Für Natur und Sicherheit

Aus dem Alltag einer Baumkontrolleurin

Mit einem Schonhammer klopft die Baumkontrolleurin Hanna Smidoda gegen die Rinde, um zu hören, ob die Kastanie hohl ist.
+
Tok Tok: Mit einem Schonhammer klopft die Baumkontrolleurin Hanna Smidoda gegen die Rinde, um zu hören, ob die Kastanie hohl ist. Hier an der Westerheide.

Weyhe – Hanna Smidoda steht vor einem Baumstumpf. Sie trägt dunkle Arbeitsschuhe und eine knall- organgefarbene Jacke. Die 21-Jährige ist Baumkontrolleurin.

„Der Baum wurde im Sommer gefällt. In der Krone war er absterbend und er hatte Ausfluss am Stamm. Das ist mir aufgefallen. Und es war erkennbar, dass er hohl war. Und er war von einem Pilz, von Braunfäule, befallen“, listet sie auf. Woran man Ausfluss an einem Baum erkennt? „Das ist eine schwarze Flüssigkeit.“ Die Eiche An der Beeke war um die 120 Jahre alt, schätzt Smidoda. Warum musste sie gefällt werden? „Weil die Standsicherheit nicht mehr gegeben war. Die Verkehrssicherheit ist das oberste Gebot.“ Im Winter solle der Baumstubben dann ausgefräst werden. „Wenn ein Baum wegkommt, versuchen wir, einen neuen zu pflanzen.“

Warum sie sich so gut auskennt? Die 21-Jährige hat im vergangenen Jahr eine Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau beim Bauhof der Gemeinde Weyhe absolviert. Danach hat sie eine dreitägige Fortbildung zur Baumkontrolleurin abgeschlossen. Seit Sommer 2019 unterstützt sie ihre Kollegen im Fachbereich vier (Gemeindeentwicklung und Umwelt) im Rathaus.

Rund 16.000 Straßenbäume stehen in der Gemeinde Weyhe

Rund 16.000 Straßenbäume stehen in der Gemeinde, die regelmäßig begutachtet werden müssen. „Im Prinzip muss ich mir jeden Baum im Jahr anschauen“, so die Expertin. Dafür sei sie fast jeden Tag unterwegs – vormittags sei sie meistens draußen und nachmittags erledige sie Büroarbeiten.

Ihre nächste Station ist eine Kastanie an der Westerheide. Etwa 50 Jahre alt, schätzt sie. Bei dem Baum fällt als erstes der lange Riss im Stamm auf. „Bei Kastanien ist es üblich, dass sie nicht gerade wachsen und sie den Stamm dreht. Das ist ganz normal. Das wächst dann wieder zu.“ Ein mobiles Gerät, in dem alle Bäume erfasst sind, hat sie immer dabei. „Jeden Baum kann ich sehen, und die vorherigen Kontrollen sind auch erfasst. So kann ich vergleichen, ob sich der Zustand verändert hat.“ Sie fügt hinzu: „Seit 2014 ist die Kastanie bei uns auf einer Liste. Seitdem gucken wir sie uns regelmäßig an.“

Risse im Stamm sind bei Kastanien normal. Sie wachsen nicht gerade, so Smidoda.

Neben den Rissen fallen die braunen Blätter auf. Die Kastanie ist, wie fünf weitere, von Miniermotten befallen. „Das wird leider immer mehr.“ Die Blätter würden irgendwann abfallen. „Aber es wachsen grüne wieder nach.“ Die Tierchen schwächen die Bäume zwar, aber gefällt werden müsse sie nicht. Kann man etwas dagegen machen? „Man kann das Laub im Winter wegsammeln.“ Ansonsten aber nicht viel, sagt sie.

Eichenprozessionsspinner gibt es in der Gemeinde „zum Glück“ noch nicht, so Smidoda. Insbesondere bei Hitze können sich Schädlinge vermehren. Und wegen des Wassermangels sei der Baum noch zusätzlich geschwächt.

Bei jedem Baum hat die 21-Jährige dieselbe Herangehensweise: Als erstes schaut sie sich das äußere Erscheinungsbild an. Dann stuft sie den Baum in die Vitalitätsstufe ein. „Die geht von 0 bis 4. 0 ist gut, 4 ganz schlecht“, erklärt sie. Die Kastanie ist eine 1. Dann geht sie näher an den Baum ran. Im nächsten Schritt wird die Krone ausgemessen und der Stammumfang gemessen. „Der Stamm hat eine Vergabelung. Das ist auffällig, aber nicht schlimm. Dann schaue ich, ob er Astungswunden, also alte Schnittwunden hat.“ In dem Programm auf ihrem Gerät sind verschiedene Punkte aufgelistet wie beispielsweise „Totäste“ oder „Astungswunden“. Trifft etwas davon zu, setzt sie dahinter ein Häkchen.

