Gottesdienst am Sonntag im Weyher Theater: Aktionsbündnis will Menschen sensibilisieren

Armut in der Nachbarschaft

Das Aktionsbündnis nutzt für den Gottesdienst am Sonntag die Theaterkulisse des Stücks „Ab heute bin ich Jungfrau“. Foto: Sigi Schritt

Weyhe - Von Sigi Schritt. In die Armut zu schlittern, kann schnell gehen. Ein Aktionsbündnis kennt Beispiele aus Weyhe. Eine Projektgruppe, zu der neben den Kirchweyher und Leester Kirchengemeinden auch verschiedene Institutionen gehören, kennt so manches Schicksal. Die Gruppe um den Leester Pastor Ulrich Krause-Röhrs will am kommenden Sonntag um 10 Uhr im Weyher Theater im Rahmen eines Gottesdienstes Menschen dafür sensibilisieren, nicht wegzuschauen, sondern den Betroffenen Hilfe anzubieten.

Im sogenannten regionalen Gottesdienst im Weyher Theater wollen Pastor Krause-Röhrs und seine Mitstreiter in den Kulissen der Komödie „Ab heute bin ich Jungfrau“ insgesamt fünf Biografien vortragen – allesamt anonymisiert. Deshalb werden die Akteure beim Vorlesen weiße Masken tragen. In der szenischen Lesung geht es aber nicht nur um Altersarmut und Wohnungslosigkeit, sondern auch um Menschen mit Behinderungen und um Fragen der Mobilität.

Eine Scheidung kann zum Beispiel weitreichende Folgen haben: Wenn eine erziehungsberechtigte Person mit Kindern über keine eigenen Mittel verfügt, kann es passieren, dass die Wohnung nicht mehr zu halten ist. Da es auf dem Markt wenig preiswertere gibt, deren Mieten von der öffentlichen Hand übernommen werden, ist diese Person gezwungen, mit ihren Kindern umzuziehen – von Weyhe in eine andere Gemeinde, in der es bezahlbare Wohnungen gibt. Die Folgen für die Kinder: die Freunde und das bekannte Umfeld sind weg. Die Kinder kommen auf eine neue Schule und müssen sich einen neuen Freundeskreis aufbauen.

Einschränkungen gehören zum täglichen Leben, weiß Marlis Winkler, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks Diepholz-Syke-Hoya, zu berichten. „Jedes siebte Kind ist in Niedersachsen von Armut betroffen“, so Winkler. „Jeder zehnte Haushalt ist überschuldet. Das ist in Weyhe genauso.“

Manche Menschen verlieren durch eine Trennung „einen kompletten Lebensraum“, findet Katrin Moser. Die Sozialarbeiterin des Diakonischen Werks im Kirchenkreis bringt sich ebenfalls in dieses Projekt ein.

Die Weyher Ratsvorsitzende Astrid Schlegel (SPD), die ebenfalls dem Netzwerk angehört, ergänzt, dass betroffene Kinder schulischen Veranstaltungen fernbleiben und auch nicht zu Geburtstagen gehen – des Geldes wegen. Die Mädchen und Jungen könnten es sich weder leisten, ein Geschenk zu bezahlen, noch seien sie oder die Eltern finanziell in der Lage, selbst eine Party zu organisieren, um eine Gegeneinladung auszusprechen.

Um Teilhabe zu ermöglichen, habe die Gemeinde Weyhe schon viel gemacht, so Schlegel. Der gesenkte Freibadeintritt ist für Kinder und Jugendliche eines von vielen Beispielen. Das sei schon mal ein Anfang, wirft Katrin Moser ein. Es gebe noch viel mehr zu tun.

Die von Armut Betroffenen reden nicht gerne darüber, dass ihr Geld nicht ausreiche, so Pastor Ulrich Krause-Röhrs. Er muss nicht weit schauen: Mit jedem Konfirmandenjahrgang unternimmt er Ausflüge. Obwohl der Pastor den Eltern stets anbietet, Wege zu suchen, um bei einem finanziellen Engpass Lösungen zu finden, würden Eltern ganz anders als erwartet reagieren. Sie nehmen das Angebot des Pastors nicht etwa an, sondern sagten den Ausflug kurz vor dem Start ab, weil das Kind plötzlich krank geworden sei. Der Pastor glaube aber, dass jene Eltern in Wirklichkeit das Geld für die Reise nicht erübrigen könnten. Es seien aber nicht nur junge Menschen, die sich bestimmte Dinge nicht leisten können, es seien auch ältere, sagt Marlis Winkler. Es gibt Senioren, die berichten, dass sie ein Leben lang gearbeitet hätten und sich das Alter nicht mehr leisten könnten. „Diese Menschen schämen sich.“ Sie glauben, sie selbst seien Schuld an ihrer Situation.

Krause-Röhrs zitiert neueste Zahlen des Armutsberichtes. Demzufolge sind 1,2 Millionen Menschen in Deutschland wohnungslos, und 15,2 Millionen sind von Armut betroffen. „Das ist ein strukturelles Problem.“ Waren im Jahr 1998 zehn Prozent der Bevölkerung von Armut betroffen, hat sich der Wert zwei Jahrzehnte später „fast verdoppelt“. Für den Pastor sei dieser Zustand nicht hinnehmbar.

Darbietungen der Gruppe „We stamp“ bilden im Gottesdienst den musikalischen Rahmen.

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