architekten, Pädagogen sowie Eltern und Schüler Umbauideen suchen, würden sie sicherlich in Weyhe fündig, sagt Rainer Patzelt, Direktor der Kooperativen Gesamtschule in Leeste (KGS), kurz vor dem Wechsel in den Ruhestand. In der Wesergemeinde entsteht durch die Kompaktsanierung ein Gebäude mit offenen Denkräumen, als dritter Pädagoge, die für andere Schulen in Deutschland „einen Modellcharakter“ haben sollen.

Was der KGS-Direktor damit meint und welche Kritik er am Schulsystem der Vergangenheit hegt, erläutert der 63-Jährige bei einem Gang durch das Gebäude. Patzelt öffnet eine Tür des Lehrerzimmers, schon befindet er sich mitten in der Baustelle. Viele Metallwände, die im Betonskelett der Schule über vier Jahrzehnte lang die Wege markierten, gibt es längst nicht mehr. Handwerker montieren derzeit Profilschienen auf die Böden – dort werden die neuen Wände errichtet – Schadstoffe in Zwischenwänden gehören der Vergangenheit an.

Seit mehreren Monaten wird das Innenleben der KGS völlig auf links gedreht (wir berichteten): Zwei Bauabschnitte sind bereits fertig – davon profitieren längst der Jahrgang 10 sowie die Schüler der Oberstufe. An anderer Stelle wird noch an den Klassenräumen der Zukunft gebaut – Ehemalige, die vor Jahren ihren Abschluss gemacht haben, werden sich im Erdgeschoss und im Obergeschoss nur bedingt zurechtfinden, denn es entsteht nicht nur eine ganz andere Schule, sondern völlig neue Lernwelten, in denen – jahrgangsbezogen – die Grenzen zwischen dem Unterricht im Klassenraum und dem Aufenthalt auf den dafür zugeordneten Fluren verschwimmen. Auffällig: Die Glaswände für die neuen Klassenräume sind zum Beispiel tief im pädagogischen Konzept verankert. Patzelt habe lange dafür geworben – die Resonanz aus dem Jahrgangsbereich 10 und der Oberstufe habe gezeigt, dass er richtig gelegen hatte.

„Die Glaswände schaffen eine Transparenz, die zur Teamarbeit anregt und als angenehm empfunden wird“, so Patzelt. Außerhalb der Klassenräume ermöglichten das helle Holz-Mobiliar sowie zahlreiche Sitzgruppen in den Flur-Nischen in schallgedämpfter Umgebung parallele Einzel-, Partner- und Gruppenarbeiten – während Lehrer gleich aus mehreren Räumen die Schüler im Blick haben.

Die Erfahrungen aus der Vor-Corona-Zeit zeigten, dass dort niemand Blödsinn macht. Diese verschiedenen Lernmöglichkeiten bilden die Grundlage für einen Unterricht auf verschiedenen Niveaus innerhalb einer Klasse und sogar eines Jahrgangs. Dabei spiele der Einsatz modernster Technik ebenso eine tragende Rolle. Die Schule bekommt einen Glasfaser-Anschluss. Für die nächsten Jahre seien die hohe Datenraten gewährleistet. Alle Fach-, Klassen- und Besprechungsräume würden mit Beamern und Apple-TV-Geräten ausgestattet, so das die Arbeit mit Notebooks und vor allem mit IPads gewinnbringend möglich ist. Diese Kombination ermögliche es, Bildschirm-Inhalte sichtbar zu machen. Die grüne Tafel hat ausgedient – zumindest in Leeste.

