Autorin Ilse Zelle forscht zur Vergangenheit einer jüdischen Familie aus Weyhe

Auf den Spuren der Polaks

Ilse Zelle forschte mit damaligen Schülern zu Themen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Gemeinsam schrieben sie fünf Bücher. Zelles neuestes Projekt: Beiträge für die Buchreihe „Stolpersteine in Bremen – Biografische Spurensuche – Neustadt“.
+
Ilse Zelle forschte mit damaligen Schülern zu Themen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Gemeinsam schrieben sie fünf Bücher. Zelles neuestes Projekt: Beiträge für die Buchreihe „Stolpersteine in Bremen – Biografische Spurensuche – Neustadt“.

Weyhe – Am Puzzeln ist es doch das Schönste, wenn sich Stück für Stück immer mehr Teile aneinandersetzen lassen und am Ende ein Bild zum Vorschein kommt. Das findet auch die Sykerin Ilse Zelle. Allerdings geht es für sie dabei um Puzzleteile im übertragenen Sinne.

Bereits als Lehrerin recherchierte sie mit ihren Schülern unter anderem über das Schicksal von Juden in der Zeit des Nationalsozialismus, lud Zeitzeugen ein, besuchte mit den Jugendlichen NS-Gedenkstätten und stöberte in Archiven. „Der Kick an dieser Arbeit sind die Recherchen. Man entdeckt immer wieder ein neues Puzzleteil, dann noch eins und noch eins. Schlussendlich fügen sie sich alle zusammen“, erklärt die 69-Jährige.

Lange Zeit hat sich Zelle mit der jüdischen Familie Polak, die auch einmal in Kirchweyhe lebte, auseinandergesetzt. Über Otto Polak, der als einziges Familienmitglied die Gräueltaten der Nationalsozialisten überlebte, veröffentlichte sie 2010 ein Buch. Ihr neuestes Werk präsentierte die Sykerin im Oktober in Bremen.

Zu der Buchreihe „Stolpersteine in Bremen – Biografische Spurensuche – Neustadt“ steuerte die Autorin drei Kurzbiografien über Otto Polaks Vater Carl, seine Großmutter Adele und seinen Onkel Siegfried bei. Im Gespräch mit der Kreiszeitung verrät die Autorin jetzt etwas über ihre Arbeit, die einzelnen Werke und ihr besonderes Interesse an dem Thema.

Der Schulkurs „Spurensuche“

Manchmal ist es eben nur ein klitzekleiner Moment, der eine Sache erst so richtig ins Rollen bringt. Bei Ilse Zelle war das definitiv der Fall. Eine Unstimmigkeit während eines Besuchs in der NS-Gedenkstätte Buchenwald mit ihren Schülern weckte in ihr das Bedürfnis, tiefer in die Geschichte jüdischer Familien aus dem Landkreis Diepholz einzutauchen. „Und wenn es einen gepackt hat, lässt es einen nicht mehr los“, sagt die 69-Jährige. Seit 1992 leitete sie an der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Stuhr-Brinkum den Projektkurs mit dem Titel „Spurensuche“. Darin ging es vor allem um das Wachhalten der Erinnerung an die NS-Verbrechen und das Gedenken an die Opfer sowie den Dialog mit Überlebenden des Terrors und die Förderung von Toleranz und Völkerverständigung.

Mit ihren Schülern besuchte sie vor fast 30 Jahren das erste Mal die Gedenkstätte Buchenwald. In das Konzentrationslager waren nach der Reichspogromnacht 1938 die männlichen Juden aus den Altkreisen Grafschaft Diepholz und Hoya deportiert worden. „Jedoch wurde dieser Fakt bei einer Führung komplett abgestritten. Als wir dann unter den Ausstellungsstücken doch eine Liste mit jüdischen Namen fanden, war das der Punkt, an dem meine Schüler und ich uns entschieden, weiterzumachen“, erklärt die Autorin.

