SERIE: PROJEKTE IM EFMK Canape erprobt nasse Bewirtschaftung im Mittleren Wietingsmoor

Torfmoose brauchen Geduld und Gefühl

Dr. Jens-Uwe Holthuis leitet das Projekt Canape, dessen Ziel unter anderem die Vereinbarkeit von Moorvernässung und landwirtschaftlicher Nutzung ist. Im Mittleren Wietingsmoor in Barver haben gerade die Erdarbeiten für eine Torfmoos-Farm begonnen. Für die Produktionsfläche werden der Oberboden abgetragen und der umlaufende Bewässerungsgraben ausgehoben. Fotos: Holthuis

Ströhen/Barver - Von Melanie Russ. Die Wiedervernässung der Moore ist angesichts der dort gespeicherten Mengen an Treibhausgasen eine wesentliche Stellschraube im Kampf gegen den Klimawandel. „Im Landkreis Diepholz haben wir einen riesigen Hebel“, sagt Dr. Jens-Uwe Holthuis, Leiter des Projekts Canape, das im Landkreis Diepholz im Europäischen Fachzentrum Moor und Klima (EFMK) in Ströhen angesiedelt ist. Holthuis weiß aber auch: „Dort leben und wirtschaften Menschen.“ Und die wolle man nicht vertreiben, betont er. Wiedervernässung und landwirtschaftliche Nutzung in Einklang zu bringen, ist das Ziel von Canape. „Wenn wir vernässen wollen, müssen wir den Landwirten auch Perspektiven bieten“, betont Holthuis. „In Ostdeutschland und im Baltikum ist das schon eine anerkannte Wirtschaftsform.“

Insgesamt sind Aktive aus fünf Ländern an dem von der Europäischen Union geförderten Projekt beteiligt: Deutschland, Großbritannien, Niederlande, Belgien und Dänemark. Ziel ist der Erfahrungsaustausch innerhalb der Nordsee-Region, um das Moormanagement zu verbessern, denn sie alle stehen in Sachen Moorschutz vor ähnlichen Herausforderungen, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. So stehen die Engländer mit ihrem großen Mündungsgebiet zur Nordsee vor der Frage, wie sie die großen Mengen an Schilf und Grünschnitt verwerten können. Zum Teil nutzen sie das Material laut Holthuis zur Gewinnung von Holzkohle. In Dänemark nutze man für die Wiedervernässung großer Hochmoorflächen Betonit (flüssiger Ton), das in Schächte gegossen werde, während der BUND im Projekt Klimatools Spundwände aus Recycling-Kunststoff verwendet.

Holthuis bewertet die Kooperation als sehr fruchtbar. Bei den regelmäßigen Treffen mit den internationalen Projektpartnern hat er viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede in der Herangehensweise festgestellt. „In Deutschland wird sehr viel überlegt und abgewogen.“ In Holland versuche man auch einfach mal was. Im Vergleich zu den Partnern sieht er den Landkreis Diepholz beim Moorschutz gut aufgestellt – nicht zuletzt wegen des guten Netzwerkes, das sich im EFMK gebildet hat. „Die Akteure spielen sehr gut zusammen“, so Holthuis.

Schwerpunkt im Landkreis Diepholz ist die Erprobung der Nassbewirtschaftung (Paludikultur) eines degradierten Hochmoorstandortes im mittleren Wietingsmoor in Barver. In der vergangenen Woche haben dort die Erdarbeiten für eine Palludi-Farm begonnen. Sie sollen möglichst noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Im nächsten Jahr stehen die Bewässerung und der Anbau des Torfmooses an.

Auf dem etwa acht Hektar großen Areal werden zwei Polder mit insgesamt 2,1 Hektar Fläche angelegt. Sie sollen als Test-, Demonstrations- und Schulungsobjekt für Paludikultur dienen. Erst mal wird allerdings nur eine der beiden Flächen realisiert – aus Kostengründen und weil sie im Gegensatz zur zweiten noch über eine recht dicke Torfschicht verfügt und darum kleinere Fehler verzeiht.

Außerdem wird auf dem Areal ein 3 000 Kubikmeter fassendes Wasserreservoir angelegt, um sicherstellen zu können, dass die Flächen auch ohne Regen ganzjährig feucht genug sind. Das Reservoir soll primär während der Wintermonate über den Freistädter Moorkanal gefüllt werden. Im Notfall ist auch eine Speisung über das Grundwasser möglich.

Nach der Anpflanzung ist Geduld gefragt, denn Torfmoose haben es mit dem Wachstum nicht sonderlich eilig. Auf kultivierten Flächen mit optimalen Bedingungen wachsen sie laut Holthuis etwa einen Zentimeter pro Jahr – zehnmal schneller als in natürlicher Umgebung. Erntereif sei das Moos, wenn es eine Höhe von etwa zehn Zentimetern erreiche. Mindestens sechs bis sieben Jahre werde das dauern.

Für die Verwendung des Torfmooses gibt es mehrere Möglichkeiten. Zum einen können sie für die Renaturierung von Hochmooren genutzt werden. „Wir können für diesen Zweck ausgesuchte Torfmoosarten anbauen“, so Holthuis. Außerdem dienen Torfmoose zur Herstellung von Pflanzerden, die sich wunderbar als Torfersatz eigneten. „Für einige Zwecke ist das schon marktreif.“

Bis zur Ernte sind noch ein paar Hindernisse zu überwinden. Zum einen müssen sich die Projektmitarbeiter Gedanken über die Erntetechnik machen, denn die Flächen sind sehr sensibel und würden das Gewicht eines Traktors nicht vertragen. Hierzu ist laut Holthuis eine Kooperation mit den Universitäten und Hochschulen der Region geplant.

Und dann ist da das liebe Geld. Die aktuelle Förderung läuft Ende 2021 aus. „Wir sind schon dabei, weitere Fördermöglichkeiten zu prüfen“, so Holthuis. „Für die wirtschaftliche Fortführung brauchen wir aber auch einen engagierten Erdenhersteller, der sie betreibt.“

Ein weiterer Fokus im Landkreis Diepholz liegt auf dem extrem nährstoffreichen Flachwassersee „Holter Meer“ in der Samtgemeinde Barnstorf. Dort wird derzeit untersucht, welche Sanierungsmaßnahmen sich am besten eignen, um den Nährstoffgehalt zu senken.

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