Kommen die Wurzeln raus, giert der Baum nach Sauerstoff

Dann schaut sich Smidoda den Wurzelbereich an. „Hier fällt auf, dass die Wurzeln rauskommen.“ Sie erklärt: „Der Baum versucht, viel Sauerstoff aufzunehmen, daher kommen die Wurzeln raus. Hier ist es aber noch im Rahmen.“ Falls die Wurzeln zu weit herausragen, müsste man sie abhacken oder die Pflasterfläche angleichen. „Wir gucken schon viel nach Tiefwurzlern“, so Smidoda. Als Beispiel für Neupflanzungen nennt sie die Chinesische Wildbirne und die schwedische Mehlbeere. Ein Vorteil bei letztere: Sie könne Hitze, Nässe und Streusalz, das im Winter eventuell dazukommen kann, ab.

Ein Schonhammer und ein Pikierstab hat sie ebenfalls immer in ihrer Tasche dabei. Sie nimmt sich den Schonhammer und klopft damit leicht gegen den Riss am Stamm. Tok Tok. „Damit kann man hören, dass es an der Stelle hohl ist.“ Sie demonstriert es an einer anderen Stelle. Hört sich ganz anders an. Dann zeigt sie den Pikierstab. „Den drücke ich in das Loch. Dann schaue ich, wie tief es ist und vergleiche es mit der Tiefe des Baumes“, erklärt sie.

Hat man als Baumkontrolleurin auch einen Lieblingsbaum? Die 21-Jährige überlegt. „Hmm. Ich finde Bäume allgemein schön.“ Alte Bäume würden aber mehr hermachen, findet sie. Für einen Baum nehme sie sich zehn bis 15 Minuten Zeit. Rund 50 Stück kontrolliere sie am Tag.

Verkehrssicherheit steht für Hanna Smidoda im Fokus

Als letzten Schritt beurteilt sie, ob bestimmte Maßnahmen unternommen werden müssen. „Zum Beispiel, wenn die Verkehrssicherheit gefährdet ist.“ Smidoda und ihre Kollegen übernehmen die visuelle Betrachtung. „Es gibt aber auch kritische Fälle, für die wir einen Gutachter herbestellen. Der hat andere Geräte“, erklärt sie.

Für die dritte Stippvisite fährt sie weiter zur Wilhelmseiche am Lahauser Denkmal. Vor einigen Jahren ist ein Blitz in den Baum eingeschlagen. Seitdem werde er regelmäßig kontrolliert, so Smidoda. Ein Gutachter hatte sich die Eiche in diesem Jahr angeschaut. „Er hat an Vitalität abgebaut und hatte Totholz in der Krone. Es ging um die Frage, ob und wie man ihn erhalten kann.“ Pressesprecher Sebastian Kelm findet, dass „er sehr geschichtsträchtig ist, besonders mit dem Denkmal hier“. Am 23. März 1897 wurde die Eiche geplanzt, weiß er.

Ein paar Schritte weiter, direkt neben der Bushaltestelle, steht eine Pappel. „Beim letzten Sturm hat sie massiv Äste ausgebrochen“, sagt Smidoda. Zusammen mit ihrem Kollegen Thomas Krause hat sie entschieden, dass er entfernt werden muss. „Keiner will das verantworten, wenn ein Ast runterfällt und sich jemand verletzt“, fügt Kelm hinzu. Er betont, dass Bäume nicht grundlos gefällt werden. „Jeder Baum ist wichtig. Darum dokumentieren die Kollegen sie und bewerten, was möglich ist, damit der Baumbestand erhalten bleibt.“ Zum Vergleich: In diesem Jahr wurden in der Gemeinde im öffentlichen Raum 83 Bäume gefällt und 108 neue gepflanzt.

Was der 21-Jährigen an dem Beruf gefällt? „Dass es draußen ist. Und man sieht, dass man nicht jeden Baum fällen muss und dass man selbst etwas dazu beiträgt, dass die Stadt grün bleibt – und wird.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Lamberts Bay ist mehr als ein Fischerort

Lamberts Bay ist mehr als ein Fischerort

Wie fleischfressende Pflanzen Fleisch fressen

Wie fleischfressende Pflanzen Fleisch fressen

Spektakuläre Grottenschau im Gletschereis der Walliser Alpen

Spektakuläre Grottenschau im Gletschereis der Walliser Alpen

BVB nach Remis gegen Lazio Rom im Achtelfinale

BVB nach Remis gegen Lazio Rom im Achtelfinale

Meistgelesene Artikel

„First Dates“ (Vox): Süße Sarah aus Weyhe verzaubert charmanten Johannes

„First Dates“ (Vox): Süße Sarah aus Weyhe verzaubert charmanten Johannes

„First Dates“ (Vox): Süße Sarah aus Weyhe verzaubert charmanten Johannes
„Schlag ins Gesicht der Pflegekräfte“

„Schlag ins Gesicht der Pflegekräfte“

„Schlag ins Gesicht der Pflegekräfte“
19-Jährige aus Rehden vermisst ‒ Feuerwehr und THW helfen bei der Suche

19-Jährige aus Rehden vermisst ‒ Feuerwehr und THW helfen bei der Suche

19-Jährige aus Rehden vermisst ‒ Feuerwehr und THW helfen bei der Suche
Sulingen wünscht Bahnreaktivierung

Sulingen wünscht Bahnreaktivierung

Sulingen wünscht Bahnreaktivierung

Kommentare