Vertrieben aus Schlesien

Aus Zuflucht wird Heimat: Dorothea Rendigs über ihr Leben in Weyhe

Eine Frau sitzt am Tisch und liest etwas.
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Dorothea Rendigs (97) kam 1946 in die Gemeinde. Heute lebt sie im Ortsteil Lahausen. Gebürtig kommt sie aus Niederschlesien.

Dorothea Rendigs kam 1946 als Vertriebene aus Oberschlesien nach Weyhe. Sie erzählt von ihrem Leben in der Gemeinde.

Lahausen – 27 Einzelschicksale von aus früheren deutschen Ostgebieten Vertriebenen hat Hubert Sturm – er selbst stammt aus Niederschlesien – gemeinsam mit Gemeindearchivar Hermann Greve in dem Buch „Wir bleiben jetzt hier ...“ zusammengetragen (wir berichteten). Herausgeber sind die Gemeinde Weyhe und die Volkshochschule im Landkreis Diepholz. Laut Hubert Sturm geben die Berichte einen guten Einblick in das Leben der Vertriebenen und in deren Gedankenwelt.

„Ich fand es sehr wichtig, diese Zeitzeugenberichte auch für später zu erhalten“, erklärt Sturm. Die Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten des Reichs ist nun schon 75 Jahre her, doch manches vergisst man einfach nicht – sei es noch so lange her. Die Vertreibung aus ihrer Heimat und die anschließende Reise gen Westen gehört für die, die dabei waren, zu diesen Erinnerungen, die wohl nie verblassen werden.

Dorothea Rendigs: „Wir waren die Fremden“

„Wir waren die Fremden“, sagt Dorothea Rendigs. 1946 kam sie nach Weyhe, weil sie ihre niederschlesische Heimat Silberberg verlassen musste. Sie erinnert sich noch gut an den 19. April: „Da kamen wir bei der Familie Köhrmann unter.“ Johann Köhrmann hatte damals eine Zimmerei gegründet, die mittlerweile ein Holzfachhandel ist. Große Dankbarkeit empfindet Dorothea Rendigs noch heute für die Familie: „Sie hat uns aufgenommen und uns gut behandelt. Wir hatten von Anfang an ein gutes, sehr herzliches Verhältnis.“ Und das obwohl Dorothea Rendigs – damals Anfang 20 – und ihre Tante Trudel eigentlich woanders unterkommen sollten. „Köhrmanns waren nur auf drei Personen vorbereitet“, erinnert sich die heute 97-Jährige, auf Tante Lilli und ihre zwei Töchter. „Aber wir haben gesagt, dass wir uns nicht mehr trennen“, erzählt sie. Die Köhrmanns stimmten zu und so kam es dann, dass alle fünf in der ersten Nacht auf dem Fußboden der guten Stube schliefen.

Zuvor durften sich die vertriebenen Frauen allerdings waschen. „Wir konnten sogar in der Waschküche baden“, erinnert sich die Zeitzeugin. Zusätzlich bewirtete Frau Köhrmann die Neuankömmlinge mit einem Eintopf. „Das war nicht selbstverständlich“, meint Dorothea Rendigs. „Es gab einige, die die Vertriebenen nicht so nett aufgenommen haben.“ Das kann sie sogar verstehen, weil zu der Zeit Millionen Menschen in den Westen kamen und aufgenommen werden mussten.

In Lahausen lernt Dorothea Rendigs ihren Ehemann kennen

Dorothea Rendigs hatte Glück und konnte sich in Lahausen ein neues Leben aufbauen. Zunächst waren die Vertriebenen oft noch unter sich: „Wir haben zusammengehalten.“ Aber nach und nach integrierten sie sich. Rendigs erinnert sich: „Immer mehr Geflüchtete haben dann irgendwann Einheimische geheiratet.“

Auch sie lernte einen Lahauser kennen: Heinz Rendigs. Das erste Mal sah er seine künftige Frau, als sie das obligatorischen Entlausen hinter sich hatte. „Er kam von einem Freund und hat sich sofort in mich verliebt“, erinnert sich Dorothea Rendigs. „Das konnte ich gar nicht begreifen, da sah ich fürchterlich aus“, sagt sie lachend.

Wie es der Zufall so wollte, arbeitete Heinz Rendigs zu dieser Zeit als Zimmerer bei Firma Köhrmann. Er und Dorothea kamen sich näher und heirateten 1951. „Er wollte eigentlich auf Wanderschaft gehen. Als ich kam, hat er es dann aber seinlassen.“

Gemeinde Weyhe als neue Heimat

Die Gemeinde Weyhe wurde für das junge Ehepaar zur gemeinsamen Heimat. Und auch all ihre Nachkommen leben in unmittelbarer Umgebung und zum Teil sogar unter demselben Dach. „Ich habe fünf Urenkel, auch die wohnen alle in der Nähe“, freut sie sich. Dorothea Rendigs fühlt sich wohl und integriert in Weyhe und besonders Lahausen: „Es hat sich im Laufe der Zeit eine sehr gute Nachbarschaft zu allen entwickelt.“

Um ihre alte Heimat nicht zu vergessen, hat Dorothea Rendigs ihre Erinnerungen an Silberberg, aber auch die Vertreibung aus Schlesien zu Papier gebracht: „Ich habe alles aufgeschrieben.“ Sie blättert noch heute ab und zu darin. „Manchmal habe ich auch darüber geweint“, gibt sie zu. „Ich bin in den Bergen aufgewachsen“, sagt sie wehmütig. Es hat eine Weile gedauert, sich an das flache Niedersachsen mit all seinen Gepflogenheiten zu gewöhnen. Mittlerweile ist sie aber froh, dass die Landschaft, in der sie lebt, eben ist. „Mir geht es gut und ich komme die Treppe noch runter, aber hoch dauert ein bisschen länger“, scherzt sie. Hügel und Berge wären da wohl eher kontraproduktiv.

Das Buch

Das Buch „Wir bleiben jetzt hier...“ ist bei der Mediengruppe Kreiszeitung zu bekommen. Da die Geschäftsstellen noch geschlossen sind, ist es ausschließlich online erhältlich. Das Buch kostet 21 Euro. Hinzu kommen 5,95 Euro Versandkosten.

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