Die verschiedenen Bücher

Nach einer aufwendigen Recherchezeit veröffentlichte sie mit ihren Schützlingen 1995 das erste Buch: „Gestern Nachbar – Heute Jude“, worin es um die Geschichte von Juden aus dem Landkreis Diepholz geht. Kurze Zeit später folgte das nächste und wohl erfolgreichste Projekt des Kurses: „Vom Namen zur Nummer“.

Der Fokus des Werks zur neuen Ausstellung liegt auf dem entwürdigenden Einlieferungsritual der Juden in die Konzentrationslager. Für die Recherchen besuchten einige Jugendliche in den Sommerferien verschiedene NS-Gedenkstätten, unter anderem Dachau und Bergen-Belsen. Das Projekt wurde als Beitrag des Auswärtigen Amtes auf der Ersten Internationalen Holocaustkonferenz in Stockholm gezeigt.

1999 kam das nächste Buch „Von den Flammen verzehrt. Erinnerungen einer ungarischen Jüdin“ heraus, 2002 das Werk „Niedergefahren zur Hölle – Aufgefahren gen Himmel“ und 2006 „Edgar Deichmann – Von Syke nach Sao Paulo“. „Edgar luden wir auch in die Schule ein. In Syke ist zudem ein Park nach ihm benannt worden, da er Ehrenbürger der Stadt ist“, berichtet Zelle.

Otto Polak und seine Geschichte

Aber wie kam die Autorin schließlich auf die Familie Polak? „Ich wusste, dass es Otto gibt, und habe ihn einfach angerufen und zu uns eingeladen“, erinnert sich die Sykerin. Otto Polak wurde 1933 geboren. „Er sollte in seiner Kindheit zweimal deportiert werden, ist dem sicheren Tod jedoch von der Schippe gesprungen“, erklärt Zelle. Nur durch die Hilfe eines Arztes gelang es, Otto Polak vor einem Abtransport in das Konzentrationslager Theresienstadt im Februar 1945 zu bewahren.

„Es ist sehr spannend, die Geschichten von Zeitzeugen zu hören, aber auch sehr bewegend, und man merkt, wie tief diese Erinnerungen in ihnen stecken“, fügt die Autorin hinzu. Unter anderem organisierte Zelle mit Otto Polak und ihren Schülern einen Gedenkmarsch. „Wir sind seinem damaligen Schulweg von Kirchweyhe nach Bremen gefolgt.“

Er habe zu dieser Zeit in keine normale Schule gehen dürfen, musste stets seinen „Judenstern“ tragen und sei auf der Strecke immer arg gehänselt worden, erklärt die Sykerin. Nach vielen Gesprächen und Recherche erschien 2010 das Buch „Otto Polak – Leben und Schicksal eines Christen jüdischer Herkunft“.

Otto Polak ist mittlerweile Ehrenbürger der Gemeinde Weyhe. Aufgrund seiner faszinierenden Geschichte regte Zelle sogar an, das neue Kultur- und Bildungszentrum am Leester Henry-Wetjen Platz nach ihm zu benennen. Bisher habe sich daraus allerdings noch nichts ergeben, meint die Pensionärin.

Stolpersteine und die Familie Polak

Doch damit war nicht genug. „Es gibt immer neue Fäden, wo man ansetzen kann. Wenn man einmal anfängt, ist es fast uferlos“, sagt Ilse Zelle. Für die Buchreihe „Stolpersteine in Bremen – Biografische Spurensuche – Neustadt“ fing die Autorin an, weiter in die Geschichte der Polaks einzutauchen.

In drei jeweils zweiseitigen Kurzbiografien schreibt sie über Ottos Großmutter Adele, seinen Vater Carl und seinen Onkel Siegfried. Für die Recherchen durchforstete sie zum Jahresbeginn die Staatsarchive in Bremen, Wilhelmshaven und Oldenburg. Im Letzteren stieß sie auf zwei Geschwister mit dem Namen Polak, die ebenfalls Juden waren und wie die eigentliche Familie einen Viehhandel betrieben. „Aber irgendwas stimmte da mit dem Alter nicht. Deswegen schieden diese beiden aus“, erläutert die 69-Jährige.

