Wolfgang Rieck: Keine Angst vor schweren Themen

Lesung, Musik und Schauspiel vor kleinem Publikum in der Wagenfelder Kirche

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Wolfgang Rieck in der Wagenfelder Kirche: Einer, der etwas zu sagen hat.

Wagenfeld - Von Simone Brauns-Bömermann. Wie nähert man sich einem der größten Bildhauer der frühen deutschen Geschichte? Wenn man sich das überhaupt traut, muss man gut vorbereitet und im besten Fall selbst ein Künstler sein. So wie der Mecklenburger Sänger und Liedermacher Wolfgang Rieck, der am Sonntagabend in Wagenfelds Kirche Sankt Antonius mit seinem Programm „Winter, oh Du kalter Freund“ zu Gast war.

Vielleicht lag der spärliche Besuch des hochkarätigen Programms daran, dass die Menschen gerade zur Weihnacht die Querelen der Welt am wenigsten verkraften und deshalb die „heile Welt“ suchen. An der Qualität lag es auf keinen Fall, denn der Liederabend mit anspruchsvollen Texten, gewürzt mit dem feinen Humor aus Mecklenburg, war weit entfernt von sentimentaler Weihnachtsstimmung. In einer Zeit der kurzen, oft sinnentleerten Tweets und Talks, selbst von Staatsoberhäuptern, war der Genuss wie ein lange gereifter Wein. Und Trost, dass es die Menschen noch gibt, die sich auf Künstler von Weltruhm rückbesinnen.

Rieck tritt als Multiinstrumentalist mit Banjo, Gitarre, Ukulele, Ziehharmonika und Tenorhorn an. Er singt a cappella „Maria durch ein´ Dornwald ging und zieht mit „Es ist ein Ros´ entsprungen“ ein. Sein Programm rankt um das Werk des Bildhauers Ernst Barlach, dessen Gefühlsleben, Arbeiten und berühmten Figuren. Mit den zitierten Briefen an Freunde und Mäzene von Barlach von 1912 bis 1932, in der Zeit als ihm bereits der eisige Wind der Nazi-Diktatur entgegenweht, beschreibt Rieck eine schwierige Epoche. 

Dichter Barlach im Fokus

Er rückt auch den Dichter Barlach in den Fokus. Nach dem Künstler, dessen Werke in der NS-Zeit fast vollständig aus dem öffentlichen Fokus entfernt wurden, sind heute Schulen, Theater, Straßen benannt. Er selbst schreibt über sich in der Retrospektive 1927: „…so darf er wohl hoffen, nicht als leichtfertiger Daherredner beiläufiger oder einstweiliger Spruchweisheit angesehen zu werden“.

Paul Schurek schreibt im Todesjahr 1938 in „Begegnungen mit Barlach“: „Ich sah den gehetzten Künstler – das Opfer einer wahnsinnigen, hasserfüllten Menschenjagd. Und alle seine Gestalten, die Bettelnden, Betenden, Frierenden, Angstvollen, Demütigen, Wütenden, Gefesselten – sie flossen mir im Bilde ihres Schöpfers zusammen.“

„Ich such für mein Leben den richtigen Ton“

Barlachs Lebenswerk betont Rieck in Briefauszügen, ent- rollt zur Erläuterung Abbildungen der Figuren von Barlach. Die Ikone der Moderne „Der singende Mann“ ist auch für Rieck Vorbild mit allem Purismus und der zentralen Aussage. Er dichtet und singt „Ich such für mein Leben den richtigen Ton“, natürlich nicht nur musikalisch gemeint. 

Über die Skulptur „Die tanzende Alte“ von Barlach, über die Berthold Brecht schreibt, liest Rieck: „Es ist ein Bildwerk von Humor…, mit welcher Grandezza die Alte den Rock hebt, um noch mal ein Tänzchen zu wagen“. Rieck erläutert: „Ich habe den Text in die Situation gesetzt und eine Art Rondo komponiert.“ Das bringt er, wie ein Erbe von Knut Kiesewetter oder Herman van Veen.

Rieck nimmt sich schwere Text wie den von Werner Bergengruen, das „Kaschubische Wiegenlied“, in dem das Jesuskindchen bei seiner Ankunft statt auf Stroh, im Daunenbett und statt im Stall am Ofen geboren wird.

Kunst statt Dienst an der Waffe

Der gelernte Vollmatrose Rieck erinnert sich an Weihnachten auf See mitten auf dem Indischen Ozean und zieht alle Register seiner Radio- und Hörbuchstimme wie Käpt´n Blaubär und beim Refrain wie die Melodien der Augsburger Puppenkiste. Dann liest er aus der Petition von August Gaul (Bildhauerkollege von Barlach aus Berlin) an die Regierung, Barlach aus dem Wehrdienst 1915 zu entlassen. 

„Das Wunder gelingt“, erläutert Rieck, Gaul überzeugte von der Wichtigkeit der Kunst, die Barlach produzierte, statt dem Militär zu dienen. Zylinder auf, Gitarre vor den Bauch und Karte abgerollt, erklingt die Moritat „De Wunnerdokter“ wie auf dem Jahrmarkt 1848.

Dann wieder singt er vom „gefallenen Kriegsheimkehrer“, der sein erstes Weihnachten zuhause im Bordell feiert, die Vertonung eines der 12.000 Gedichte des österreichischen Poeten Theodor Kramer. Nicht geahnt, der Choral „Ich steh an Deiner Krippen hier“ und ein kollektives „Oh-wie-schön-Raunen“ der 20 Besucher erklingt. Es folgen Ringelnatz, Kramer, Berthold Brecht und der Titel des Konzertes „Winter, oh Du kalter Freund“, die eigene Komposition von Rieck, die er bei Stromausfall an der Ostsee schrieb, bevor er die Wasserleitungen auftaute…

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