In Ströhens Süden entsteht ein „Leuchtturm“ 

Amt für regionale Landesentwicklung stellt Planungen für Flurbereinigung vor

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Im Bereich Mindener Straße / Wünkers Weg ist eine Verlegung des Laufs der Großen Aue angedacht. Um sie auch umsetzbar ist, ist noch offen.

Ströhen - Von Melanie Russ. „Wenn wir diesen Schritt gehen, ist das ein ziemlicher Leuchtturm“, umschreibt Olaf Stührmann vom Amt für regionale Landesentwicklung Leine-Weser, Geschäftsstelle Sulingen, das geplante Flurbereinigungsverfahren Ströhen-Süd. Dessen Dimension ist in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Es ist mit rund 4,5 Millionen Euro das derzeit teuerste in ganz Niedersachsen, das darin berücksichtigte Wegenetz mit 30 Kilometern das längste der etwa 30 Verfahren, die die Behörde derzeit betreut.

Am Mittwochabend stellten Stührmann und sein Kollege Heinrich Dammeier die vorläufigen Planungen für das 1 905 Hektar große Areal südlich der Mindener Straße und der Tierparkstraße im Tierparkrestaurant in Ströhen vor. Davon betroffen sind 275 Grundstückseigentümer, die nach derzeitigem Stand 330 Euro pro Hektar zur Flurbereinigung beitragen müssen. Die Zahlung werde über mindestens vier Jahre gestreckt, betonte Stührmann. Das Land Niedersachsen trägt ebenfalls seinen Teil zum Verfahren bei. Der Gemeinde Wagenfeld liegt ein verbindlicher Förderbescheid in Höhe von rund 3,4 Millionen Euro vor.

Allgemeines Ziel der Flurbereinigung ist die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse im ländlichen Raum. Im Fokus steht dabei die Landwirtschaft. Stührmann: „Das ist unsere Kernkompetenz.“ Das Verfahren berücksichtigt aber auch andere Aspekte wie gemeindliche Planung, Naherholung oder Naturschutz. Letzteres habe im Landkreis Diepholz eine besonders große Bedeutung, sagte er mit Blick auf die Moore.

Die aktuelle Planung hatte ein Arbeitskreis, an dem Ströher Bürger beteiligt waren, in den vergangenen eineinhalb Jahren ausgearbeitet. „Es ist etwas Tolles dabei herausgekommen“, sagte Bürgermeister Matthias Kreye. Stührmann betonte, dass es sich dabei um Vorschläge handele. Bevor es an die Umsetzung gehe, würden alle betroffenen Bürger beteiligt.

Gut 80 Ströher waren der Einladung zum sogenannten Aufklärungstermin zur Flurbereinigung Ströhen-Süd in das Tierparkrestaurant gefolgt.

Ein Ziel des Verfahrens ist die Zusammenlegung landwirtschaftlicher Flächen, ein weitaus wichtigeres die Reduzierung des Wegenetzes und der Ausbau der verbleibenden Wege. „Die Straßen müssen einiges aushalten“, sagte Dammeier mit Blick auf die wuchtigen Landmaschinen, für die viele Wege derzeit gar nicht ausgelegt sind.

Das Ziel der Reduzierung bleibt in Ströhen allerdings auf der Strecke. Aus Sicht des Amtes sei das sehr bedauerlich, aber „hier ist nicht ein Meter Weg einzusparen“, sagte Stührmann. Jeder Weg führe zu einem Haus, Hof oder Acker und müsse erhalten bleiben. Der Ausbau mit Asphaltdecke erfolgt bis auf eine Ausnahme in einer Breite von drei Metern. Mehr fördere das Land nicht, erläuterte Stührmann. Einige Wege werden daher schmaler werden als bisher. Vorgesehen ist außerdem die Erneuerung der Brücke über den Langen Graben am Darlatener Weg. Die Kosten dafür trägt die Gemeinde ohne Beteiligung der Bürger.

Das Landschaftskonzept des Verfahrens umfasst unter anderem Naturschutzmaßnahmen im Randbereich des Naturschutzgebiets „Ströhener und Steinbrinker Masch“ sowie im Hespeloher und Löher Moor und die Anlage von Baumreihen, Gehölz- und Blühstreifen sowie Feuchtbiotopen.

Olaf Stührmann vom Amt für regionale Landesentwicklung Leine-Weser stellte die Planungen gemeinsam mit seinen Kollegen vor.

Das aufwendigste und kostspieligste Projekt aber ist die ökologische Aufwertung der Großen Aue. Sie tue zwar, was sie soll – Wasser abtransportieren –, doch als Lebensraum habe sie erhebliche Defizite, erklärte Rainer Ausborn, Geschäftsführer des Unterhaltungs- und Landschaftspflegeverbands Große Aue. Das soll sich im Rahmen der Flurbereinigung ändern. In welchem Umfang ist noch offen und hängt zum einen von der Flächenverfügbarkeit ab, ganz wesentlich aber davon, ob sich jemand findet, der das Ganze finanziert. Denn Bürger und Gemeinde werden dafür laut Dammeier ebenso wenig zur Kasse gebeten wie für andere Maßnahmen zur ökologischen Aufwertung. Diese müssen von Dritten, beispielsweise Verbänden, getragen werden. „Wir versuchen, ohne Ihnen wehzutun, etwas für die Natur zu tun“, brachte es Stührmann auf den Punkt. Die Teilnehmergemeinschaft müsse nur für die Landschaftspflege zahlen, die dem Ausgleich von Baumaßnahmen diene.

