Märchenhaftes Larp-Projekt in Ströhen

Im Landkreis Diepholz entsteht ein Dorf voller Wunder

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In den Gebäuden steckt viel freiwillige Arbeit und Liebe zum Detail.

Ströhen - Von Katharina Schmidt. Mit einem Knarren öffnet sich die Tür zur Taverne. Die Feuerstelle inmitten des mit Tierfellen geschmückten Raumes verströmt einen rauchigen Geruch. Ritter, Schurken, Elfen und andere Gestalten sitzen im Schein der Flammen beisammen. Im Hintergrund erklingt eine Harfe. Was wie eine Szene aus einem Fantasyroman anmutet, spielt sich künftig von Zeit zu Zeit im Süden des Landkreises Diepholz ab – vorausgesetzt, Dirk Kemper und Lena Weichselbaumer können ihren Traum verwirklichen. Das Paar errichtet auf einer Wiese in Ströhen das Larpdorf Bogenwald.

Die Abkürzung Larp steht für „Live Action Role Play“. Dabei handelt sich um ein Rollenspiel. Die Teilnehmer verkleiden sich, schlüpfen in die Rollen fantasievoller Charaktere und tauchen auf sogenannten Conventions in eine Welt ab, die die meisten Menschen nur aus Filmen und Büchern wie „Der Herr der Ringe“ kennen. Auf den oft mehrtägigen Veranstaltungen duellieren sie sich mit Schwertern aus Schaumgummi, ahmen mit kleinen Feuerwerkskörpern magische Effekte nach oder tauschen Geschichten aus – was sich eben ergibt. Die Handlungen entwickeln sich laut Lena Weichselbaumer wie von selbst. Die 29-Jährige vergleicht Larp mit Improvisationstheater.

Hinter den Königen, Rittern und Schurken stecken Handwerker, Anwälte oder Ärzte. „Man kann sein, was man schon immer mal sein wollte“, beschreibt Weichselbaumer einen Reiz ihres Hobbys. Sie selbst verwandelt sich regelmäßig in die gute Kräuterhexe Greta.

Die beiden Gründer von Bogenwald: Dirk Kemper und seine Verlobte Lena Weichselbaumer.

Bogenwald bietet auf 50 mal 50 Metern die passende Kulisse, um der Realität für eine Weile zu entfliehen. Das ruhig gelegene Grundstück nahe der Rickerstraße gehört dem Tierpark. „Anfangs stand nur eine Scheune“, erzählt Dirk Kemper, in der Szene bekannt als Schwertmeister Leto. Das war vor etwa einem halben Jahr.

Mittlerweile prägen die ersten Gebäude im Fachwerkstil das Ortsbild. Das Herzstück ist die Taverne. An diese schließt sich ein mittelalterlich angehauchter Wellnessbereich mit Badezubern, Sauna und feuerbeheizten Duschen an. Außerdem stehen ein Brunnen und ein Bürgermeisterhaus samt Gefängniszelle am Dorfplatz. Ebenfalls auf dem Gelände: Trockenkomposttoiletten, bei der Fäkalien mit Sägespänen abgedeckt werden. Bei einem Rundgang durch Bogenwald zeigt sich schnell: In all dem steckt unglaublich viel Arbeit und Liebe zum Detail.

Zukunft hängt von Genehmigungen ab

Kemper und seine Verlobte hoffen, dass das erst der Anfang ist. Sie wollen weitere Gebäude errichten. Sogar eine Burg schwebt ihnen vor. Ob sie ihre Visionen in die Tat umsetzen können, hängt von der Gemeinde ab. Ein Architekt muss alles absegnen, der Flächennutzungsplan geändert werden. Die beiden zugezogenen Ströher sind sich sicher: Wenn alles klappt, entsteht etwas Wunderbares. Wenn nicht, können sie die Gebäude – wenn auch schweren Herzens – schnell wieder abbauen. „Das waren mal alte Weihnachtsmarkthütten“, so Kemper.

Blick in das Herzstück Bogenwalds: die Taverne.