Für Rainer Patzelt, geboren 1956 in Varel, aufgewachsen in Roffhausen, sei es keine Bürde, sondern ein Segen, die letzten Jahre vor dem Eintritt in den Ruhestand an der Schule der Zukunft mitzufeilen. Patzelt, der „seine“ KGS in- und auswendig kennt, findet, dass die Schule grundsätzlich ein Ort sein müsste, an dem alle Kinder einer Region Bildung erfahren – ohne Schulzweiggrenzen. Aber nicht alle Schulen im Land erfüllten diesen Anspruch, so Patzelt. Der KGS-Direktor ist sich sicher, dass das dreigliedrige Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert nicht modern genug sei, um wirklich allen Mädchen und Jungen eine Chance zu geben. Bildungschancen würden nach wie vor durch die soziale Herkunft entschieden. Pisa lasse grüßen. Der Pädagoge holt weit aus: Die Reformpädagogik der Weimarer Republik gelte zwar seit 100 Jahren für die gemeinsame Grundschule, nicht aber für die höheren Klassen. Immerhin ist das in Leeste in Teilen schon anders: Die Jahrgänge fünf und sechs bilden die integrierte Eingangstufe. Das bedeutet, dass ein Lehrer für die Real-, Haupt- und Förderschüler sowie Gymnasiasten ein unterschiedliches Lernniveau bieten muss. Patzelt spricht von einer sogenannten „Binnendifferenzierung“. In den Jahrgängen 7 bis 10 bilden Haupt- und Realschüler jeweils eine Einheit und hätten einen teilgebundenen Ganztagsunterricht – also an zwei Tagen bis 15.30 Uhr. Damit bestünde die Chance, die Woche anders zu strukturieren – dazu zählten nicht nur die Fächer, sondern auch Fragestellungen in Sachen Berufsorientierung und Werteerziehung. „Der Gymnasialzweig macht das noch nicht“, sagt er. Er sei aber für eine Einführung. Das sei ein politisches Thema.

Ebenso halte er es für einen Vorteil, wenn allen Schulen der Gemeinde sich hin Ganztagsschulen entwickelten. „Die gesellschaftliche Entwicklung fordert Gesamtschulen und Ganztagsschulen.“ Es gehe auch um die Lernprozesse und um die Veränderung einer „Schule als ewige Baustelle“: Die Corona-Pandemie zeige, dass eine Bildungsstätte auf Veränderungen reagieren muss und sich nicht nur der eigenen Rolle bewusst machen müsse, sondern ebenfalls Lehren und Lernen hinterfragen müsse.

Das Homeschooling hat zum Beispiel auch einigen Hauptschülern sehr gutgetan, so Patzelt. Sie konnten ihrem eigenen Takt folgen. Die zeitlichen Vorgaben im Unterricht orientierten sich am Mittelmaß oder an den besseren Schülern. Im Homeschooling dagegen können sich die Jugendlichen die Zeit nehmen, die sie benötigten. Außerdem lernten einige Mathe lieber nachmittags um 14 Uhr als morgens um 8 Uhr. Lehrer müssten zudem Aufgaben stellen, die Interesse wecken. Das hat Folgen: Pädagogen sollten künftig nicht mehr Lehrinhalte verkünden. „Wir müssen uns überlegen, neue Methoden und Aufgabenstellungen zu finden, die es Schülern ermöglicht, selbstständig zu lernen“, findet Patzelt. Das bedeute für die Fünftklässler bis zu den Abiturjahrgängen, dass sie fächerübergreifend und projektorientierte Aufgaben bekommen müssten. Dieser Unterricht, so Patzelt, erfolge dann nicht aus der Perspektive der einzelnen Fächer. Schule müsse Zusammenhänge herstellen.

Ziel ist es laut Patzelt, Jugendlichen die komplexe Wirklichkeit näher zu bringen, damit sie in die Lage versetzt werden, selbstbewusst zu handeln und kritisch zu sein. Für Patzelt zählt nicht der Notendurchschnitt, sondern ob die Schüler die Schule selbstbewusst verlassen, neugierig sind und Spaß haben, sich einzumischen. Eines aber dürfe keinesfalls geschehen: „Sie dürfen nicht frustriert aus der Schule kommen.“

Seit zwei Jahrzehnten lenkt Patzelt verantwortlich in einem Leitungsgremium die Geschicke der KGS, zunächst als Realschulzweigleiter, dann als Vize-Direktor und seit 2013 als Leiter der Gesamtschule. Diesem Gremium gehört er nach den Sommerferien nicht mehr an. Er wechselt in den Ruhestand. Da Patzelt über ein gut gefülltes Überstundenkonto verfügt, bekommt der Beamte die obligatorische Entlassungsurkunde erst im nächsten Jahr ausgehändigt. Er freut sich über die Zeitautonomie, die er bald gewinnen wird. Der Oldenburger will zurück nach Weyhe. Nein, er wolle nicht Direktorstellvertreter Michael Krutschke reinreden, der ihn dann kommissarisch vertritt. Der müsse selbst Entscheidungen treffen, bis das Kultusministerium einen neuen Direktor bestimmt, so Patzelt.

Patzelt will als Externer zurückkommen, um zu forschen, ob die KGS wirklich eine Modellschule der Zukunft sein wird.

Von Sigi Schritt

Hinter der Wand entsteht ein Besprechungsraum. Früher gehörte das Areal zur Cafeteria.
Aus einer Toilette im Obergeschoss wird ein Klassenraum.

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