Nicht alle schaffen das aus eigener Kraft: Jugendwerkstätten und Pace helfen

Den richtigen Weg im Leben finden

Jugendliche scheinen vor Kraft zu strotzen, doch hinter der Fassade verstecken sich oft vielfältige Probleme.
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Jugendliche scheinen vor Kraft zu strotzen, doch hinter der Fassade verstecken sich oft vielfältige Probleme.

Landkreis  Diepholz – Was tun, wenn man in einem falschen Körper lebt? Und woher die Kraft nehmen, gleichzeitig die eigene Persönlichkeit zu leben und außerdem eine berufliche Perspektive zu entwickeln? Für die Mitarbeiterinnen der Jugendwerkstätten Diepholz und Weyhe gehören solche Fragen zum Alltag – und nicht nur für sie: Junge Menschen mit psychischen Problemen, quälenden sozialen Ängsten, Gewalt-Erfahrungen und Schulden gehören zu denen, die mit Unterstützung und Begleitung von Fachkräften eine neue Perspektive entwickeln können.

Die Jugendwerkstätten arbeiten eng mit dem Pro-Aktiv-Center, kurz Pace, zusammen. Vertreterinnen beider Einrichtungen ließen die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses an ihrem Alltag teilhaben. Hintergründe und praktische Beispiele prägten die Präsentationen in dem Gremium, das unter Leitung von Michael Albers (SPD) in der Feuerwehrtechnischen Zentrale in Barrien tagte. Dass der Vorsitzende und die Mitglieder gleichermaßen von der Notwendigkeit dieser Einrichtungen überzeugt sind, dokumentierte am Ende die einstimmige Beschlussempfehlung für weitere Fördermittel für Pace. Genau das ist dem Fachdienst Jugend des Landkreises Diepholz angegliedert.

Die Jugendwerkstätten haben andere Träger: in Diepholz die Deutsche Angestellten-Akademie, in Weyhe Bethel im Norden. Doch die drei Einrichtungen arbeiten eng zusammen, stellten ihre Mitarbeiterinnen klar.

Zwischen sechs und 24 Monate umfasst die Betreuung und Begleitung von Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 27 Jahren in den Jugendwerkstätten Diepholz und Weyhe. Dafür stehen bis zu 18 Plätze zur Verfügung, erläutert Janine Husmann – und stellt klar: Die Zahl der Trans-Menschen steigt, also derjenigen, die sich nicht mit dem bei der Geburt zugeteilten Geschlecht identifizieren und eventuell eine Geschlechtsanpassung anstreben.

Ihre Kollegin Petra Scholten schildert das Schicksal eines jungen Menschen, dem sie zusammen mit Pace geholfen hat: „Er war im Prozess der Geschlechtsumwandlung. Er wusste nicht, was er wollte. Er wusste nur, dass er ein Mann ist.“ Viel Beziehungsarbeit ist notwendig, um den jungen Mann auf „seinen“ beruflichen Weg zu bringen.

Ein Jahr fördern und begleiten ihn die Mitarbeiter der Jugendwerkstatt: „Er hat sich sehr stabilisiert, hat mitgearbeitet und war bereit für den nächsten Schritt.“ Jetzt hat er, so berichtet die Werkstatt-Mitarbeiterin, einen 450-Euro-Job und eine Vollzeit-Beschäftigung als Ziel. Doch zunächst plant er eine weitere Operation plus Therapie. Fazit der Referentin: „Es geht langsam, aber es geht voran.“

Der entscheidende Leitsatz in den Jugendwerkstätten – Wer bist du, wo stehst du, was brauchst du von uns? – macht deutlich, wie die Mitarbeiterinnen mit ihren Klienten arbeiten. Sie fördern sie in ihrer Persönlichkeit, arbeiten ganz praktisch an Projekten mit ihnen und vermitteln fachtheoretische Inhalte. Um den ganz persönlichen Belastungen der jungen Menschen begegnen zu können, arbeiten sie mit Netzwerkpartnern zusammen – mehr als 30 Fachberatungsstellen gehören dazu.

Ein Fall für die Schuldnerberatung ist zum Beispiel die 20-Jährige, die einen Schuldenberg von sage und schreibe 600 000 Euro angehäuft hat. Einen Platz in einer speziellen Berufsförderungseinrichtung braucht der junge Mann, der stark autistische Züge hat. Und leidet, weil seine Mutter die Andersartigkeit ihres Kindes nicht akzeptieren kann. Wie die Betreuung in der Jugendwerkstatt ihn auf den richtigen Weg bringt, schildert Elisabeth Picklapp. Das Schönste für sie: „Die Mutter hat sich bedankt, dass wir eine Perspektive für ihnen Sohn gefunden haben.“

Die Arbeit des Pro-Aktiv-Centers mit ihren Beratungsstellen in Syke und Sulingen ist anders, hat aber dasselbe Ziel, stellen Sabine Fischer Garvey und Brigitte Harsefeld klar. Keine Wohnung, kein Einkommen, keine Motivation: Klienten in solchen und anderen schwierigen Lebenssituationen stehen sie beratend zur Seite, bis sie eine Perspektive gefunden haben – was manchmal viereinhalb Jahre dauern kann. Das schildern sie am Beispiel eines Jugendlichen, dem das Gefängnis droht.

Pace-Bilanz in 20 Monaten: 22 Klienten begannen eine Ausbildung, 13 fanden eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt, sieben besuchten eine Weiterqualifizierungsmaßnahme und 14 wieder die Schule. Zehn vermittelte Pace an die Jugendwerkstätten und drei in eine Therapie. Weitere drei nahmen eine geringfügige Beschäftigung auf – und ein Klient entschied sich für den Bundesfreiwilligendienst. 29 Personen blieben arbeitslos – und wurden weiter begleitet.

Von Anke Seidel

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