Bultmanns waren lange Binnenschiffer

Zu wenig Zeit für die Städte

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Helma Bultmann mit dem Relikt der „Lesum“, der alten roten Schiffslaterne der „Lesum“.

Dreye - Von Heiner Büntemeyer. „Früher konnten wir über die Weser bis Bollen gucken“, erinnert sich Helma Bultmann beim Blick aus dem Fenster im Obergeschoss ihres Hauses „Am Deich“. Inzwischen sind die Büsche so hoch und im Sommer so dicht, dass sie fast die Aussicht auf den Henkenwerder See versperren.

Seinerzeit war die Sicht auf die Weser auch deshalb wichtig, weil Helma Bultmann dann ihre „Lesum“ erblickte, die von der Schleuse Langwedel bis nach Dreye etwa zwei Stunden brauchte. Jahrelang waren Helma und ihr Ehemann Werner als Binnenschiffer unterwegs.

Zunächst war es nur ein kleines Schiff von 57 Metern Länge. Werner Bultmann hatte es am Main gekauft, als das Schiff noch „Alois“ hieß. Schon wenige Jahre später erwarb er seine zweite „Lesum“, die mit 72 Metern etwas länger war. Die dritte „Lesum“ maß sogar 80 Meter und gehörte mit einer Tragfähigkeit von 1100 Tonnen in die Europa-Klasse.

Werner Bultmann hatte seine Binnenschifferausbildung auf einem Schleppkahn erworben. Seine Liebe gehörte den Binnengewässern, auf denen er auch gern segelte. Aber nach der Hochzeit veräußerte er sein Segelboot. „Dafür haben wir uns dann eine Waschmaschine und eine Nähmaschine gekauft. Die brauchten wir dringender“, erinnert sich Helma Bultmann.

Sie war häufig mit an Bord und packte mit an, wenn es erforderlich war. An den Wochenenden fuhr sie mit Kind und Kegel dorthin, wo die „Lesum“ gerade festgemacht hatte. Auch ohne Navigationsgerät fand sie das Schiff, egal ob es auf Flüssen und Kanälen in Deutschland, in den Niederlanden, in Belgien oder Frankreich schipperte.

Wenn der Matrose dienstfrei hatte, vertrat sie ihn als „Springerin“. Dann durfte Helma Bultmann sogar die Maschine bedienen und wurde immer vertrauter mit der Binnenschiffahrt. So vertraut, dass sie sogar selbst das Binnenschifferpatent erwarb.

Am liebsten fuhr die Dreyerin auf dem Rhein, den sie von Basel bis zur Nordseemündung kennt. Allerdings bedauert Bultmann, dass sie sich damals zu wenig Zeit nahmen, um die Städte, in denen sie festmachten, näher zu besichtigen.

„Natürlich waren wir OPVistler“, sagt sie und lacht. „OPV“ steht für „Oberweser-Privatschiffer-Vereinigung“, zu der sich viele Binnenschiffer zusammengeschlossen hatten. Das war zweckmäßig, denn die OPV sorgte dafür, dass die Binnenschiffer im Bestimmungshafen auch Rückfracht an Bord nehmen konnten.

Bultmanns transportierten „Schüttgut“, Kohle, Erz, Kali, Düngemittel, aber auch Tropenholz, und sie hatten an Bord einen Abstellplatz für ihr Auto. Wenn Helma Bultmann ihren Mann besuchte, dann wurden zwei Alu-Stege ausgefahren, so dass das Auto von der Straße oder von der Böschung aus an Bord rollen konnte.

Besonders spannend waren seinerzeit die Reisen auf dem Mittellandkanal nach Berlin. „An der Schleuse Rothensee warteten wir oft tagelang auf die Abfertigung“, berichtet sie. Bevor die DDR-Grenzer an Bord kamen, musste das Ehepaar die Zugänge zu den Laderäumen frei räumen. Dann wurde jede Ecke mit Hunden nach möglicherweise versteckten blinden Passagieren abgesucht.

1992 verkauften Bultmanns ihre „Lesum“ an einen niederländischen Binnenschiffer. Gleich auf seiner ersten Reise hatte er damit auf dem Rhein-Main-Donau-Kanal eine Havarie.

Auch ohne eigenes Schiff blieb Werner Bultmann seinem Beruf verbunden. Zunächst war er Kapitän auf der im Dreyer Hafen liegenden MS „Deichgraf“, später steuerte er die „Friedrich“, das uralte Bremer Hafenrundfahrtschiff, das inzwischen als Museumsschiff auf der Weser unterwegs ist. Vor zwei Jahren ist er verstorben.

Als Relikt steht im Garten eine Schiffslaterne von ihrer „Lesum“. Rot gestrichen. Das steht für Backbord und das weiß jeder Seemann: Backbord ist links, weil dort das Herz schlägt.

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