Irmtraut Pfeiffer freut sich über Pro-Dem-Besuchsdienst / Große Nachfrage

Beethoven muss noch warten

Auf einen Plausch in der Sonne treffen sich Irmtraut Pfeiffer aus Leeste und Seniorenbegleiterin UrsulaAhlers aus Brinkum. Für unseren
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Auf einen Plausch in der Sonne treffen sich Irmtraut Pfeiffer aus Leeste und Seniorenbegleiterin UrsulaAhlers aus Brinkum. Für unseren

Leeste – Die Karten für die „Elphi“ hat Irmtraut Pfeiffer noch im Regal liegen. Ein Beethoven-Konzert wäre es gewesen, das die 83-jährige Leesterin und ihre Tochter im berühmten Hamburger Konzerthaus besuchen wollten. Doch dann kam Corona. Die Tickets hat die Seniorin aufgehoben – als Erinnerung an die Dinge, die sie noch unternehmen will, sobald es die Pandemie erlaubt.

Bis dahin ist wohl Ursula Ahlers aus Brinkum eine ihrer wichtigsten Bezugspersonen.

Die beiden Damen treffen sich seit rund einem Jahr ein- bis zweimal die Woche – und sind sich offensichtlich gegenseitig ans Herz gewachsen. Ursula Ahlers ist eine lebhafte 65-Jährige, die „immer für einen Schnack und ein Späßchen zu haben“ ist, meint Irmtraut Pfeiffer. Und genau das schätzt sie an ihr. Ahlers ist als Ehrenamtliche beim regionalen Senioren- und Pflegestützpunkt Pro Dem tätig und engagiert sich dort im Besuchsdienst.

„Wir begleiten alle Senioren, die ambulant versorgt werden können“, umreißt Pro-Dem-Leiterin Lilja Helms den Zuständigkeitsbereich von Ursula Ahlers und ihren Kollegen.

An Ahlers schätzt sie deren positive Art: „Sie ist ein Mensch, der es schafft, Optimismus zu verbreiten. Sie kann andere mitreißen, und davon profitieren die Senioren“, sagt Helms.

Das sieht offenbar auch Irmtraut Pfeiffer so. Seit 2017 wohnt sie im Lerchenhof in einer eigenen Wohnung, aber mit Anschluss an die Wohnanlage. Zehn Frauen und zwei Männer leben in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Gemeinsam mit Ursula Ahlers geht sie spazieren, sobald es das Wetter erlaubt. „Wir gehen viel raus und haben auch eine Lieblingsbank – an der Nürnberger Straße“, erzählt Ahlers. Gesellschaftsspiele wie Scrabble oder Mensch-Ärgere-Dich-Nicht gehören ebenfalls zu ihrem gemeinsamen Programm. Auch Übungen zur Wortfindung und zu Zahlen, die Irmtraut Pfeiffer manchmal Mühe machen, stehen auf der Agenda.

Dass viele der Älteren in ihrer Umgebung scheinbar kaum rausgehen oder sich teilweise sogar einigeln, kann die 83-Jährige nicht verstehen. „Ich stelle immer wieder fest, dass manche sehr zurückgezogen leben und nichts dagegen unternehmen“, erzählt sie. „Das verstehe ich nicht. Aber nun bin ich ja auch ein Mensch, der die Gesellschaft anderer sehr schätzt“, ergänzt die Seniorin. Daher hat sie letztlich auch die Initiative ergriffen, und sich bei dem Verein gemeldet. Sie habe zuvor durch ihre Tochter vom Besuchsangebot von Pro Dem erfahren.

Ähnlich wie Irmtraut Pfeiffer wollen viele Ältere nicht alleine in der Stube sitzen – Corona hin oder her. Lilja Helms zufolge ist die Nachfrage nach Besuchsangeboten ungebrochen. Vor allem Senioren mit Demenz leiden einsam unter der Pandemie. „Ihnen fällt das Telefonieren schwer, viele haben Wortfindungsstörungen“, berichtet Helms aus der Praxis. An Zoom-Konferenzen ist da nicht zu denken. Und damit bricht ihnen in Zeiten des Lockdowns auch die letzte Möglichkeit zur Kommunikation weg.

„Vor der Pandemie hatten wir bereits 23 Gruppen mit je acht Personen speziell für Menschen mit Demenz“, berichtet sie. Aufgrund der Abstandsregeln habe Pro Dem allen angeboten, auf Einzelbetreuung umzusteigen – unter Einhaltung der Corona-Schutzregeln. „Die Nachfrage ist groß. Je länger Pandemie und Lockdown dauern, desto mehr.“ Insgesamt begleiten jetzt 120 Ehrenamtliche 224 Senioren in Stuhr, Weyhe und Syke.

Ein echter Ersatz für Gruppentreffen biete die Einzelbetreuung aber nicht, stellt Helms fest: „In den Gruppen gibt es einfach einen anderen Austausch. Man lacht gemeinsam und bewegt sich gemeinsam. Es ist einfach etwas anderes.“ Die Leistung ihrer Ehrenamtlichen will Helms damit aber keinesfalls unter den Scheffel stellen: „Alle bei uns machen das, weil sie Lust dazu haben. Und das merken die Senioren sofort. Unsere Ehrenamtlichen haben das, was viele Angehörige nicht mehr haben, was die Putzfrau nicht hat: Wir hören zu. Und wir haben Zeit.“ Zeit ist in ihren Augen schon immer zu knapp gewesen im Umgang mit älteren Menschen. „Jetzt hat Corona nochmal ein Brennglas draufgesetzt“.

Irmtraut Pfeiffer freut sich über die Besuche von Ursula Ahlers. Die beiden Frauen schmieden auch schon Pläne, was sie unternehmen wollen, sobald die Pandemie im Griff ist: „Kaffeesieren natürlich!“ ruft Irmtraut Pfeiffer. Und natürlich die „Elphi“-Karten einlösen.

Von Katrin Köster

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