Physiotherapeut hat Hoffnung

Therapeuten am Limit: Weyher Jens Uhlhorn besucht Therapiegipfel mit Minister Spahn

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Physiotherapeut Jens Uhlhorn wünscht sich einen Bürokratieabbau.

Weyhe/Berlin - So manche Praxis kennt das „folgenreiche Problem“, was der Weyher Physiotherapeut Jens Uhlhorn schildert: Es gibt Unstimmigkeiten mit einem Rezept, nur weil ein Arzt oder einer seiner Helferinnen und Helfer ein kleines Kreuz falsch gesetzt hat.

So ein Papier kann schon mal laut Uhlhorn einen Bürokratieaufwand von einer halben Stunde verursachen, ohne dass der betroffene Patient ein Behandlungszimmer gesehen hat. „Therapeuten wollen Menschen helfen, müssen aber Ärzten hinterher telefonieren oder das Papier hin- und herfaxen. Ist das Dokument nicht richtig ausgefüllt, kann das Rezept nicht abgerechnet werden oder wird im schlimmsten Fall sogar rückbelastet.“ 

Dann habe der betroffene Therapeut sechs Mal umsonst gearbeitet, so Uhlhorn. Das soll durch einen Bürokratieabbau anders werden, und eine Verbesserung für mehrere tausend Mediziner und Heilmittelerbringer bewirken, hat der Weyher aus berufenem Mund erfahren.

Nach Therapiegipfel: Uhlhorn zieht positives Fazit

Jens Uhlhorn von der Bewegung „Therapeuten am Limit“ steht noch unter dem Eindruck des jüngsten Therapiegipfels mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, zu dem der Weyher kürzlich nach Berlin gefahren ist.

Uhlhorn zieht ein positives Fazit. Der Weyher findet es richtig, dass Spahn den Heilmittelkatalog von derzeit 36 Diagnosegruppen auf sechs reduzieren will: Rücken, Extremitäten, Schmerz, Kinder, Neurologie (Schlaganfall, Parkinson) und Lymphdrainage. Das bringe eine hohe zeitliche Entlastung der Verwaltungsarbeit, sagt der Weyher. „80 Prozent der Vorgänge rund um ein Rezept sind verrückt“, gibt Uhlhorn einen Blick hinter die Kulissen. Das wird „ein großer Wurf der Politik“, so Uhlhorn.

Minister Spahn lobt Weyher Protest

Doch nicht nur auf diesem Gebiet gibt es laut Uhlhorn Verbesserungen dank des „umtriebigen Gesundheitsministers“. „Der Spahn hat hingelangt und auf Berufsverbände und Krankenkassen Einigungsdruck ausgeübt“, so Uhlhorn. Der Bundesminister habe auf dem Therapiegipfel ausdrücklich den Weyher Protest gelobt. 

Wie berichtet, hatte Uhlhorn zusammen mit weiteren Physiotherapeuten und anderen Heilmittelerbringern die Bewegung „Therapeuten am Limit“ gegründet und Demonstrationen und Treffen organisiert. 

Kritik an Bezahlung und Ausbildungskosten

Das Bündnis thematisierte vor einem Jahr die Bezahlung der Physiotherapeuten und den Umstand, dass Schüler, die den Beruf lernen, Ausbildungsgebühren bis zu 20.000 Euro zahlen müssten. Es könne aber nicht sein, dass dieser Beruf nur für Schüler geeignet sei, deren Eltern genügend Geld mitbringen, so Uhlhorn. Denn auch die spätere Bezahlung sei nicht so üppig, dass ein Bildungskredit, den ein Schüler theoretisch aufnehmen könnte, ohne Probleme zurückzahlbar sei. Dazu werde einfach zu wenig Geld verdient.

Seit dem Weyher Protest sind die Honorare signifikant um 25 Prozent gestiegen, so Uhlhorn. „Aber das Ausgangsniveau war mit 1 800/1 900 Euro brutto extrem niedrig“, so Uhlhorn. Jetzt liege das Einstiegsgehalt bei 2 300 Euro brutto. „Das war überfällig und ist ein erster Schritt.“

Krankenkassen haben Therapeuten „verhungern“ lassen

„Die Branche war wirklich fertig“, wertet Uhlhorn und führt den Umstand an, dass es 20 Jahre lang keine Erhöhung gegeben habe, die sich aus der Refinanzierung ergibt. „Die kleine Therapiebranche, die mit drei Prozent nur einen kleinen Anteil am Kuchen der Gesundheitsbranche hat, hatte mit den zuständigen Verbänden den Krankenkassen in den Verhandlungen wenig entgegenzusetzen“, blickt der Weyher zurück. 

Die Krankenkassen, also die Körperschaften öffentlichen Rechts, sind zwar grundsätzlich Verhandlungspartner, aber „die haben uns am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Angebote wurden zurückgezogen, Schiedsverfahren endeten erfolglos“.

Gesundheitsminister springt Therapeuten zur Seite

„In einem beispiellosen Akt hat der Gesetzgeber nach unserem Protest hinsichtlich der Entlohnung eingegriffen und Bundeshöchstpreise auf die Behandlung eingeführt“, so Uhlhorn weiter. Er verwendet ein Bild vom Fußball: Der Gesundheitsminister hatte sich den Problemen der Branche angenommen und sei den Krankenkassen sinnbildlich von der Seite in die Beine gesprungen, sagt der Fußballfan. 

Wurde pro 20-minütiger Behandlung 2018 ein Kurs von 19,58 Euro aufgerufen, sind es jetzt immerhin 21,11 Euro.“ Doch das reiche nicht aus, wendet Uhlhorn ein. In Krankenhäusern sei der Bruttolohn immer noch um 1000 Euro höher. Physiotherapeuten können sich nach wie vor nicht im Beruf halten, nennt Uhlhorn die Folge. In Deutschland gebe es für Physiotherapeuten 125.000 Vollzeitstellen. „Es fehlen aber 30 000 Stellen.“ Alle Heilmittelerbringer belegen laut Uhlhorn insgesamt 360.000 Stellen, da werden unterm Strich 50.000 Kräfte benötigt.

Uhlhorn will mehr Menschen für Beruf motivieren

Uhlhorn setzt auf die Schulmittelfreiheit, um mehr Menschen zu motivieren, seinen Beruf zu ergreifen. Der Gesundheitsminister hatte in dem Berliner Workshop angekündigt, dass ein sogenannter Referentenentwurf im Herbst vorgestellt werden soll, der eine entsprechende Regelung beinhaltet. Uhlhorn rechnet mit der Umsetzung erst im Jahr 2021, weil der Bundesrat entscheiden muss. „Bildung ist Ländersache“, erklärt der Leester. 

Das dauert deshalb so lange, weil Fristen beachtet werden müssen. In Niedersachsen gebe es bereits eine Schulmittelfreiheit für angehende Physiotherapeuten, die nach dem 1. April angefangen haben. Wer davor eine Ausbildung begonnen hat, muss dagegen zahlen, ärgert sich Uhlhorn.

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