Weyher im Interview

Ex-Bürgermeisterkandidat Nils Krämer hat besonderen Blick auf die Wahl

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Nils Krämer

Fast hätte er auf dem Chefsessel im Rathaus Platz genommen: Nils Krämer kandidierte 2014 bei der Bürgermeisterwahl gegen Andreas Bovenschulte. Mit mehr als 6000 Stimmen holte Krämer 44 Prozent und unterlag.

Weyhe - Bovenschulte war damals ein Verwaltungsbeamter in Leitungsposition mit siebenjähriger Rathauserfahrung und Wunschkandidat der drei Weyher Ratsfraktionen SPD, CDU und der Grünen. Nils Krämer hat alle Phasen des Wahlkampfs kennengelernt, daher hat der Angestellte auf die bevorstehende Wahl am Sonntag, 10. November, einen besonderen Blick wie sonst kein anderer Weyher.

Wie gefallen Ihnen die Werbeplakate der Bürgermeisterkandidaten?

Inhaltlich kann man nicht soviel ableiten. Dietrich Struthoff setzt auf den Slogan des ehemaligen Bürgermeisters Dr. Bovenschulte „Ein Bürgermeister für Alle.“ Obwohl man ja wissen muss, dass er CDU-Vorsitzender in Weyhe ist. Frank Seidel setzt auf „Herzblut“, und Herr Kobelt ist nicht so wirklich präsent, hat man das Gefühl. Annika Bruck führt das Grünen-Programm fort und setzt auf nachhaltige Entwicklung auch in Weyhe.

Wie haben Sie den Wahlkampf bislang erlebt?

Wie eben so ein Wahlkampf jetzt in der Hauptphase ist, keine besonderen Auffälligkeiten beziehungsweise keine gravierenden - besonderen Aktionen von einem der Kandidaten. Was eher Auffällig war, war die deutliche und zu jederzeit sowie überall Präsenz von Frank Seidel, im Vorfeld seiner SPD-Nominierung. Da wurde meines Erachtens schon lange im Vorfeld etwas in die entsprechenden Bahnen gebracht. Vor diesem Hintergrund war es meiner Meinung nach auch nicht fair, den von der CDU vorgeschlagenen Kandidaten (Markus Pragal aus Delmenhorst) nicht auf die SPD-Mitgliederversammlung eingeladen zu haben zwecks Vorstellung seiner Person vor allen SPD-Mitgliedern.* Dann hätten sich wenigsten alle Mitglieder eine Meinung bilden können und nicht nur der Vorstand. Auch ein Vergleich zwischen Seidel und Pragal wäre möglich gewesen. Die CDU hatte diese faire Chance übrigens seinerzeit Herrn Bovenschulte bzw. der SPD gegeben.

* Stellungnahme von Berthold Groeneveld, Vorsitzender SPD Weyhe: 

„Im Interview wird wahrheitswidrig behauptet, dass Herr Pragall sich nicht auf der SPD-Mitgliederversammlung vorstellen durfte. Herr Pragall hat mir schon im ersten Gespräch klar gesagt, dass er nur antritt, wenn er eine sehr breite Unterstützung bekommt. Er war dann auch nicht bereit, sich auf der Mitgliederversammlung zu bewerben, weil es ja einen Gegenkandidaten aus der SPD gegeben hätte. Er hätte also gedurft, wollte aber nicht. Das war schade, aber auch nicht zu ändern.“

Erinnern Sie sich dieser Tage einmal mehr an ihre eigene damalige Bewerbung um den Job des Verwaltungschefs zurück? 

Ja sicherlich. Es war damals für mich ein sehr positiver Wahlkampf und eine tolle Erfahrung. Noch heute, wirkt dieser Wahlkampf bei mir, meiner Familie und augenscheinlich auch vielen Weyher nach. Das war eben eine tolle Sache damals.

Sie traten im Rennen um die Nachfolge von Frank Lemmermann damals gegen Andreas Bovenschulte an. Hat Sie das Endergebnis überrascht? 

Also, ob sie es glauben oder nicht, mein Bauchgefühl hat mir schon lange im Vorfeld gesagt, das viele unzufrieden waren und auch eine andere Meinung sowie auch ein anderes Bild von vielen Dingen hatten, die die Verwaltungsspitze und auch die Parteienspitzen gerne gewollt hätten. Ich bin sehr nah an den Menschen dran und bin in hohem Maße kommunikationsfreudig, das verhilft mir zu einer hohen Lebensrealität, von daher war ich in meinem Bauchgefühl bestätigt worden, das war für mich beruhigend.