In Wilhelmshaven stieß sie wiederum auf die Aufzeichnungen über die Frau von Siegfried Polak, Gisela. Weitere Probleme gab es aber nicht: „Alles lief easy going. Durch das riesige Netzwerk, was ich mir in der Zeit aufgebaut habe, sind mir die Infos sozusagen zugefallen“, erklärt sie.

In Bremen wurde sie dann auch schnell fündig: Adele sei mit ihren Söhnen Siegfried und Carl aus ihrer ursprünglichen Heimat Oldersum im Landkreis Leer an die Graudenzer Straße der Hansestadt gezogen und habe dort einen Viehbetrieb eröffnet, den Siegfried später übernahm.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, sei dieser 1938 geschlossen worden, und Siegfired zog zu seiner Frau Gisela an die Yorkstraße. Das ging aus den Einwohnermeldekarteien hervor.

An beiden Wohnorten liegen heute übrigens die Stolpersteine. Alle drei Polaks wurden am 18. November 1941 dann in das Konzentrationslager nach Minsk deportiert und kamen dort entweder durch die Massenmordaktionen der Nationalsozialisten im Juli 1942 oder die schlimmen Umstände im Lager wie Kälte, Hunger oder Folter, ums Leben. Einen Hinweis auf die Vergasung Carl Polaks lieferte ein ehemaliger Mitarbeiter von Ottos Großvater. Dieser war als Wachsoldat in Minsk eingesetzt und habe mit Carl durch den Stacheldraht gesprochen.

Otto Polak selbst konnte Ilse Zelle für das neue Buch nicht befragen, da dieser in einem Altenheim leben würde und die Autorin das Risiko durch das Coronavirus vermeiden wollte. Jedoch pflegt die Sykerin noch immer Kontakt zu ihm und beschreibt ihre Beziehung zu der Familie als „sehr innig und herzlich“.

Fortsetzung der Polak-Geschichte?

Auf die Frage, ob es noch ein weiteres Buch über die Polaks geben wird, meint die 69-Jährige: „Ich wüsste nicht mehr, wie man diesbezüglich noch tiefer in die Geschichte einsteigen sollte.“

Doch gerade setzt Ilse Zelle sowieso noch ein ganz anderes Puzzle zusammen: Sie kümmert sich aktuell um Recherchearbeiten für einen Holländer, der gern mehr über die Geschichte seines Vaters erfahren würde. Da die Sykerin auf dem Gebiet der Familienforschung bereits Erfahrung gesammelt hat, beispielsweise als sie Informationen über ihren eigenen Urgroßvater sammelte oder mit ihren Schülern nach deren Ahnen suchte, sagte sie zu dieser neuen Aufgabe natürlich auch nicht Nein.

Weitere Infos

www.stolpersteine-bremen.de

www.spurensuche-online.net

Von Nala Harries

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

AfD beschließt sozialpolitisches Konzept

AfD beschließt sozialpolitisches Konzept

DFB-Frauen schlagen Griechenland - Bilanz bleibt perfekt

DFB-Frauen schlagen Griechenland - Bilanz bleibt perfekt

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

Die heilende Kraft der Aloe vera

Die heilende Kraft der Aloe vera

Meistgelesene Artikel

Corona im Landkreis Diepholz: Klinik Bassum wird Impfzentrum

Corona im Landkreis Diepholz: Klinik Bassum wird Impfzentrum

Corona im Landkreis Diepholz: Klinik Bassum wird Impfzentrum
Syker Politik schafft Anliegerbeiträge ab - Verwaltung anderer Meinung

Syker Politik schafft Anliegerbeiträge ab - Verwaltung anderer Meinung

Syker Politik schafft Anliegerbeiträge ab - Verwaltung anderer Meinung
Frauenleiche in Hüde: 33-Jährige durch Schläge auf den Kopf getötet

Frauenleiche in Hüde: 33-Jährige durch Schläge auf den Kopf getötet

Frauenleiche in Hüde: 33-Jährige durch Schläge auf den Kopf getötet
„Es gibt viel zu leben, bevor man stirbt“

„Es gibt viel zu leben, bevor man stirbt“

„Es gibt viel zu leben, bevor man stirbt“

Kommentare