Gemeindearchivar Hermann Greve bittet Bürger um Mithilfe, Weyher Geschichte zu enträtseln

Das geheime Lager der Organisation Todt

Auf Quellensuche im Weyher Rathaus-Archiv: Hermann Greve.
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Auf Quellensuche im Weyher Rathaus-Archiv: Hermann Greve.

Es ist ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte: Die paramilitärisch strukturierte Organisation Todt baute für die Nazis den Atlantikwall aus und errichtete U-Bootstützpunkte. Sie unterhielt auch in Leeste ein Lager, über das wenig bekannt ist. Archivar Hermann Greve will das ändern und benötigt Hilfe. 

Weyhe – Der Gemeindearchivar Hermann Greve will über ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte mehr erfahren und hofft auf die Hilfe der Bevölkerung. Der Rathaus-Mitarbeiter sucht Dokumente, Fotos, Tagebücher und wenn möglich auch Zeitzeugen, die etwas zum Thema Zwangsarbeiter aus den Niederlanden während des Nazi-Regimes in Weyhe beitragen können. Dass es sie in den damals selbstständigen Gemeinden Leeste, Kirchweyhe und Sudweyhe gab, sei eine gesicherte Tatsache, so Greve.

Aber weniger bekannt sei, was sie auf dem Gebiet der heutigen Wesergemeinde alles gemacht haben.

Die Nachforschung gibt viele Rätsel auf, die aktuell zwei Anfragen, eine aus den USA, eine andere aus den Niederlanden, ausgelöst hätten.

Eine kommt vom ehemaligen Pfarrer Dr. Johann Smit aus Holland. Der beschäftigt sich ebenfalls mit historischen Themen. Wie der Weyher Gemeindearchivar Greve berichtet, hatte dieser eine Büchse mit Fotos, Briefen und Tagebuchnotizen gefunden, die Weyhe und Wulfhoop erwähnen. Smits Schwiegervater könnte als Zwangsarbeiter in einem Lager im Leester Ortsteil Hagen gelebt haben. Die Spur führte den Gemeindearchivar Hermann Greve auf die paramilitärisch strukturierte Bautruppe Organisation Todt, die unter anderem für den Ausbau des Westwalls zuständig war. „Diese Organisation unterhielt auch ein Lager in Leeste.“ Rund 100 Männer aus den Niederlanden seien für ein besonderes Projekt eingesetzt worden, sagt Greve. Über das Projekt sei ebenfalls wenig bekannt: Die Organisation unterstand im Zweiten Weltkrieg dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition und hatte offenbar auch den Auftrag, die Kleinbahn-Strecke von Kirchweyhe nach Bremen zu ertüchtigen. Für den Fall, dass die Eisenbahnbrücke in Dreye gesprengt worden wäre, sollte der Zugverkehr auf einer der wichtigsten deutschen Zug-strecken vom Ruhrgebiet nach Hamburg vor Erreichen der Weser umgeleitet werden – über Kirchweyhe, Leeste, Erichshof, Brinkum, Stuhr, Moordeich nach Huchting. Die Organisation Todt hatte nach Recherchen von Greve den Auftrag, die Zwangsarbeiter genau dafür einzusetzen. „Es galt, den Unterbau der Gleise zu verstärken“, so Greve. „Aber gab es auch Ausweichgleise?“, fragt er. Also Schienenstränge, die es heute längst nicht mehr gibt? Denn die Kleinbahn-Strecke, auf der bald die Straßenbahn rollen soll, war von Beginn an eingleisig. Die Gemeindeverwaltung hatte die Zwangsarbeiter aus Holland laut Greve nicht registriert – sie liefen praktisch unterhalb des Radars.

Der Fall der Fälle sei schließlich am 21. März 1945 eingetreten, als die Weserbrücke durch einen Luftangriff teilweise zerstört wurde. „Die Organisation Todt hatte ihr Ziel erreicht, da der Zugverkehr monatelang über die Kleinbahnstrecke umgeleitet worden ist.“

Der Pfarrer Dr. Johann Smit, der eine Biografie seiner Schwiegereltern Evert und Tine van den Berg-Versloot geschrieben hat, sagt, dass Evert van den Berg am 20. November 1944 mit einem Zug in Kirchweyhe eintraf. Er soll in der Sudweyher Mühlenscheune untergebracht worden sein, habe in Wulfhoop bei der Pantoffelfabrik Trmac als Bürokraft gearbeitet und eben auch im Lager Todt im Leester Ortsteil Hagen in den Gebäuden der noch bestehenden Mühle gewohnt haben.

Hermann Greve sagt, dass er sich an ein Gespräch mit dem Inhaber der Mühle in Hagen erinnert. Im Jahr 2004 habe der Eigentümer ganz offen über seine Beobachtungen berichtet. Ein Lager habe sich tatsächlich auf seinem Mühlengrundstück befunden. Die Menschen hätten in einem Stallgebäude gelebt.

Die Recherchen Greves führen ihn in die Niederlande. „Als sich die Lage für Nazi-Deutschland zunehmend verschlechterte, überzogen die deutschen Besatzer die Niederlande mit gewalttätigen Arbeitskräfte-Razzien. Die größte war am 10. und 11. November 1944 in Rotterdam.“ Insgesamt 8 000 Nazis hatten die Stadt umstellt, Haus für Haus durchkämmt und 50 000 Holländer festgenommen. „40 000 Rotterdammer wurden nach Deutschland geschleust und ein Teil kam nach Weyhe und Leeste-Hagen.“ Neben dem damals 32-jährigen Lehrer Evert van den Berg auch Cornelis Gijswijt, der später in Kanada und in den USA lebte und 2016 hochbetagt gestorben sei.

Hermann Greve ist telefonisch unter der Rufnummer 04203 / 71 267 und per E-Mail an archivar@weyhe.de erreichbar.

Von Sigi Schritt

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