Wie sind Sie nach der Wahl mit der Niederlage umgegangen? 

Es hat sich nicht als Niederlage angefühlt. Ich bin als Greenhorn gegen einen Vollpolitiker, der jetzt Bürgermeister von Bremen ist, angetreten. Ich glaube nicht, dass es so etwas allzu oft in der Politik gibt. Das macht mich schon stolz. Das Ergebnis war sehr knapp und hätte auch anders ausfallen können. Die Menschen in Weyhe haben mit mir diskutiert und mich in großem Maße unterstützt. Unser Wahlfreundeskreis, den wir derzeit gegründet hatten, hat einen Superjob gemacht. Viele Menschen sind mir auch nach der Wahl noch überaus anerkennend gegenübergetreten, das hat mich sehr gefreut.

Es kann auch jetzt nur eine Person siegen: Welche Tipps haben sie für die Personen, die am Ende unterliegen? 

Ich finde es wichtig, sich außerhalb der Politik ECHT zu engagieren. Als ich damals von den Wirtschaftsjunioren eine Woche in Berlin im Bundestag war, habe ich an einer Diskussion mit dem verstorbenen FDP-Politiker Guido Westerwelle teil genommen. Seine Worte habe ich nie wieder vergessen. Er riet uns allen, sich im Kleinen in den Gemeinden und Stätten zu engagieren. Wortwörtlich sagte er: "Engagement lohnt sich immer, zwei bis drei Personen genügen, um eine Gemeinde ordentlich durcheinander zu bringen." Und da meinte er, das Gemeindeleben positiv zu beeinflussen und sich einzumischen.

Nach der letzten Bürgermeisterwahl ist es aber in Sachen Gemeindepolitik still um Sie geworden. Weshalb haben Sie sich nicht bei den Kommunalwahlen für den Gemeinderat oder in anderen beratenden Gremien zur Wahl gestellt?

Dazu kann ich nur sagen, Herr Bovenschulte hatte noch im Ratssaal nach der Wahl gesagt, er möchte mit mir das Gespräch suchen und über eine Zusammenarbeit sprechen. Das hat er nie getan. Auch sonst hat man keinen Kontakt gesucht, um eventuell etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen. Außerdem hat die Kommunalwahl 2016 zu diesem Zeitpunkt persönlich überhaupt nicht gepasst. Meine Eltern sind in diesem Zeitraum innerhalb von 18 Monaten beide verstorben, da hatte ich andere Dinge auf dem Zettel. Desweiteren war unser großes Wahlkampfthema die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Dies haben meine Frau und ich uns auf die Fahne geschrieben und engagieren uns seitdem im Verein für den Tennissport und die sportliche Entwicklung der Drei- bis Sechs-Jährigen, wo wir im Übrigen hier Unterstützung von der AOK erhalten hatten.

Was haben Sie dort gemacht? 

Damals sind wir mit 32 Kindern und Jugendlichen beim TSV Weyhe-Lahausen angefangen und aktuell sind wir bei 105 Kindern und Jugendlichen. Eine ähnliche Entwicklung haben wir bei den Erwachsenen in unserem Sportverein. Wir wurden vom Tennisverband Niedersachsen-Bremen als Vorzeigeverein benannt, der besonders positive und steigende Entwicklungen aufweist. Das heißt jedoch nicht, dass ich in Zukunft nicht erwäge, mich politisch in diesen Bereich stärker einzubringen.

Haben Sie in den vergangen Monaten überhaupt einmal überlegt, noch einmal zu kandidieren? 

Ja, und ich wurde auch vielfach von Menschen aus der Gemeinde angesprochen. Unter anderem hatte ich auch ein Gespräch mit der CDU, die mich hierzu kontaktierte.

Sie kommentieren derzeit viel in den Sozialen Medien - Weshalb? 

Es macht einfach Spaß. Außerdem, habe ich durch meine vielen Gespräche mitbekommen, das viele sich in der Tiefe der Gemeindepolitik keine Informationen holen, um sich ein ganzheitliches und anderes Bild zu machen. Ich möchte gerne einen Teil zur Transparenz und Meinungsbildung beitragen, indem ich legitime und erlaubte Informationen zur Verfügung stelle. Gerne gehe ich aber auch gegen manifestierte Meinungen oder Blickwinkel an, nur weil viele eine bestimmte Meinung haben, muss das ja nicht richtig sein. Da bin ich dann auch gerne mal der Querkopf.

Welche Themen haben aus Ihrer Sicht bislang den Wahlkampf geprägt? 

