Problem: Hausarztzentrierte Versorgung

Wenn der Hausarzt nicht gegen Corona impft ...

Bernd Winkelmann aus Wagenfeld hatte aufgrund eines Irrtums einen beschwerlichen Weg zu seiner Corona-Impfung. Grund war eine abgeschlossene Hausarztzentrierte Versorgung.
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Bernd Winkelmann aus Wagenfeld hatte aufgrund eines Irrtums einen beschwerlichen Weg zu seiner Corona-Impfung. Grund war eine abgeschlossene Hausarztzentrierte Versorgung.

Wagenfeld – Ein Vertrag mit seiner Krankenversicherung erschwerte dem Wagenfelder Bernd Winkelmann den Weg zur Corona-Schutzimpfung. Der 60-Jährige schloss eine Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) ab, die ihn bei der Behandlung von Erkrankungen an seinen Hausarzt bindet.

Der zweifache Familienvater ging nach Abschluss des Vertrages irrtümlicherweise davon aus, dass Hausärzte ausschließlich die eigenen Patienten impfen dürfen und er aufgrund der HzV keinen anderen Hausarzt aufsuchen darf. Das Problem: Sein Hausarzt aus dem Raum Sulingen verweigert die Impfung gegen das Coronavirus.

Heute spricht der Kfz-Mechaniker von „großen Herausforderungen“, die er aufgrund des Vertrages zu bewältigen hatte. Nachdem sein erster Hausarzt die eigene Praxis aufgab, führte ihn seine Suche zu dem Allgemeinmediziner aus dem Raum Sulingen. Dieser habe Bernd Winkelmann die HzV angeboten.

„Die Gemeinde konnte mir in meinem Fall nicht helfen, obwohl sie sich bemüht hat. Auch Anrufe beim Gesundheitsamt und der Corona-Hotline brachten mich nicht weiter“, sagt Winkelmann. Er habe sich von den Behörden hängengelassen gefühlt, da sie ihm bei der Suche nach einem Corona-Impftermin nicht helfen konnten. Letztendlich kümmerte sich der Wagenfelder Bernd Winkelmann eigenständig darum, dass er und seine Frau einen Impftermin im Bassumer Impfzentrum erhalten haben.

Impfungen zählen zu Präventionsleistungen

Aufgrund des beschwerlichen Weges äußert er sich heute kritisch: „Ich finde es nicht richtig, dass den Menschen, die sich impfen lassen wollen, das Leben schwer gemacht wird, bis sie ihre Impfung erhalten können.“

„Das stimmt so nicht. Die hausarztzentrierte Versorgung bezieht sich auf die Behandlung von Erkrankungen. Impfungen zählen zu den Präventionsleistungen. Sollte der gewählte Hausarzt die Impfung nicht anbieten oder erbringen können, so ist es möglich, diese Leistungen durch einen anderen Hausarzt – oder das Impfzentrum beziehungsweise Impfteam erbringen zu lassen. Dies sollte idealerweise in Absprache mit dem gewählten Hausarzt erfolgen“, klärt Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen auf Anfrage auf.

Zudem sei die Teilnahme an der HzV eine freiwillige Entscheidung des Patienten. Dieser habe jederzeit die Möglichkeit, den gewählten Hausarzt zu wechseln – insbesondere bei Störungen des Vertrauensverhältnisses – oder die HzV insgesamt gegenüber der Krankenkasse zu kündigen.

Vorteile einer Hausarztzentrierte Versorgung

Sehr wohl könne eine HzV aber Vorteile haben: Eine Koordination von Behandlungen sei dem gewählten Allgemeinmediziner nur möglich, wenn dieser Kenntnis über alle Fakten hat, die die Gesundheitsversorgung des Patienten betreffen.

Haffke empfiehlt in dem Fall: „Da der Patient freiwillig die Versorgungsform HzV gewählt hat, sollten solche Probleme vertrauensvoll mit dem gewählten Hausarzt besprochen werden und so eine für alle Beteiligten gangbare Lösung gefunden werden.“

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Eine weitere Einschätzung zu dem Fall des Wagenfelders gibt der Sprecher des Deutschen Hausärzteverbandes – Landesverband Niedersachsen, Tim Schäfer: „Der genannte Sachverhalt ist der erste mir bekannte Fall.“ Die meisten Hausärzte in der HzV würden Impfungen – sowohl gegen Grippe als auch gegen das Coronavirus – anbieten. Grundsätzlich werde bei der Corona-Schutzimpfung nicht direkt über Verträge mit den Krankenkassen abgerechnet. Hier greife eine übergeordnete Regelung über das Bundesamt für Soziale Sicherung, erklärt Schäfer. Somit könnten Patienten eine Corona-Impfung auch bei anderen Hausärzten in Anspruch nehmen – unabhängig von ihrer Krankenversicherung.

AOK vertritt dieselbe Ansicht

Dieselbe Ansicht vertritt auch Ulrike Serbent, Pressesprecherin der AOK Niedersachsen: „Es ist das erste Mal, dass wir davon hören, dass ein Hausarzt eine Corona-Impfung bei einem HzV-Teilnehmer verweigert. Der Hausarzt in der HzV ist vertraglich verpflichtet, seine Patienten nach evidenzbasierten und praxiserprobten Leitlinien zu behandeln. Dazu gehört auch die Impfung gegen Corona.“

Falls dem Patienten eine medizinisch sinnvolle Impfung vom HzV-Arzt verweigert wurde, stehe es ihm frei, den Hausarzt aus diesem wichtigen Grund zu wechseln. „Erfahrungen des Deutschen Hausärzteverbandes zeigen, dass Patienten mit einem Hausarzt als festen Ansprechpartner eine höhere Impfquote aufweisen als Versicherte ohne Hausarztbindung“, fügt Schäfer an.

Der 60-jährige Wagenfelder richtet seinerseits einen Appell an alle bisher Ungeimpften, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Auch, wenn der Weg bis zum Impftermin, wie in seinem speziellen Fall, nicht immer einfach sei.

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