Bauwerk aus dem Jahr 1881

Bahnbrücken-Erneuerung dauert 2,5 Jahre

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Eine Zeitreise in das Jahr 1981: Oben, auf dem Brückenbauwerk, überqueren täglich fast 300 Züge die Ochtum bei Dreye. - Foto: Sigi Schritt

Weyhe - Von Sigi Schritt. Ihr Stahl ist genietet, gebolzt und in die Jahre gekommen: Die Bahnbrücke aus dem Jahr 1881 über die Ochtum zählt sicherlich zu den ältesten Industriebauwerken in Weyhe.

Es ist zwar sicher, seine Tage sind aber gezählt. Die Bahn will es durch eine neue Eisenbahnüberführung aus Stahlbeton ersetzen, über die nach 2,5 Jahren Bauzeit – erstmals im Frühjahr 2019 – die vielen Regionalbahnen und die IC-/ICE- sowie Güterzüge rollen sollen. Um sie auszutauschen, müssen die Züge monatelang das Gewässer über ein Provisorium überqueren.

„Oft sperren wir eine Strecke zum Beispiel für ein Wochenende und errichten gleich eine neue Brücke“, sagt Bahn-Sprecherin Sabine Brunkhorst. Das sei in diesem Fall nicht möglich, denn die Gleise dürften nur für maximal fünf Stunden gesperrt bleiben. Die Verbindung Osnabrück-Bremen, über die täglich fast 300 Züge rollen, zählt zu den viel befahrenen Strecken in Deutschland.

Die Arbeiten des über 13 Millionen Euro teuren Projektes seien deshalb anspruchsvoll, sehr aufwendig und nicht schnell erledigt, weil die Bahn den etwa 40 Tonnen schweren Stahlkoloss unter dem rollenden Rad erneuert, erklärt die Sprecherin. Reisende können also jeden Tag den Baufortschritt sehen.

Zahlreiche Besonderheiten der Baustelle

Die Baustelle auf beiden Seiten der Strecke wird weiter „wachsen“, berichten die Projektverantwortlichen. Die Dreyer Baustelle sei zwar nur eine von insgesamt 800 in Deutschland, doch sie habe zahlreiche Besonderheiten. Der Grund: Das Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert befindet sich im Flora-Fauna-Habitat-Gebiet (FFH) „Untere Delme, Hache, Ochtum und Varreler Bäke“. 

Das hat kostspielige Folgen und verursacht eine besondere Herangehensweise. Ein Beispiel: Bevor die Bauunternehmen im Winter rund 500 Bäume – unter anderem Weiden und Buchen – fällen durften, mussten Biologen die Natur in der Umgebung des Areals untersuchen. 

Brutvogelgebiet ist zu schützen

Das geschah bereits in den Jahren 2013 und 2014. Das Ergebnis: Entlang der Schiene haben die Experten ein Brutvogelgebiet festgestellt, das von „regionaler Bedeutung“ ist. Sie haben 35 Arten nachgewiesen und bei zehn weiteren einen begründeten Verdacht geäußert. Neben Rauchschwalbe, Rebhuhn, Kuckuck, Feldlerche und Wendehals fanden die Biologen auch die streng geschützten Mäusebussarde und Kiebitze vor. Außerdem rasten dort 25 Arten von Zugvögeln.

Zudem entdeckten die Biologen in der Ochtum und in einem dort hineinmündenden Wasser führenden Graben die Tiergattungen Steinbeißer, Aal, Meerforelle und Quappe. Deshalb hat die Bahn dieses Gewässer umgeleitet. Mehr noch: In Zusammenarbeit mit dem örtlichen Naturschutzbund hat die Bahn spezielle Nistkästen für Turmfalken anfertigen lassen, um die Umsiedelung der Brutstätten zu ermöglichen.

Nistkästen bieten neues Zuhause

Die neuen „Häuser“ hängen jetzt an der Weserbrücke, berichtet Petra Noack von der Umweltbaubegleitung der Firma Kölling&Tesch. Ziel sei es, so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen, und falls es nicht anders geht, zumindest einen geeigneten Ausgleich zu finden. Die Projektverantwortlichen achten laut Noack darauf, dass keine Verunreinigungen, also auch kein Staub, in die Ochtum hineinkommt. „Die Wasserqualität darf sich nicht verschlechtern.“

Weshalb verzichteten die Konstrukteure auf einen Mittelpfeiler? „Da hier ein Überschwemmungsgebiet ist, könnte es bei einem hohen Wasserfluss einen Rückstau geben“, so Noack. Eine Straßenbehelfsbrücke, über die Ochtum, über die Lastwagen fahren dürfen, gibt es bereits – an dem 500 Meter langen Umfahrungsdamm über ein mobiles Brückengerät wird gearbeitet. Beide kommen ebenfalls ohne Mittelpfeiler aus.

Umfahrungsdamm muss gebaut werden

Damit die beiden Gleise in ein paar Monaten überhaupt verschwenkt werden können, müssen Baufirmen diesen Umfahrungsdamm errichten. Für die Widerlager der Behelfsbrücke will die Bahn weitere Spundwände in die Erde einvibrieren, erklärt Bauüberwacher Torsten Rehling von der Firma hkc. Insgesamt 54 Lastwagen liefern im Juli die Bauteile der Hilfsbrücke an, die in vier Wochen mithilfe des Technischen Hilfswerks (THW) Hoya zusammengebaut wird. Sie soll 40 Meter umspannen.

„So eine Brücke baut das THW jedes Jahr einmal auf dem Parkplatz auf, jetzt können die Helfer unter realen Bedingungen proben“, so Brunkhorst. „Das Gerät, zerlegt als Baukasten, lagert in Konstanz und wartet seit 1983 auf den nächsten realen Einsatz“, so die Sprecherin. Insgesamt sei es sogar möglich, beispielsweise im Katastrophenfall 120 Meter zu überspannen.

Bauarbeiten an der Ochtum-Brücke

Teilsperrungen notwendig

Um die neuen Schienenstränge samt Oberleitung und Signaltechnik anzuschließen, sind Ende Oktober/Anfang November zwei 54-stündige Teilsperrungen notwendig, in denen der Zugbetrieb in Gleiswechselbetrieb laufen wird. 

Die Lok- und Triebfahrzeugführer dürfen in den folgenden Monaten die neue Mini-Ausweichstrecke statt mit 200 Kilometern pro Stunde wie im Bahnhof Kirchweyhe nur mit Tempo 60 passieren. Erst mit dieser Umleitung können die Projektverantwortlichen mit dem Abbruch der alten Brücke beginnen, die möglicherweise in Trier in einen Hochofen wandert.

Im Mai 2018 wird die Betonbrücke angeliefert und fünf Wochen später eingehoben. Es folgen der Einbau der Signaltechnik und der Oberbau (Schotter, Schwelle, Schienen) und Ende März 2019 wird die Mini-Ausweichstrecke zurückverschwenkt.

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