Ein Holzwall umzäunt das Dorf. Er soll vor Wind und Schall schützen, nicht vor neugierigen Blicken. „Wir wollen uns nicht abschotten“, betont Weichselbaumer. Im Gegenteil. Das Paar wünscht sich, dass Bogenwald nicht nur die Larp-Szene bereichert. Auch die Gemeinde und ihre Bewohner sollen profitieren.

Eine erste eigene Convention haben sie bereits organisiert. Rund 90 Leute waren aus allen Himmelsrichtungen angereist. Viel mehr Larpspieler sollen es auch in Zukunft nicht werden. Auch die Zahl der eigenen Veranstaltungen wollen Kemper und Weichselbaumer in Grenzen halten. Vielmehr möchten sie Bogenwald als Kulisse bereitstellen – und das nicht nur für eingefleischte Rollenspieler. Das Paar könnte sich zum Beispiel vorstellen, in Zusammenarbeit mit Vereinen oder der Gemeinde irgendwann mal einen Kinderaktionstag oder einen Mittelaltermarkt zu veranstalten. „Vielleicht könnte hier sogar eine Gemeinderatssitzung stattfinden“, überlegt Kemper. Die beiden Gründer Bogenwalds sind offen für Veranstaltungs-Vorschläge.

Mittelalterliches Larpdorf Bogenwald entsteht in Ströhen

Larp-Dorf Bogenwald in Ströhen

Einen märchenhaften Ort aus dem Boden zu stampfen, kostet Geld. „Und Geld haben wir nicht“, sagt Kemper. Der 43-Jährige hat zehn Jahre lang als Gastronom gearbeitet. Einen Ausschank plant er auf dem Grundstück allerdings nicht. „Wir wollen hier gar nicht großartig etwas verdienen“, sagt seine Partnerin. Die beiden haben viel gespart und gesammelt. Außerdem können sie ihr Projekt dank freiwilliger Helfer und Spenden (Geld, Holz oder auch Felle) vorantreiben. Die Gäste ihrer Conventions zahlen einen Obolus, der ebenfalls in den Aufbau von Bogenwald fließt.

Bogenwald - das Larpdorf in Ströhen

Lena Weichselbaumer kommt gebürtig aus Regensburg. Vor Kurzem hat sie ihren Abschluss als Illustratorin in Nürnberg gemacht. Ihr Verlobter stammt aus Mönchengladbach. Zuletzt hat er in Oberhausen gearbeitet. Die beiden haben sich über ihr gemeinsames Hobby kennengelernt. Er spielt seit 13 Jahren, sie seit zwei. Auf das Grundstück in Ströhen sind sie durch einen Freund aufmerksam geworden, der eine Wiese weiter ein weiteres Larpdorf im Wikingerstil plant. Insbesondere die Natur in Ströhen hat es ihnen angetan. „Ich mag den Ruhrpott nicht. Ich mochte ihn noch nie“, sagt Kemper über seine ehemalige Heimat.

Zweite Identität ganz ohne Zwang

Lena Weichselbaumer erzählt, dass ihr Rollenspiel dabei geholfen hat, sich selbst besser kennenzulernen. Viele Hobbyisten seien im Larpspiel mehr sie selbst als im echten Leben, wo Job und Gesellschaft Zwänge vorgeben würden. Ihr Verlobter pflichtet ihr bei. „Wenn die Leute sich nach einer Con wieder normal anziehen, werden sie oft zu anderen Menschen.“ Laut den Spielern erleichtert es Larp, andere Personen vorurteilsfrei kennenzulernen. Im Gespräch mit ihnen wird deutlich: Sie sind weder zugereiste Sonderlinge, noch Hardcore-Mittelalterfans. Sie sind einfach offenherzige Menschen mit einem Hobby, das sich besser erleben als beschreiben lässt.

Die Gründer laden Neugierige ein, sich mit ihnen in Verbindung zu setzten und einfach mal in Bogenwald vorbeizuschauen. Ihre Conventions sind in der Regel nicht für Publikum offen, durchaus aber für Larp-Einsteiger. Kontaktdaten und weitere Infos:

www.bogenwald.eu

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