Wissenschaftler legen Biodiversitätsdach auf Hallendach an

„Was Lütvogt macht, ist außergewöhnlich“

Blicken der Entwicklung des Biodiversitätsdachs mit Spannung entgegen (v.l.) Cornelis Hemmer, Dirk Lütvogt, Jasper Milde, Ludger Gröne, Timo Friedhoff, Dr. Roland Schröder, Maria Gröne und Daniel Jeschke. Foto: Russ
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Blicken der Entwicklung des Biodiversitätsdachs mit Spannung entgegen (v.l.) Cornelis Hemmer, Dirk Lütvogt, Jasper Milde, Ludger Gröne, Timo Friedhoff, Dr. Roland Schröder, Maria Gröne und Daniel Jeschke.

Wagenfeld - Neu ist das Thema Biodiversitätsdach für die Wissenschaftler der Hochschule Osnabrück nicht, aber eine so große „Spielwiese“ ist auch für sie etwas Einzigartiges. Auf dem 10.000 Quadratmeter großen Dach der Lagerhalle, die die Firma Lütvogt 2018 an der Friedrich-Lütvogt-Straße in Wagenfeld errichtet hat, legen sie seit Dienstag eine Biodiversitätslandschaft an.

„Das ist eine einmalige Chance“, sagt Dr. Roland Schröder, der das seit 2017 an der Hochschule laufende Forschungsprojekt „Roofs of Biodiversity – Innovative Verfahren für die Anlage multifunktionaler extensiver Dachbegrünungen“ betreut. Dessen Ziel ist es zu testen, welche Pflanzenarten der hiesigen Naturlandschaft sich für Dachbegrünungen jenseits eines simplen „Grünteppichs“ eignen, und dieses Wissen für künftige Begrünungen zu nutzen.

Die Zusammenarbeit mit der Hochschule kam zustande, nachdem sich Dirk Lütvogt, Geschäftsführer des Familienunternehmens, auf Anregung von Detlev Tänzer vom Landkreis Diepholz dazu entschlossen hatte, das Dach der neuen Halle zu begrünen. Allerdings wollte er eben nicht nur einen grünen „Teppich“, sondern eine Landschaft, die auch Insekten und Kleintieren zugutekommt – also ein Biodiversitätsdach.

Die Kosten dafür bezifferte Lütvogt auf etwa 400.000 Euro. 90 Prozent der ursprünglich geplanten Basismaßnahme werde aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und des Landes Niedersachsen finanziert, so Lütvogt. Die zwischenzeitlich erfolgten Erweiterungen und insbesondere die zusätzliche Bewässerungstechnik trage das Familienunternehmen. Ebenso wie die Kosten für die stärkere Holzdimension für die 140 bis 200 Kilo zusätzliche Auflast durch das Gründach und die umweltfreundliche und stabile Dachabdichtung aus Kautschuk statt PVC.

Bevor die Wissenschaftler am Dienstag loslegen konnten, hatten Mitarbeiter des Garten- und Landschaftsbaus Gröne aus Dinklage das Dach mit Mineralsubstrat und einer etwa einen Zentimeter dünnen Kompostschicht versehen. Außerdem verlegten sie etwa 13 Kilometer Tropfschläuche für die Bewässerung. Für Inhaber Ludger Gröne ist das Projekt eine spannende Erfahrung. Zwar kennt er sich mit Dachbegrünungen aus, aber in dieser Größe und dieser Art sei es etwas Besonderes.

Das Dach ist in mehrere Begrünungsbereiche unterteilt, in denen drei Saatmischungen zum Einsatz kommen. Die Bereiche haben unterschiedliche Substratgehalte, einige werden bewässert, andere nicht. So wollen die Wissenschaftler die Kombination finden, die sich am besten für die Dachbegrünung eignet. Dickblattgewächse wie Mauerpfeffer und Fetthennen, Heidenelken, Thymian, Moose, Flechten und viele andere Arten werden angepflanzt. „Es sind meist unscheinbare Arten“, so Schröder, die aber trotzdem ihren Reiz haben. „Manchmal erschließt sich die Schönheit erst beim genauen Hinsehen.“ Einige dieser Pflanzen haben die Wissenschaftler selbst in der Region, unter anderem im Hohen Moor in Kirchdorf, gesammelt. Auf einem Teil des Daches sollen aber auch anspruchsvollere Pflanzen wachsen. Insgesamt werden auf dem Dach und einem Erdwall auf dem Gelände etwa 50 Arten angepflanzt.

Darüber hinaus werden vegetationsfreie Sandlinsen mit Sand aus dem Kellenberg angelegt, die als Nistplatz für Wildbienen dienen können. Denn sie haben laut Schröder nur einen Aktionsradius von wenigen 100 Metern, würden das Nahrungsangebot auf dem Dach also nur nutzen, wenn sie dort auch Unterschlupf finden. Grobkieswege und Totholz können Kleintieren als Versteck oder Brutplatz dienen, kleine Wasserflächen bereichern den Lebensraum zusätzlich. „Wir sind sehr gespannt, ob das Angebot angenommen wird“, so Schröder.

Er hofft, dass die Hochschule das Projekt mindestens in den nächsten vier Jahren wissenschaftlich begleiten kann. Für die Finanzierung des Monitorings der Flora und Fauna (insbesondere Wildbienen-Arten) bereitet er derzeit einen Förderantrag vor. Für das Monitoring hat die Hochschule laut Lütvogt auch schon Kontakt mit der Oberschule Wagenfeld aufgenommen, die als Naturparkschule eingebunden werden soll.

Am Dienstag war auch Cornelis Hemmer vom Projekt „Deutschland summt!“ der Naturschutzstiftung in Berlin vor Ort, mit dem das Unternehmen eine Partnerschaft eingehen wird. Hemmer bezeichnete das Biodiversitätsdach als Ausnahmeprojekt. „In der Umweltkommunikation braucht es starke Bilder“, um die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, selbst aktiv zu werden. „Was die Firma Lütvogt hier macht, ist außergewöhnlich“, so Hemmer.

Damit andere von den Erkenntnissen des Projekts profitieren können, ist zum einen die Erstellung eines Handbuchs geplant, außerdem soll eine Ausstellung konzipiert werden.

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