Die Erweiterung vom Gewerbegebiet Dreye-West III. Hier geht es doch letztlich um Geld, welches die Gemeinde einnehmen muss, um die Projekte zu bezahlen, die Herrn Bovenschulte angeschoben hat. Die Gemeinde wird wieder in schwierige finanzielle Fahrwasser kommen, das ist sicher. Herr Bovenschulte profitierte zu seiner Zeit von einer insgesamt starken wirtschaftlichen Zeit. Ich vermute stark, das hier nicht finanziell langfristig gedacht wurde, aber das wird sich in naher Zukunft ja zeigen. Es ist hier nur sehr traurig, dass dass Risko besteht, das die Natur dafür wieder bezahlen soll. Das Thema Straßenbahn, was hier unterschwellig aufpoppte, ist für mich unbegreiflich. Meiner Meinung nach wurde da von Bremern Politikern, den Weyhern Politikern ein Floh ins Ohr gesetzt, den man augenscheinlich schlecht wieder einfangen kann. Wir hatten derzeit in Bremen gegen dieses Verfahren persönlich geklagt. Das Konzept ist unausgereift und wirkt wie ein Schnellschuss. Unter anderem gibt es kein Umweltkonzept zu diesem Thema. Man weiß noch gar nicht wie sich die geplante Streckenführung auf die Verkehrssicherheit der Fußgänger und Fahrradfahrer auswirkt.

Was wäre Ihnen lieber? 

Da wir im direkten Umfeld eine große KGS mit vielen Schülern haben, sollte man sich etwas näher mit diesem Thema beschäftigen. Im Übrigen wir haben hier einen wunderbaren Bahnhof mit einer guten Anbindung an Bremen. Der Bahnhof liegt zentral und ist gut, auch mit dem Fahrrad erreichbar.

Welche Themen kamen Ihnen zu kurz?

Aus eigener Sicht kam das Thema Sportstätten und Unterstützung aus der Verwaltung für Vereine aus Weyhe eindeutig viel zu kurz. Wir haben in Weyhe in bekanntes Problem, und das ist allen Parteien ausreichend bekannt. Wir haben in Weyhe zu wenig adäquate Sportstätten in Weyhe. Das Thema Bewegung ist überall bekannt und viele Institutionen schlagen aufgrund des Bewegungsmangels jetzt schon Alarm. Es wird einfach viel zu wenig getan, um die Kinder und Jugendlichen für das Thema Bewegung zu begeistern und vorhandene Angebote auszubauen und neue Angebote zu schaffen. Hier liegt Weyhe weit hinter anderen Gemeinden zurück. Und da spreche ich nicht nur vom Tennissport, wo mein Engagement ist, andere Sparten und das erfahren wir im tägliche Engagement beim TSV Weyhe-Lahausen, haben auch Probleme. Angebote für junge Erwachsene sind in Weyhe eindeutig zu wenig. Es reicht eben nicht immer nur aus, einen Fußballverein im Ort zu haben. Hier will ich als selbst früher spielender Fußballer nicht den Fußballsport angreifen, aber es gibt auch Jugendliche, die sich ein Vielfältigeres Angebot wünschen. Dies gilt es zu hinterfragen, zu erarbeiten und umzusetzen.

Eine Neuerung wird es geben - die nächste Person an der Spitze der Verwaltung bekommt einen hauptamtlichen Pressesprecher - Was wünschen Sie sich für die Kommunikation nach außen? 

Erst einmal, dass überhaupt ausreichend kommuniziert wird. Meiner Meinung sind viele Bürgerinnen und Bürger heutzutage mehr aufgeklärt als damals, die Pressemitteilungen der Gemeinde sollte transparent und klar sein. Eine Art der schmalen Berichterstattung, mit nur den nötigsten Informationen, führt meiner Ansicht nach zu Misstrauen. Beteiligung und ausführliche, korrekte Informationen der Bürgerinnen und Bürger sind wichtiger denn je.

Gehen Sie von einer Stichwahl aus? 

Nein, ich denke der bundesweite Trend in der Stimmenvergabe der letzten Zeit wird sich auch in Weyhe widerspiegeln. Ich bin sehr gespannt - unsere Kinder haben an den „Fridays für Future“-Demos teil genommen. Auch diese Sichtweisen prägen uns als Familie, und ich denke auch andere Familien kommen über ihre Kinder zu neuen interessanten Gesprächen in der Familie. Die 16-jährigen dürfen ja auch schon wählen, mal schauen was sich daraus ergibt.

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