Für die ökologische Aufwertung der Großen Aue stellte Dammeier drei Varianten vor. Zwei sehen im jetzigen Flussverlauf eine Gewässerbreite von neun bis zwölf Metern mit kleinen Inseln beispielsweise aus Totholz und den Einbau von Strukturelementen vor. In der dritten Variante soll der Flusslauf im Bereich Mindener Straße / Wünkers Weg nach Westen verlegt werden, um dort ein Habitat für Tiere und zugleich einen Erholungsraum für Menschen zu schaffen.

Das alte Flussbett soll erhalten bleiben

Das alte Flussbett soll erhalten bleiben, um die Entwässerung der anliegenden Flächen insbesondere im Frühjahr sicherzustellen. Voraussetzung für die Umsetzung ist laut Dammeier neben der Finanzierung, dass die Aue im Bereich der bereits laufenden Flurbereinigung Ströhen-Nord „ins Fließen gebracht“ wird.

Der nächste Schritt nach der Einleitung der Flurbereinigung ist die Wahl eines Vorstands aus Ströher Bürgern, der das Verfahren in allen Details begleiten soll. Sie soll am Donnerstag, 29. November, ab 19 Uhr im Tierparkrestaurant erfolgen. 2019 soll das Plangenehmigungsverfahren laufen. Die Umsetzung ist, beginnend mit der Sanierung der ersten Wege, ab 2020 geplant. Der Flächentausch inklusive Wertermittlung und Vermessung soll bis 2023 abgewickelt werden. „Dann ist die Flurbereinigung für die meisten Bürger erledigt“, so Dammeier. Das gesamte Verfahren soll nicht länger als zehn Jahre dauern, also 2029 abgeschlossen werden.

Bürgermeister Matthias Kreye warb bei den Bürgern dafür, sich trotz der Kosten an dem Flurbereinigungsverfahren zu beteiligen. „Es ist ein tolles Konzept, in dem viel lokales Wissen steckt.“ Der neue Ortsvorsteher Reinhard Heider pflichtete ihm bei. „Wir können es uns nicht leisten, die Menschen im Außenbereich abzukoppeln“, sprach er das lange Wegenetz an. Jeder, der jetzt seine eigenen Kosten im Auge habe, müsse sich bewusst sein, dass die Wege irgendwann ohnehin erneuert werden müssten – und dann womöglich ohne Förderung. Heider: „Günstiger werden wir es nicht bekommen!“

Alle Planungsunterlagen und die Niederschriften der Arbeitskreissitzungen sind auf der Homepage der Gemeinde Wagenfeld unter dem Punkt „Standort“ zu finden.

www.wagenfeld.de

Kommentar von Melanie Russ

Flurbereinigung: Teuer, aber eine große Chance

Von Melanie Russ - Zugegeben. Eine ganze billige Angelegenheit ist die Flurbereinigung Ströhen-Süd nicht. Weder für die Gemeinde Wagenfeld noch für die am Verfahren beteiligten Grundstückseigentümer. 330 Euro pro Hektar lassen sicherlich manch einen erstmal schlucken. Und wie sich die Kosten für die Wegesanierung in den kommenden Jahren entwickeln, kann niemand verlässlich prognostizieren. Angesichts der aktuellen Preissteigerungen im Baugewerbe muss man sich wohl darauf einstellen, dass es teurer werden könnte. Da ist es für Nichtbetroffene natürlich leichter zu sagen, die Flurbereinigung sei eine tolle Sache und stelle die Ortschaft für die Zukunft sicher auf. Aber sie ist auch für die Beteiligten eine große Chance. In einer Gemeinde ist kaum etwas so kostspielig wie die Unterhaltung des Wegenetzes. Aktuell ist das Land bereit, 75 Prozent der Kosten zu übernehmen. Niemand weiß, ob die Fördermittel in einigen Jahren noch genauso kräftig fließen würden. Die Sanierung der Wege aber ist auf lange Sicht unumgänglich. Wenn man sie jetzt nicht anpackt, wäre sie nur aufgeschoben, nicht aufgehoben.

Kasten Finanzierung

Allgemeine Ausführungskosten 4.480.000 Euro 

Wegebau 4.180.000 Euro 

Landschaftspflege 30.000 Euro 

Vermessung, Planinstandsetzung etc. 270.000 Euro

____

Zuschuss vom Land (75%) 3.360.000 Euro 

Gemeinde Wagenfeld (13,5%, Brücke 25%) 660.000 Euro 

Eigenleistung Teilnehmer (11,5%) 460.000 Euro 

entspricht einem Hebungsbeitrag von rund 330 Euro/Hektar

____

Sicherung Naturhaushalt (freiwillig) 190.000 Euro 

Zuschuss vom Land (75%) 142.500 Euro 

Eigenleistung (z.B. Verbände, 25%) 47.500 Euro

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